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Deutschlands Staatsvolk bleibt ein Tabu

30. September 2021
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Auch nach dieser Bundestagswahl wird es nicht wenigen gehen wie dem Spieler, den Bertolt Brecht im Epilog seines Stรผcks โ€žDer gute Mensch von Sezuan“ bilanzieren lรครŸt: โ€žWir stehen selbst enttรคuscht und sehn betroffen / Den Vorhang zu und alle Fragen offen“. Warum? Weil erneut von keiner der Parteien, die die Regierungskoalition bilden werden, die alles entscheidende Frage thematisiert wird โ€“ die Frage nach dem Staatsvolk, das gemรครŸ der Drei-Elemente-Lehre neben Staatsgebiet und Staatsmacht das dritte vรถlkerrechtliche Merkmal eines Staates ist.

Dem Grundgesetz zufolge schwรถren Bundesprรคsident, Kanzler und Minister bis heute feierlich, ihre Kraft โ€ždem Wohle des deutschen Volkes“ zu widmen. Doch was seit 1949 fรผr Jahrzehnte selbstverstรคndlich war, ist es lรคngst nicht mehr, wie jeder weiรŸ, der mit wachen Sinnen durch die StraรŸen geht.

Plรถtzlich sind wir Einwanderungsland

In seiner Festrede, die er am 23. September zur Erรถffnung des Berliner Humboldt-Forums hielt, bestรคtigte Frank-Walter Steinmeier das Offensichtliche. Vor รผber zwanzig Jahren, so der Prรคsident, sei die Idee fรผr dieses neue Weltmuseum aufgekommen. Damals sei er von dem Projekt รผberzeugt gewesen, doch heute, lieรŸ das Staatsoberhaupt durchblicken, sei er skeptischer. So vieles habe sich mittlerweile verรคndert: In Berlin โ€žist heute die Welt nicht nur zu Gast, die Welt ist hier zuhause. (…) Menschen aus allen Teilen der Welt leben heute in Deutschland. Sie gehรถren zu dem, was heute ยดdeutschยด bedeutet. Sie sind nicht Menschen mit Migrationshintergrund โ€“ wir sind ein Land mit Migrationshintergrund.“

Durch den massenhaften, bis heute unbewรคltigten Zustrom vorgeblich Asylsuchender aus Vorderasien und Nordafrika hat sich den Deutschen nach der Wiedervereinigung somit eine neue nationale Frage gestellt, die das polit-mediale Establishment รคngstlich zu bemรคnteln und nach Mรถglichkeit zu beschweigen versucht. Das existentielle Ringen, das Zรผge eines geistigen Bรผrgerkriegs hat, lรครŸt sich am besten mit Odo Marquards berรผhmtem Diktum โ€žZukunft braucht Herkunft“ verdeutlichen: Die einen, die โ€žZukรผnftigen“ und vermeintlich Fortschrittlich-Modernen, sehen das Ziel der Geschichte in der Universalitรคt einer Weltgesellschaft, in der eines Tages alle Ethnien und Kulturen als endlich vereinte Menschheit aufgehen werden. Die anderen, die โ€žHerkรผnftigen“, beharren โ€“ angesichts der Ungleichheit schon im Individuellen โ€“ auf ethnisch-kultureller Differenz und nationalen Identitรคten, da sie sich im globalen Staatengefรผge hรถchstens temporรคre Perioden friedlicher Koexistenz vorstellen kรถnnen.

Hinter der Ideologie der โ€žZukรผnftigen“, zu denen selbstredend auch Steinmeier zรคhlt, steht ein Welt- und Menschenbild fern jeder Realitรคt. In Abwandlung des berรผhmten Gastarbeiter-Zitats von Max Frisch lieรŸe sich sagen, die Eine-Welt-Propagandisten rufen nach Menschen, aber es kommen Syrer, Kongolesen, Afghanen, Roma, Schiiten, Sunniten, Salafisten, Kopftuchtrรคgerinnen, Verfechter von Blutrache, Ehrenmorden etc. Der โ€žMensch“, abstrahiert von seiner genetischen, ethnischen, geschichtlichen und soziokulturellen Herkunft sowie von sรคmtlichen Bezรผgen zu Gegenwart und Wirklichkeit, ist bloรŸe Fiktion, eine Hรผlle ohne Inhalt, eine Gattungsbezeichnung wie Tier oder Pflanze. Schon vor 200 Jahren erklรคrte der franzรถsische Staatsrechtler Joseph de Maistre, in seinem Leben habe er noch nie einen โ€žMenschen“ getroffen, sondern stets nur Russen, Deutsche, Italiener oder Englรคnder.

Das Offensichtliche wird verleugnet

Ein Gedankenkonstrukt ist auch die Vorstellung der einen Welt. In Wahrheit leben wir in vielfรคltigen globalen Rรคumen, geprรคgt durch unterschiedliche Landschaften, Klimazonen, Faunen, Floren, Religionen, Kulturen etc. Davon lieรŸ sich auch Konfuzius leiten und ihn vor 2.500 Jahren zum Begrรผnder eines realistischen Welt- und Menschenbildes werden: โ€žDie Natur der Menschen lรครŸt sie einander nah sein, doch die Gebrรคuche halten sie voneinander fern.“ Nichts โ€“ auรŸer ihrem abstrakten โ€žMenschsein“ โ€“ verbindet einen Eskimo mit einem Bantu, nichts einen Finnen mit einem Polynesier, nichts eine Chinesin mit einer Venezolanerin oder einen Norweger mit einem Sizilianer.

Selbst im eigenen Land sind die Unterschiede zwischen einem nordfriesischen Kรผstenbewohner und einem Oberbayern aus dem Tegernseer Land gravierend. Tรถricht ist daher die oft aufgestellte Behauptung, Deutschland kรถnne jรคhrlich Zehntausende von Zuwanderern aufnehmen, schlieรŸlich habe es nach 1945 sogar zwรถlf Millionen Vertriebene und Flรผchtlinge integriert. DaรŸ es sich bei ihnen um Landsleute, also um Menschen gleicher Zunge und gleicher Kultur handelte, wird dabei unterschlagen โ€“ auch, daรŸ selbst jene Schlesier, Pommern und OstpreuรŸen keineswegs immer mit offenen Armen empfangen, sondern vielfach als โ€žPolacken“ beschimpft wurden.

Nein, weder das Corona-Virus noch die absurde Zรผge annehmende Klimahysterie, weder die Globalisierung noch die ungleiche Vermรถgensverteilung sind es, die den permanent beschworenen โ€žZusammenhalt“ der Gesellschaft gefรคhrden โ€“ es sind die Konsequenzen der als โ€žFlรผchtlingskrise“ kaschierten Zuwanderung, die 2015 ihren ersten Hรถhepunkt erreichte und seit dieser Zeit als der vielbeschworene Elefant im diskursiven Raum steht.

Ein Altkanzler schaut auf einen Trรผmmerhaufen

Statt das Land, wie lautstark propagiert, zu bereichern, wird es von kulturfremden Migranten in den Bereichen Bildung, Arbeit, Wohnraum, Gesundheit und Sicherheit belastet und ideell wie materiell in zunehmendem MaรŸe geschรคdigt. Wer sich dieser durch nichts legitimierten Verรคnderung des traditionellen Staatsvolkes widersetzt, wird in dem erstmals im Oktober 2000 ausgerufenen und mittlerweile alle Kapillaren der Gesellschaft erfassenden โ€žKampf gegen Rechtsโ€œ zum Opfer einer haรŸerfรผllten Hetze. In dieser Treibjagd auf alles Nationalkonservative offenbart sich jene โ€žgruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“, mit der Wilhelm Heitmeyer als ihr Namensgeber ursprรผnglich Xeno-, Islamo- und Homophobie etikettierte.

Jene Bรผrger, die am Ende der DDR vom Ruf โ€žWir sind das Volk“ zum Ruf โ€žWir sind ein Volk“ รผbergingen, meinten damit nicht eine multiethnisch und multikulturell strukturierte Gesellschaft, sondern das deutsche Volk als Abstammungs- und Schicksalsgemeinschaft von Menschen mit gemeinsamer Sprache, Kultur und geteilter, oft leidvoll erlittener Geschichte. Der WandlungsprozeรŸ, der dazu gefรผhrt hat, daรŸ inzwischen in vielen Grundschulklassen autochthone Kinder in der Minderheit sind und in einer GroรŸstadt wie Frankfurt am Main Auslรคnder (mit und ohne deutsche Staatsangehรถrigkeit) die Mehrheit der Einwohner stellen, begann 1961 in Westdeutschland mit der Anwerbung tรผrkischer Gastarbeiter aus Anatolien.

Als die Bundesregierung 1973, kurz nach Beginn der ร–lkrise, einen Anwerbestop verfรผgte, befanden sich rund 600.000 Tรผrken im Land; heute sind es mehr als drei Millionen. Insgesamt leben in Deutschland zur Zeit rund 5,5 Millionen Muslime. Helmut Schmidt, der 2012 im Alter von 93 Jahren Abschied von seinem bewunderten China nahm, machte einen Zwischenstop in Singapur, wo er seinen alten Freund Lee Kwan Yew traf, der einst den Stadtstaat gegrรผndet hatte. Eines ihrer Gesprรคchsthemen war die Migration. Lee prophezeite: โ€žDie Vermischung der Vรถlker wird in den nรคchsten Jahrzehnten eines der grรถรŸten Probleme sein. In Europa wird sie bestimmt durch den Einwanderungsdruck aus Afrika und zum Teil aus der arabischen Welt. Diese Menschen suchen ein besseres Leben, aber achtet man sich auch gegenseitig?โ€œ Und, an Helmut Schmidt gewandt, fragte er: โ€žSind Sie bereit, die Tรผrken als Deutsche anzuerkennen?“

Schmidt: โ€žNein, ich bin auch gegen das Schlagwort des Multikulturalismus. Statt dessen plรคdiere ich dafรผr, die rund drei Millionen Tรผrken rechtlich voll
in Deutschland zu integrieren.“
Das werde jedoch mehr als eine volle Generation dauern, denn die Kultur der tรผrkischen Nation und ihre Lebensgewohnheiten unterschieden sich stark von den deutschen. Deshalb, entgegnete Lee, sei die Vermischung der Vรถlker ein Problem fรผr die Welt, denn Auswanderung werde weiter stattfinden, aber an der Anerkennung der Einwanderer werde es fehlen. Schmidts Resรผmee: โ€žEs ist ein Weg in unvermeidliche Kriege“ (in: Helmut Schmidt: Ein letzter Besuch โ€“ Begegnungen mit der Weltmacht China, Mรผnchen 2013).

Fremd im eigenen Land

Inzwischen hat in Deutschland mehr als jeder vierte Einwohner auslรคndische Wurzeln; 2019 waren es 21,2 Millionen, was einem Bevรถlkerungsanteil von 26 Prozent entspricht. Mittelfristig wird er sich kontinuierlich erhรถhen, denn laut Statistischem Bundesamt hatten 2018 bereits 40,6 Prozent aller Kinder unter fรผnf Jahren einen Migrationshintergrund. Da die Bundesregierung Ende 2018 den UNO-Migrationspakt unterzeichnet hat, wird die Zahl der Einwanderer im Rahmen des Umsiedlungsprogramms weiter zunehmen. Auch aus Afghanistan dรผrften nach dem westlichen Debakel weitere โ€žOrtskrรคfte“ mit ihren Familien Zuflucht in Deutschland finden.

Zur Umwandlung der Bundesrepublik in ein Einwanderungsland fehlt zwar bis heute jede gesetzliche Legitimierung, doch es gibt eine grundlegende Neuinterpretation der Verfassung: Seit ihrem NPD-Urteil vom 17. Januar 2017 gehen die Karlsruher Richter nicht mehr vom deutschen Volk als dem Souverรคn der Staatsmacht aus, sondern von den โ€žFreien und Gleichen“ โ€“ โ€žunabhรคngig von der ethnischen Herkunft“. Der ethnische Volksbegriff, so das Argument im Sinne des Globalismus, sei unvereinbar mit der Menschenwรผrde des Individuums als dem obersten Grundsatz der Verfassung, da er die unbedingte Unterordnung der Person unter ein Kollektiv verlange.

Mit dieser Interpretation setzt das Bundesverfassungsgericht den im 18. Jahrhundert auf Johann Gottfried Herder zurรผckgehenden Volksbegriff mit der vรถlkischen Rassenideologie der Nationalsozialisten gleich. Im Gegensatz zum NS-System fordern die Verfechter des dem Grundgesetz ursprรผnglich und jahrzehntelang zugrundeliegenden Volksbegriffs jedoch weder ethnische Reinheit, noch stufen sie Vรถlker als hรถher- oder minderwertig ein; sie verlangen auch nicht strikte Abschottung statt Weltoffenheit, sondern angesichts drohender รœberfremdung ein unerlรครŸliches Minimum an ethnisch-kultureller Homogenitรคt.

Deutsche? Wohnen hier nicht mehrโ€ฆ

Angesichts der seit Jahrzehnten unverรคnderten demographischen Fakten und angesichts des Unwillens der bisher staatstragenden Parteien, die Problematik auch nur zu benennen, zeichnen sich zwei mรถgliche Entwicklungen ab: Wie die jรผngste Wahl zeigt, nimmt die Mehrheit der Deutschen, privat in erster Linie an Wohlstand und Sicherheit interessiert, die Entwicklung in ihrer Umgebung nur achselzuckend zur Kenntnis. Da die nachfolgenden Generationen in einer multiethnisch und multikulturell immer โ€ždiverserโ€œ werdenden Gesellschaft aufwachsen, werden sie dies als Normalitรคt empfinden und sich den Verhรคltnissen entsprechend anpassen.

Fรผr den Fall, daรŸ in nicht allzu ferner Zukunft der Punkt erreicht wird, an dem eine Umkehr nicht mehr mรถglich ist, schlรคgt Martin Sellner, Chef der รถsterreichischen Identitรคren Bewegung, die Bildung nationaler Enklaven nach dem historischen Muster der Sudetendeutschen Landsmannschaft vor. Zugleich kรถnne dann eine โ€žVolksgruppenpartei“ entwickelt werden, die unter den anderen Minderheiten die Interessen der zur Minoritรคt gewordenen Deutschen vertritt (unter dem Titel Sezession oder Reconquista โ€“ nach der Stunde Null auf dem Blog der โ€žSezession“ vom 21. September).

Nach der katastrophalen Niederlage der Merkel-CDU wรคre die zweite mรถgliche Entwicklung eine grundlegende Erneuerung und Umkehr der Union hin zu einer Partei der rechten Mitte, die irgendwann mit Teilen der AfD kooperieren kรถnnte. Zugegeben, dies ist gegenwรคrtig nur schwer vorstellbar. Leider gibt es in Deutschland keinen Kรถnig von Argos. In seiner Tragรถdie โ€žDie Schutzflehenden“ lรครŸt Aischylos den Monarchen sagen, niemals solle sein Volk รผber ihn das Urteil fรคllen mรผssen: โ€žLandfremde ehrtest, / Eignes Land verheertest du.“ Glรผckliches antikes Griechenland!

Wรคhrend die Berliner Republik ihren Sonderweg fortsetzen dรผrfte, steht die Zuwanderung und damit die Frage des Staatsvolks anderswo seit Jahren auf der Agenda โ€“ in Frankreich und der Schweiz, in Italien, ร–sterreich, Ungarn und Polen, in Holland und in Dรคnemark.

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