Manchmal ist der Alltag ein Trauerspiel. Irgendwie geht alles schief, und man wird unablรคssig daran erinnert, wie abhรคngig man von allem und jedem ist. Den Freigeist kann das in den Wahnsinn treiben. Einen solchen Tag, der einfach nur noch als Tag fรผr die Mรผlltonne bezeichnet werden kann, durfte ich kรผrzlich erleben: Der Hund war gerade an der Pfote operiert worden und aus der Narkose erwacht. Ich konnte ihn abholen und mit nach Hause nehmen. Wie auf Eiern tuckerte ich im Schneckentempo zurรผck, um ihn vor allen Unebenheiten zu beschรผtzen. Peng! Da riss der Keilriemen des Autos – und so gut wie nichts ging mehr.
Schrottkarre!
Irgendwie schaffte ich es noch, das Auto am Straรenrand zu parken. Handy gezรผckt, Nachbarn angerufen, in zwei Stunden kรถnne er mich abholen. Und so begannen sie, diese vielleicht lรคngsten zwei Stunden in der Abenddรคmmerung, an die ich mich erinnern kann. Ich machte es mir auf dem Rรผcksitz neben dem Hund bequem, der auch ziemlich neben der Spur war, und begann, รผber diese verfluchten Autos nachzudenkenโฆ
Autos nerven im Grunde mehr als dass sie Freude bereiten. Sie kosten ein Vermรถgen, sowohl in der Anschaffung als auch im Unterhalt – da erzรคhle ich nichts Neues. Und irgendwie muss man sich permanent um sie kรผmmern, รlwechsel, neue Reifen, TรV, alles einfach nur รคtzend. Selbst reparieren wird einem immer unmรถglicher gemacht, ohne kostspielige Werkstattbesuche, bei denen am Ende nicht einmal etwas repariert, sondern nur noch ausgetauscht wird, sind keine Seltenheit.
So wanderten meine Gedanken dahin und drifteten ab. Ich rekapitulierte meinen Fuhrpark, den ich im Laufe der Jahre mein Eigen genannt hatte. Ich blickte zurรผck und blickte zurรผck und blickte zurรผck. Und da war es plรถtzlich, das Darda Auto. Dieser kleine blaue Buggy, dem man mit sanfter Kraft den Hintern nach unten drรผckte (denn da saร der Motor), in dieser Position festhielt und ein paar mal vor und zurรผck schob – je รถfter und schneller, desto besser.
Dann, plรถtzlich losgelassen, sauste er davon, schnurstracks in die Richtung, in die die kleinen Frontscheinwerfer blickten. Kein Strom war nรถtig, er flitzte davon, einfach durch simple mechanische Kraftรผbertragung. Irgendetwas an dieser schlichten Technik faszinierte mich schon als Kind: Ein Federtriebwerk, das nicht รผberspannt werden kann, das beim Aufziehen Gerรคusche macht, die auch dem letzten Deppen deutlich machen, wann der Motor โvoll geladenโ ist, und dessen Lebensdauer eigentlich nur dadurch beschrรคnkt wird, wenn der Flitzer in die Hรคnde allzu wilder Jungs gerรคt, die unbedingt sรคmtliche Grenzen รผberschreiten mรผssen und einen Absturz nach dem anderen vom Kรผchentisch verursachen.
Ritschratsch
Aber selbst dann kann der Motor fรผr wenige Euro (damals noch Mark) einfach repariert oder ausgetauscht werden. Die Darda Autos haben in etwa den Maรstab von Matchbox Autos, aber ihre Motorleistung gleicht der Kraft einer Rakete. Voll aufgezogen erreichen die kleinen Flitzer im รผbersetzten Maรstab eine Beschleunigung von 0 auf 100 km/h in weniger als einer Sekunde und rasen durch Zeit und Raum mit รผber 1.000 km/h!
Und ja, es gibt sogar drei verschiedene Motoren: Standard, Stop and Go und den sogenannten GS Motor, ein Nachfolger der Standardversion, der auch in spรคteren LKW Modellen zum Einsatz kam. Der Stop and Go Motor verfรผgt รผber einen Haltemechanismus, der entriegelt werden muss, um das aufgezogene Auto zu starten, oder, und das ist das eigentlich faszinierende daran, sich automatisch lรถst, wenn ein anderes Auto von hinten auf das noch stehende auffรคhrt. Denn da beginnt der eigentliche Spaร: Wie beim Domino lรคsst sich auf diese Weise eine Kettenreaktion auslรถsen, vorausgesetzt, man besitzt genรผgend Fahrzeuge.
Ein leer gefahrenes Auto lรคsst sich schnell wieder aufziehen und hinten anreihen, sodass einer wilden Verfolgungsjagd durch das ganze Haus nichts mehr im Wege steht. Mรถchte man das Geschehen in gelenkteren Bahnen verlaufen lassen, kann man die Autos auch in vorgefertigten Plastikschienen zum Einsatz bringen. Diese sind unendlich erweiterbar, natรผrlich gibt es dafรผr auch Kurvenabschnitte und Loopings, die die kleinen Superhelden mit Leichtigkeit nehmen.
So verbrachten wir unsere Nachmittage oder verregneten Wochenenden, vergaรen die Welt um uns, ohne einen einzigen Gedanken an Spritverbrauch, Wartung oder KFZ Steuer zu vergeuden – und die Zeit verflog. Als ich nun in dem kalten Schrotthaufen saร und auf Hilfe wartete, kam ich nicht umhin, mir vorzustellen, wie herrlich es wรคre, wenn die mobile Welt aus groร gewordenen Darda Autos bestรผnde – mal mit vorgegebenen Straรen, mal ohne. Und ein kleiner Looping zwischendurch wรคre bestimmt auch ein riesen Spaร. Naja, Trรคumen darf man ja noch.
In der Reihe Warenfetischismus erschienen bisher:
Die Kriegsgedenkmรผnze von 1871

