Der Begriff โBlockwartโ weckt ungute Erinnerrungen an die Zeit des Dritten Reiches, als offiziell โBlockleiter der NSDAPโ genannte, allein von der herrschenden Partei bestimmte Personen klar politische Aufgaben erfรผllten und zur Denunziation politisch Missliebiger neigten. Im heutigen Taiwan dagegen gibt es in jeder (allerdings in der Grรถรe stark schwankenden) Nachbarschaft einen nach einer richtigen kleinen Wahlkampagne samt Plakaten von den dort polizeilich gemeldeten Einheimischen gewรคhlten Vertreter mit Gehalt, den Lizhang (้้ท).
Dieser Begriff ist schwer zu รผbersetzen und selbst der englische Begriff borough warden erscheint mit eher nebulรถs. Jedenfalls habe ich mit diesen Amtspersonen persรถnlich nur gute Erfahrungen gemacht. Von 2015 bis 2017 vermietete ich รผber AirBnb ein Zimmer mit eigenem Bad. Es lief recht gut, bis eines Tages ein Chinese aus der Volksrepublik den Schlรผssel in seinem Zimmer liegen lieร und die Tรผr zuzog.
Der Freund wohnt nebenan
Es war fast zehn Uhr abends und obwohl solche Notfalldienste in Taiwan bei weitem nicht so unverschรคmt teuer sind wie in Europa, wollte dieser eher zwielichtige Gast dafรผr nicht aufkommen, weil er angeblich kein taiwanesisches Geld (mehr) hatte und kein chinesisches zur Hand. Zu fortgeschrittener Stunde bin ich deshalb in das um die Ecke gelegene, mindestens bis Mitternacht geรถffnete Bรผro des Lizhangs marschiert und habe ihm die Situation geschildert. Wir kannten uns flรผchtig und hatten davor schon mehrmals ein wenig auf Chinesisch geplauscht.
Er beruhigte mich umgehend und sagte, er wรผrde den in diesem Gewerbe tรคtigen Sohn eines Klassenkameraden vorbeischicken, sobald dieser verfรผgbar wรคre. Etwa eine Viertelstunde spรคter standen dann beide vor meiner Wohnungstรผr und innerhalb einer Minute war die Lage geklรคrt. Als der kommunistische Gast jemanden mit einer gewissen Autoritรคt erblickte, fand er sofort das nรถtige Kleingeld, um die sechs (!) Euro lรถhnen zu kรถnnen.
Als nach meiner Rรผckkehr aus Europa plรถtzlich meine Mietze Leni aus unserer ersten provisorischen Unterkunft verschwand, wandte ich mich verzweifelt an die in diesem Falle zustรคndige Ansprechpartnerin. Ich war echt gerรผhrt von ihrer Freundlichkeit und Hingabe, denn sofort erfolgte eine Lautsprecherdurchsage. Einer ihrer freiwilligen Mitarbeiter, selber Katzenliebhaber, druckte im Handumdrehen 20 Suchmeldungen mit Foto zur strategischen Verteilung aus.
Hat jemand die Mietze gegessen?
Ihr nahester Kollege rief gleich an, nachdem er die Meldung gehรถrt hatte, und lieร mir ausrichten, dass ich mir keine Sorgen machen sollte. Sein eigener vierbeiniger Freund sei ebenfalls schnell wieder aufgetaucht! Gott sei Dank war es dann tatsรคchlich so! Aus Dank schenkte ich dieser sympathischen Dame, die ihre gemeinnรผtzige Arbeit offensichtlich sehr ernst nahm, eine spanische Sรผรigkeit.
Obwohl ich gerade mal einen Monat in meiner neuen Wohnung lebe, wies mich mein ehrenamtlich tรคtiger Nachbar bereits nach drei Wochen darauf hin, dass ich mich am nรคchsten Sonntag beim Lizhang einzufinden hรคtte. Dort bekam ich dann zur Desinfektion wie alle anderen 75-prozentigen Alkohol, den ich zunรคchst aufgrund der Flaschenform fรผr richtiges Feuerwasser hielt, und eine ganze Schachtel der รผberall obligatorischen chirurgischen Masken.
Aus den obigen Beispielen wird รผberdeutlich, dass gute Beziehungen mit diesen Herrschaften nur von Nutzen sein kรถnnen. Gelegentliche kleine Geschenke erhalten dabei die Freundschaft, die sich morgen wieder bewรคhren kann, wenn das nรคchste (kleine) Problem auftaucht.

