Hรคtte sich 1975 mit dem Ende des Vietnamkriegs die von Studenten initiierte Protestbewegung in der alten Bundesrepublik erschรถpft, wรคren die Achtundsechziger lรคngst Geschichte und vergessen. Doch fรผr ihre Protagonisten um Rudi Dutschke war Vietnam lediglich der Anlaร gewesen, fรผr ihr wahres Ziel zu kรคmpfen: den Systemwechsel hin zu einer sozialistischen Gesellschaft. Damals hatten Max Horkheimer und Theodor W. Adorno, aus dem amerikanischen Exil heimgekehrte Vordenker der โFrankfurter Schuleโ, im Verein mit Jรผrgen Habermas, Herbert Marcuse und Ernst Bloch einen undogmatischen Kulturmarxismus entwickelt, der in der Studentenbewegung auf fruchtbaren Boden fiel.
Die Propheten des kommenden Totalitarismus
Hauptthemen waren Horkheimers Diktum, wer vom Faschismus rede, dรผrfe vom Kapitalismus nicht schweigen, sowie Marcuses und Wilhelm Reichs Behauptung, die patriarchalisch-bรผrgerliche Familie sei Geburts- und Brutstรคtte des โautoritรคren Charaktersโ, der die entscheidende Grundlage des Faschismus bilde. Mit Hilfe dieser Theorien entwickelte sich im Zuge des von Dutschke proklamierten โMarsches durch die Institutionenโ eine antikapitalistische und antibรผrgerliche Phalanx, die auf die Kommandozentralen im ideologischen รberbau zielte.
Als in Hochschulen und den meisten Medien die letzten von Konservativen gehaltenen Bastionen erobert waren, schritt โ mit Ausnahme der Wirtschaft โ die Revolutionierung aller Bereiche der Gesellschaft zรผgig voran. Das Ergebnis war und ist so bestรผrzend, weil die linksgrรผne Diskurshoheit mittlerweile durch eine an Orwells Dystopie gemahnende political correctness auch sprachlich abgesichert ist, so daร jede abweichende Meinung als โrechtspopulistischโ denunziert, wenn nicht gar kriminalisiert wird:
Familie, Volk, nationale Souverรคnitรคt, deutsche Geschichte und deutsche Leitkultur, die einer rigorosen โDekonstruktionโ unterzogen wurden, haben lรคngst ihre staatstragenden Funktionen verloren.
Zersetzung durch Vielfalt
Aus dem โdeutschen Volkโ, laut Grundgesetz der nominelle Souverรคn des Landes, ist durch massive und weitgehend ungesteuerte Zuwanderung eine multiethnische und multikulturelle โBevรถlkerungโ geworden. In vielen Groรstรคdten haben sich Parallelgesellschaften entwickelt, in denen der Staat seine Hoheitsrechte aufgegeben hat.
Relativismus, Gleichmacherei und eine ideologisch motivierte Antidiskriminierung bis hin zur Inklusion auch geistig Behinderter in Klassen mit normal entwickelten Schรผlern haben das einst vorbildliche deutsche Bildungswesen an den Rand der Katastrophe gefรผhrt.
Die von Homosexuellen-Verbรคnden und einem extremen Feminismus propagierte Gender-Ideologie hat die bislang nur heterosexuellen Paaren vorbehaltene Ehe sowie das Adoptionsrecht auch fรผr sexuelle Minderheiten geรถffnet. Vielerorts steht schon fรผr Grundschรผler die Frรผhsexualisierung auf dem Unterrichtsplan.
Sonderweg Mitteldeutschland?
Diese aus Westdeutschland zwangsweise importierten Entwicklungen haben bei vielen Bรผrgern in den neuen Bundeslรคndern nicht nur Miรtrauen und Enttรคuschung, sondern blankes Entsetzen ausgelรถst. Schlieรlich hatten sich die meisten von der Wiedervereinigung ein souverรคnes, freies, demokratisches und prosperierendes Gesamtdeutschland erhofft. Daร die Proteste, im Herbst 2014 als โAbendspaziergรคngeโ der Pegida โ der Patriotischen Europรคer gegen die Islamisierung des Abendlandes โ ins Leben gerufen, zuerst in Dresden รถffentlich artikuliert wurden, konnte nicht verwundern: Im Gegensatz etwa zum proletarisch geprรคgten Leipzig hatte in Dresden ein selbstbewuรtes Bildungsbรผrgertum selbst der SED-Diktatur die Stirn geboten, wie nicht zuletzt aus Uwe Tellkamps Roman โDer Turmโ hervorgeht.
Hatten die 68er vor Jahrzehnten die Machtfrage von links aufgeworfen, so stellte die Pegida-Bewegung erstmals seit der Wiedervereinigung die Machtfrage von rechts โ noch dazu auf der Straรe, was die politmediale Klasse sofort in Panik versetzte. Zwar hat der von Dresden ausgegangene Impuls nicht zur Revidierung fataler Fehlentscheidungen gefรผhrt, den Montagsdemonstranten ist es aber innerhalb kurzer Zeit gelungen, das linksgrรผne Meinungsmonopol zu sprengen und viele Tabus zu Fall zu bringen.
So sahen sich Politik und Medien plรถtzlich gezwungen, รถffentlich zu thematisieren, daร der Koran, mithin der Islam, die entscheidende Quelle des Islamismus ist; daร Deutschland nach dem Muster Kanadas ein Einwanderungsgesetz braucht, das nur solche Immigranten ins Land lรครt, die ihm nรผtzlich sind und nicht die staatlichen Sozialkassen belasten; dass jene zwei Drittel der Asylbewerber, deren Gesuch in der Regel unbegrรผndet ist, wieder abgeschoben werden sollen; daร Parallelgesellschaften ein maรgebliches Integrationshindernis sind und nicht geduldet werden dรผrfen.
Das Wunschkonzert der Anstรคndigen
Bereits im Jahr 2010 war der Linksliberalismus, jene Mischung aus hedonistischem Individualismus und linkem Gleichheitsstreben, in eine Verteidigungsposition gedrรคngt worden. Mit seinem millionenfach verkauften Bestseller โDeutschland schafft sich abโ war es dem damaligen Bundesbanker Thilo Sarrazin gelungen, anhand bis heute nicht widerlegter Zahlen und Fakten das Gerede von der harmonischen und in jeder Hinsicht, auch der finanziell-materiellen, bereichernden Multikulti-Gesellschaft als Schimรคre zu entlarven. Das โpostfaktische Zeitalterโ, das heute als Kampfvokabel gegen vermeintliche Populisten eingesetzt wird, hatte die politmediale Klasse vor Jahrzehnten selbst avant la lettre ins Leben gerufen, um ihre Staat und Nation radikal verรคndernden Ziele zu bemรคnteln.
Seinerzeit bliesen alle fรผhrenden Gazetten im Verbund mit den รถffentlich-rechtlichen Medien sofort zu einer bis dato nicht gekannten Menschenhatz; in der taz wรผnschte man dem mutigen Tabubrecher gar den Tod. Wรคhrend Kanzlerin Merkel sofort wuรte, daร das Buch โnicht hilfreichโ sei, obwohl sie es eingestandenermaรen nicht gelesen hatte, verstieg sich SPD-Chef Gabriel zu der Behauptung, die Thesen seines (noch) Parteigenossen Sarrazin fรผhrten โin ihrer absoluten Perversion letztlich zu Euthanasie und Auschwitzโ.
Auch wenn es niemand laut und deutlich auszusprechen wagte โ seit Jahren waren schon damals die Anzeichen weder zu รผberhรถren noch zu รผbersehen und schon gar nicht zu รผberlesen: Deutschland war gespalten und befindet sich bis heute in einem (vorerst noch geistigen) Ringen um die Zukunft der Republik. Sogar die von offizieller Seite dekretierte Bestimmung des inneren Feindes lรครt sich fรผr jedermann exakt terminieren: Am 4. Oktober 2000 rief der damalige Bundeskanzler Gerhard Schrรถder zum โAufstand der Anstรคndigenโ auf, nachdem zwei Tage zuvor ein Brandanschlag auf die Synagoge in Dรผsseldorf verรผbt worden war.
Als Folge dieses Appells wurden in Bund, Lรคndern und Kommunen Lichterketten und Demonstrationen organisiert; die rotgrรผne Bundesregierung entwarf ein Programm zur Unterstรผtzung von Initiativen gegen โRechtsextremismus, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismusโ. Zwei Monate spรคter stellte sich jedoch heraus, dass der Dรผsseldorfer Anschlag auf das Konto zweier Araber gegangen war, die den Tod eines Jungen rรคchen wollten, den israelische Soldaten im Gaza-Streifen erschossen hatten. Das Gestรคndnis der beiden spielte indes keine Rolle mehr. Der โKampf gegen Rechtsโ (und nicht nur gegen den Rechtsextremismus) entwickelte ein Eigenleben und hat in den vergangenen zwei Jahrzehnten alle gesellschaftlichen Bereiche erfaรt.
Doch was ist โrechtsโ? Vielleicht kommt man dem Inhalt dieses Begriffs am nรคchsten, wenn im Kontrast die grobe Zielrichtung linker Wunschvorstellungen dargelegt wird: Links ist die Sehnsucht nach einer โbesseren Weltโ, nach einer Gesellschaft, in der es keine Hierarchien mehr gibt, kein Oben und kein Unten, in der jedem alles offensteht und sich alle von gleich zu gleich begegnen, in der jedem Respekt und Wertschรคtzung entgegengebracht wird und er/sie Teilhabe an allem hat, ohne nach Herkunft oder Leistung zu fragen. Kurz, es ist der kommunistische Traum, die Utopie einer globalen Gemeinschaft ohne Klassen, ohne Grenzen und ohne Staaten, weil wir doch alle Menschen sind, die in einer Welt leben โ gemรคร der einstigen Werbebotschaft des Unternehmens Benetton von den united colours in one world.
Die Rechten wollen nicht mitspielen
Wer diese Vision nicht zu teilen vermag, weil sie individuelle und nationale kulturelle Ungleichheit negiert und dadurch staatliche sowie persรถnliche Autoritรคt untergrรคbt, steht im Verdacht, ein vรถlkischer Reaktionรคr zu sein. Spieรige Nostalgie, Deutschtรผmelei, identitรคre Hysterie, Verharren im Altmodischen, fortschrittsfeindliche Verklรคrung der Vergangenheit โ so lauten die Vorwรผrfe, mit denen permanent gegen Rechte und Konservative zu Felde gezogen wird. Doch die Siegesgewiรheit der grรผnlinken Utopisten ist lรคngst verflogen. In TV-Produktionen wie dem Film โDas Hausโ oder in Serien wie โFuriaโ und โWestwallโ (alle 2021) wird angstvoll, aber unverhohlen dargestellt, was die politmediale Klasse im realen Leben zur Kenntnis nehmen muร: daร sich rechter Widerstand sogar in Sicherheitsorganisationen wie Polizei, Militรคr und Geheimdiensten formiert.
Durch das gegenwรคrtig รผberall zu hรถrende Lamento, Deutschland, EU-Europa, ja, die gesamte westliche Welt befinde sich in einer existenziellen Krise, bewahrheitet sich einmal mehr die vorsokratische, von Martin Heidegger wieder in Erinnerung gebrachte Erkenntnis, das Sein allen Werdens sei die ewige Wiederkehr des Gleichen. Schlieรlich geschieht es nicht zum erstenmal, dass ein Welt- und Menschenbild ins Wanken gerรคt. Nach den utopischen Aufschwรผngen des Linksliberalismus steht jetzt die allmรคhliche Rรผckkehr zu Maร und Mitte, zu Vernunft und gesundem Menschenverstand auf der Tagesordnung.
Wie รผberfรคllig die Wende ist, war dem Arzt und Philosophen Karl Jaspers bereits 1951 angesichts der pluralistischen Massendemokratie und der technischen Moderne bewuรt. Sein Ausgangspunkt war der Zerfall der geschichtlichen Erinnerung. Was Jaspers damals unter dem Eindruck der beiden totalitรคren Diktaturen schrieb, hat Gรผltigkeit auch fรผr die Gegenwart:
โMit der Preisgabe der historischen Kontinuitรคt wird das Bewuรtsein des Abendlandes, wird Heimat, Herkunft, Familie gleichgรผltig, wird das je eigne Leben gelebt ohne Erinnerung. Durch Ausbleiben der รberlieferung, durch Beschrรคnkung der Erziehung auf das Nรผtzliche scheint die Geschichte gleichsam abzureiรen.โ

