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Als sich auf Taiwan am 5. April 1975 die Nachricht verbreitete, Tschiang Kai-schek, der von Maos Truppen 1949 ins Exil getriebene Staatsprรคsident der Republik China, sei im Alter von 88 Jahren gestorben, war die Reaktion gespalten: Wรคhrend die rund zwei Millionen Festlandchinesen, die zusammen mit dem Generalissimus vor den siegreichen Kommunisten geflรผchtet waren, Trauer und Bestรผrzung empfanden, atmete die Mehrheit der Einheimischen auf.
Seit drei Jahrzehnten hatten sie unter dem Regime der Nationalen Volkspartei (Kuomintang, KMT) gelitten und vergeblich versucht, das als brutale Besatzung empfundene Joch abzuschรผtteln. Weitere vier Jahrzehnte indes sollte es dauern, bis jene Taiwanesen, die sich weder der Republik China noch der kommunistischen Volksrepublik verpflichtet fรผhlen, ihrem Ziel nรคherkamen, das sie insgeheim oder offen anstreben: der Unabhรคngigkeit ihrer Insel.
Die Grรผndung Taiwans
Doch wer sind โdieโ Taiwanesen? Abgesehen von den Urahnen einstiger austronesischer Vรถlker, sind die meisten Einwohner Nachkommen von Auswanderern aus Sรผdchina, die sich im Verlauf von Jahrhunderten auf dem Eiland angesiedelt hatten. Ihnen stehen die erwรคhnten Festlรคnder gegenรผber, die zwischen 1945 und 1949 die damalige Provinz der Republik China zu ihrem neuen Domizil machten โ heute stellen sie mit 2,5 Millionen etwa fรผnfzehn Prozent der Bevรถlkerung.
Die kleine Insel am Wendekreis des Krebses, 200 Kilometer vom Festland entfernt, hat eine wechselvolle Geschichte von Eroberungen und Revolten gegen Kolonialmรคchte hinter sich. Die โIlha formosa“, die schรถne Insel, wie portugiesische Seefahrer 1583 das chinesische โTaiwan“, die sich aus dem Meer erhebende Terrasse, tauften, wurde 1624 von den Hollรคndern erobert. Zwei Jahre spรคter kamen die Spanier. Den Niederlรคndern gelang es jedoch 1641, die spanischen Eroberer wieder zu vertreiben.
Mitte des 17. Jahrhunderts schlug Koxinga, ein Kriegsherr chinesisch-japanischer Abstammung, die Hollรคnder in die Flucht. 1683 wurde die Insel von der mandschurischen Qing-Dynastie (1644-1911) annektiert und 1885 dem Kaiserreich als eine seiner Provinzen endgรผltig eingegliedert. Schon zehn Jahre spรคter jedoch muรte der Drachenthron nach der Niederlage im Krieg gegen Japan Taiwan an Tokio abtreten. Daraufhin erklรคrten die Inselbewohner ihre Unabhรคngigkeit und riefen die Demokratische Republik Formosa aus โ sie gilt als die erste Republik Asiens.
Getrennte Wege
Dieser Versuch, sich von kolonialer Bevormundung zu befreien, wurde von der japanischen Expeditionsarmee rasch erstickt โ Taiwan geriet fรผr fรผnfzig Jahre unter die Herrschaft Tokios. In zahlreichen Aufstรคnden versuchten Taiwanesen, die durch lange Trennung vom Festland ein eigenes Nationalbewuรtsein entwickelt hatten, die Freiheit zu erkรคmpfen. Eine der stรคrksten Widerstandsorganisationen war damals die Tai-Kiong, die Kommunistische Partei Taiwans, unter der Fรผhrung von Tschia ( auch: Xie) Si-ang, genannt die Schneerote.
1945, nach der Kapitulation Japans, sprachen die Alliierten Taiwan wieder der Republik China als der legitimen Nachfolgerin des Kaiserreichs zu, das 1911 abgedankt hatte. Die Taiwanesen, die nun unter die diktatorische Herrschaft des nationalchinesischen Gouverneurs Tschen Yi gerieten, organisierten erneut den Widerstand. Was mit Schlรคgen gegen eine Frau begann, die unverzollte Zigaretten verkaufte, eskalierte 1947 zu inselweiten Protesten gegen das in Nanking residierende KMT-Regime. Die Aufstรคndischen grรผndeten ein Revolutionskomitee und stellten eine Freiwilligen-Armee auf. Tschiang Kai-schek lieร daraufhin den Ausnahmezustand verhรคngen und entsandte Truppen auf die Insel, die den Volksaufstand am 28. Februar brutal niederschlugen. Bis heute gedenken Tausende jedes Jahr des 228-Massakers, das nach Schรคtzungen 20.000 bis 30.000 Todesopfer forderte.
Die โSchneerote“, die entscheidenden Anteil an der Revolte hatte, floh 1949 nach Peking, wurde Mitglied des Zentralkomitees der KP und grรผndete in der Volksrepublik die โDemokratische Liga fรผr ein Freies Taiwan“. Diese Organisation wurde 1958 aufgelรถst, weil ihr nationalistischer Flรผgel nicht nur fรผr ein sozialistisches, sondern zugleich fรผr ein von China unabhรคngiges Taiwan eintrat. Die in die Volksrepublik geflohenen taiwanesischen Kommunisten organisierten sich statt dessen in der โLiga fรผr die demokratische Selbstverwaltung Taiwans“.
Der Herr der Insel
Nach der Niederschlagung des Aufstands hatte Tschiang Kai-schek die Insel fest im Griff: Aufgrund eines Ermรคchtigungsgesetzes erhielt der Generalissimus und Staatschef Sondervollmachten, die es ihm gestatteten, die Regierung umzubilden, jederzeit den Nationalen Sicherheitsrat einzuberufen und den Krieg zu erklรคren, ohne das Parlament zu befragen. Die gefรผrchtete Geheimpolizei unter Leitung seines Sohnes Tschiang Tsching-kuo tat ein รbriges. Alle Machtpositionen in Staatsapparat, Verwaltung und Armee waren in der Hand der Festlรคnder, keinem Taiwanesen gelang der Aufstieg in hรถhere รmter.
Angesichts dieses verschleierten Kolonialismus nahm es nicht wunder, daร Inselbewohner immer wieder Rufe nach Unabhรคngigkeit laut werden lieรen. Die Versuche, sich zu organisieren, scheiterten jedoch wegen Meinungsverschiedenheiten divergierender Flรผgel. Im April 1964 indes trat die Bewegung in ein neues Stadium: Peng Ming-min, Professor an der Nationaluniversitรคt von Taipeh, verรถffentlichte zusammen mit zwei Assistenten die โProklamation der Unabhรคngigkeit Taiwans“. Die Kernpunkte des Manifests lauteten:
โEs gibt ein China und ein Taiwan; Tschiang Kai-schek kann weder China noch Taiwan reprรคsentieren; Taiwan muร ein unabhรคngiger Staat mit demokratischer Regierung und Verfassung werden; die zu grรผndende Republik Taiwan soll Mitglied der UNO-Vollversammlung werden, wรคhrend die Volksrepublik den Sitz im Sicherheitsrat erhรคlt; die Republik Taiwan nimmt freundschaftliche Beziehungen zu Peking auf und erklรคrt feierlich, das Festland nicht zurรผckerobern zu wollen.“
Ein Professor steht auf
Der Professor wurde am 3. April 1965 von einem Militรคrgericht wegen โLandesverrats und Anstiftung zur Rebellionโ zu acht Jahren Gefรคngnis verurteilt. Seine Assistenten erhielten Freiheitsstrafen von acht bis zehn Jahren. Wegen der explosiven Stimmung in der Bevรถlkerung wurden sie bald wieder auf freien Fuร gesetzt. Peng Ming-min, der als Vordenker der Unabhรคngigkeitsbewegung gilt, verbรผรte dreizehn Monate seiner Haft, dann wurde er entlassen und stand unter strenger Polizeiaufsicht.
Mit Hilfe von Freunden โ manche sehen die CIA im Spiel โ gelang dem Professor 1970 die Flucht nach Schweden, das ihm politisches Asyl gewรคhrte. Von dort aus bewarb er sich bei der Universitรคt von Michigan und erhielt trotz Protestes der Regierungen in Taipeh und Peking ein Einreisevisum fรผr die USA. Erst am 2. November 1992, nach 22 Jahren im Exil, konnte Peng Ming-min in die Heimat zurรผckkehren, wo er begeistert empfangen wurde.
1923 wรคhrend der japanischen Herrschaft in einer alteingesessenen Arztfamilie im lรคndlichen Taiwan geboren, hatte Peng in Tokio die High School besucht und wรคhrend des Weltkriegs Rechts- und Politikwissenschaften studiert. Um der amerikanischen Bombardierung zu entgehen, quartierte er sich 1945 bei seinem Bruder in der Nรคhe von Nagasaki ein. Auf dem Weg dorthin verlor er bei einem Bombenangriff den linken Arm und wurde spรคter Zeuge der zweiten atomaren Explosion, die Nagasaki zerstรถrte.
Nach seiner mit der Rรผckkehr aus dem Exil endenden Odyssee trat Peng Ming-min 1995 der Demokratischen Fortschrittspartei (DPP) bei, fรผr die er 1996 bei der ersten freien Prรคsidentschaftswahl kandidierte. Er
erhielt 21 Prozent der Stimmen; Lee Teng-hui, der Kandidat der Kuomintang, errang indes mit 54 Prozent die absolute Mehrheit. Nach dem Tod Tschiang Tsching-kuos im Jahr 1988, der nach dem Ableben seines Vaters die Regierungsgeschรคfte รผbernahm und den Ausnahmezustand aufhob, hatte die Kuomintang einen grundlegenden Reformkurs eingeschlagen, um einen Stimmungsumschwung in der Bevรถlkerung herbeizufรผhren.
Taiwan im Wandel
Diese Politik war von Erfolg gekrรถnt: Im Januar 2008 gewann die KMT bei der Parlamentswahl 71,7 Prozent der Sitze. Im Mรคrz wurde ihr Kandidat Ma Ying-jeou zum Staatsprรคsidenten gewรคhlt. Ma, der auch Parteivorsitzender war, betrieb eine Politik der Annรคherung an die Volksrepublik. Bereits im โKonsens von 1992″ hatten KP und KMT die Ein-China-Politik bekrรคftigt und alle Unabhรคngigkeitsbestrebungen entschieden abgelehnt. Bei den Wahlen 2012 konnte die Kuomintang trotz Verlusten ihre absolute Mehrheit mit 56,6 Prozent der Sitze behaupten; bei der gleichzeitigen Prรคsidentenwahl wurde Ma wiedergewรคhlt.
In den Folgejahren jedoch sank die Popularitรคt der KMT so stark, daร ihr Vorsitzender Eric Chu im Januar 2016 die Wahl verlor. Mit 31,04 Prozent der Stimmen muรte er sich Tsai Ing-wen, der Kandidatin der Demokratischen Fortschrittspartei, geschlagen geben, die 56,12 Prozent erreichte. Chu legte daraufhin den Parteivorsitz nieder. Vier Jahre spรคter, 2020, triumphierten Tsai und ihre DPP erneut.
Der nunmehr 97jรคhrige Peng Ming-min erinnerte die Regierung sofort an sein vor 56 Jahren verรถffentlichtes Manifest und forderte sie auf, eine Konferenz zur Etablierung einer โneuen Nation“ einzuberufen. Taiwan brauche eine neue Verfassung, eine neue Staatsflagge und einen neuen Nationalfeiertag; jede Bezugnahme auf die lรคngst untergegangene Republik China mรผsse beseitigt werden. Als unabhรคngige Republik solle Taiwan die Mitgliedschaft in der UNO beantragen.
Ungewisse Zukunft
Im Kontrast dazu sandte Xi Jinping, Staats- und Parteichef der Volksrepublik, im September 2021 ein Telegramm an Eric Chu und gratulierte ihm zur erneuten Wahl zum Vorsitzenden der Kuomintang. KP und KMT, so Xi, sollten am Konsens von 1992 festhalten und die guten Beziehungen zwischen beiden Seiten der Taiwan-Straรe vorantreiben. In einem Rรผcktelegramm sprach Chu seinen Dank aus und plรคdierte fรผr eine verstรคrkte Zusammenarbeit auf dem Weg zu einer friedlichen Wiedervereinigung.
Im Westen, auch in Deutschland, sind viele der Meinung, eine รผberwรคltigende Mehrheit der Taiwanesen sei fรผr die Unabhรคngigkeit; Pekings Forderung nach Wiedereingliederung der Insel sei absurd, da das demokratisch regierte Taiwan nie Teil der kommunistischen Volksrepublik gewesen sei. Beide Argumente stehen indes auf schwachen Fรผรen: Erstens haben die Wahlen seit 1996 gezeigt, daร die Taiwanesen in der Frage der Unabhรคngigkeit tief gespalten sind; zweitens kennt das Vรถlkerecht nur Staaten, nicht Regierungen โ seit 1683 gehรถrt Taiwan unbestritten zu China, unter welcher Regierung auch immer.
Seit dem beim Nixon-Besuch im Februar 1972 unterzeichneten Schanghaier Communiquรฉ hatten auch die USA daran festgehalten, daร Taiwan wie Tibet ein untrennbarer Teil Chinas ist. Allerdings verabschiedete der US-Kongreร 1979 den โTaiwan Relations Act“, der Washington erlaubt, die Insel mit defensiven Waffen zu versorgen. Unter Prรคsident Biden jedoch sind die USA einen entscheidenden Schritt weitergegangen. Am 21. Oktober erklรคrte er erstmals die Bereitschaft der USA, im Fall eines Angriffs durch die Volksrepublik Taiwan auch mit Waffengewalt zu verteidigen. โJa, wir haben eine Verpflichtung, das zu tunโ, so seine Antwort auf eine entsprechende Frage. Somit kรถnnte der Konflikt um die Insel bald unabsehbare weltpolitische Folgen haben.

