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Wie wandere ich aus?

20. Januar 2022
in 5 min lesen

Auf der anderen Seite ist das Gras immer grรผner – wer kennt ihn nicht, diesen Spruch, der uns mit Verlockungen ruft, wenn wir wieder einmal nur noch den Kopf schรผtteln kรถnnen รผber das, was im besten Deutschland, das es je gab, tagtรคglich passiert. Man will einfach nur noch die Koffer packen und dem Irrsinn fรผr immer entfliehen.

Weil das so ist und mehr und mehr Menschen ernsthaft erwรคhnen, auszuwandern, mรถchte ich als sogenannter Ex Pat, der vor zehn Jahren den Schritt unternahm, ein wenig aus dem Nรคhkรคstchen plaudern und mit Ihnen teilen, was es dabei zu beachten gilt.

Niemals zurรผckschauen

Bitte behalten Sie dabei stets im Hinterkopf, dass es sich hier um einen persรถnlichen Blick auf dieses Thema handelt. Menschen sind unterschiedlich, und was fรผr mich gilt, mag fรผr andere keine Bedeutung haben. Ich hoffe trotzdem, allen, die das Auswandern in Erwรคgung ziehen, mit meiner Erfahrung bei ihrer Entscheidung behilflich zu sein. Stรผrzen wir uns also in das Abenteuer:

Zehn Jahre ist es nun her, dass ich die Koffer packte, ein One-Way Flugticket in der Tasche, und mich auf diese Reise begab. Ich hatte meine Hausaufgaben gemacht, mir vorab eine Unterkunft und einen Job im neuen Land gesucht, das Gepรคck sorgfรคltig ausgewรคhlt, den Rest meines Hab und Guts verkauft. Ich fรผhlte mich relativ gut vorbereitet und freute mich wirklich auf den neuen Lebensabschnitt.

Viel ist passiert in der Zwischenzeit, und das meiste kam anders als erwartet. Ich hatte Irland als neue Heimat gewรคhlt, denn ich sprach leidlich zufriedenstellend Englisch, die Insel liegt nicht am Ende der Welt, ich mag das Meer und wollte endlich wieder freundliche Menschen beim Einkaufen oder Spaziergang treffenโ€ฆ

Ziehe ich heute Bilanz, stelle ich fest, dass einige meiner Erwartungen erfรผllt wurden. Jedoch lauerten auch mindestens genauso viele รœberraschungen hinter verborgenen Ecken, die ich im Vorfeld nicht bedacht hatte, und genau diese Punkte mรถchte ich mit Ihnen teilen:

Erstens: Alltag

Seien Sie ehrlich. Wenn Sie vordergrรผndig gelungene Geschichten von Auswanderern lesen, geraten Sie ins Trรคumen. Manch einer lieรŸ sich nieder in sonnigen Gefilden, und vielleicht folgen Sie ihm auf seinem Instagram Kanal, lassen sich entfรผhren in andere Welten, die einem Paradies รคhneln.

Aber seien Sie gewarnt. Egal, wohin die Reise Sie verschlรคgt, ein Teufel folgt Ihnen auf Schritt und Tritt: der Alltag. Und er enttarnt sich schneller als erwartet. Kaum ist die erste Euphorie verflogen, das ersparte Startgeld aufgebraucht und die Routine im neuen Job eingekehrt, klopft er an die Tรผr. Kurze Zeit spรคter kommt oft das erste bรถse Erwachen fรผr manchen Neuankรถmmling.

Mich traf diese Erkenntnis relativ hart. Plรถtzlich sah ich mich mit mir selbst konfrontiert und fragte mich ernsthaft: Warum hast du dir das eigentlich alles aufgehalst? Strom und Internet beantragen, TรœV Termine organisieren, sich รผber einen absolut unertrรคglich schlechten รถffentlichen Nahverkehr รคrgern, Wohnung putzen, Miete zahlen, nervige Kollegen mit einem aufgesetzt freundlichen Lรคcheln begrรผรŸenโ€ฆ die Liste lieรŸe sich beliebig ergรคnzen, aber sie gleicht dem, was mich in meiner alten Heimat in den Wahnsinn getrieben hat, eins zu eins. 

Zweitens: Rรผckzug 

Ein weiterer Grund, warum ich nicht mehr in Deutschland leben wollte, war die dichte Besiedlung des Landes. Ich bin ein Eigenbrรถdler, und ich brauche meine Abgeschiedenheit (falls Sie diesbezรผglich anders gestrickt sind und sich Ihr eigenes Leben nicht anders wรผnschen als in einem Hochhaus in einer Stadt, รผberspringen Sie diesen Abschnitt bitte). Rein statistisch schien Irland da eine gute Alternative. So verschlug es mich aus einer deutschen GroรŸtstadt erst in ein irisches Dorf und schlieรŸlich komplett aufs Land.

Aber auch hier wurde ich bald eines Besseren belehrt. Das Leben auf dem Land ist alles andere als einsam. Im Gegenteil, aufgrund der besonderen Situation, hat man ein viel engeres Verhรคltnis zu den Nachbarn als in der Anonymitรคt der Stadt. Es vergeht kein Tag, an dem nicht jemand an der Tรผr klopft. Mal benรถtigt jemand Starthilfe am Auto, mal muss beim Kuhtreiben geholfen werden, wenn die sturen Viecher einfach nicht auf das Feld wollen, auf das sie sollen.

Mal ist Stromausfall und man benรถtigt eine Kerze (aufgrund der minderwertigen Qualitรคt des Netzes, ein grundsรคtzliches Problem, unabhรคngig von irgendwelchen Klimaschutzabkommen). Oder im Pub ist Quiz-Abend, und der Nachbar braucht dringend ein weiteres Mitglied in seiner Runde, weil sein Lebensglรผck gefรคhrdet ist, wenn er an diesem Abend nicht gewinntโ€ฆ

Auch diese Aufzรคhlung ist nicht vollstรคndig, und ja, die Frage ist gerechtfertigt, ob ein Umzug in die Oberpfalz mir nicht mehr Einsamkeit beschert hรคtte als der Kauf eines ach so abgelegenen alten Hauses hier.

Drittens: Sprache 

โ€žEnglish is the easiest language to be spoken badlyโ€œ. Mit diesem Spruch begrรผรŸte uns einst ein Englรคnder, der blรถden deutschen Schรผlern seine Muttersprache beibringen sollte. Dieser arrogante Sack, dachte ich damals. Mittlerweile gebe ich ihm recht (auch wenn er wirklich arrogant war). Ich hatte die Sprachbarriere gewaltig unterschรคtzt.

Jeder, der einen Fachartikel in einer englischsprachigen Zeitschrift lesen kann, denkt heute von sich, er wรคre ein zweiter Shakespeare. Glauben Sie mir, dem ist nicht so. Es macht einen groรŸen Unterschied, ob man im beruflichen Alltag mit Muttersprachlern aus aller Herren Lรคnder ein Gesprรคch auf fachlicher Ebene in Englisch fรผhrt oder in einem englischsprachigen Land jede noch so kleine Lebenssituation mit sprachlichen Vollprofis diskutieren muss (abgesehen davon, dass die Iren fรผr ein so kleines Land รผber eine riesige Palette an Dialekten verfรผgen, von denen einer unverstรคndlicher ist als der andere).

Und selbst wenn man im Laufe der Jahre sein Vokabular aufpoliert und endlich versteht, wenn der Mechaniker einem empfiehlt, den Keilriemen zu wechseln, die wahren Feinheiten werden einem fรผr immer verborgen bleiben. Unterschรคtzen Sie diese Erkenntnis nicht. Die wenigsten Menschen geben zu, dass sie schlicht nicht in der Lage sind, sich mit einem Menschen mit anderer Muttersprache in der Tiefe auszutauschen, wie sie das mit einem eigenen Landsmann kรถnnen.

Ein Vergleich sei gestattet: Betrachten wir all die zwischenmenschlichen Beziehungsdramen, die nicht selten von Beteiligten so begrรผndet werden: โ€žEr versteht einfach nicht, was ich meineโ€œ. Wir alle waren schon in einer solchen Situation. Sprechen dann zwei oder mehr Menschen noch dazu unterschiedliche Sprachen, fรผhrt das nicht zu einer Vereinfachung des Konflikts. Man muss schon sehr von sich รผberzeugt sein oder extrem ignorant, wenn einen das auf Dauer kalt lรคsst.

Ich habe mich nie ganz damit abgefunden und bin dankbar, dass ich meine Herzensangelegenheiten immer noch mit meinem deutschsprachigen Mann erรถrtern kann.

Fazit 

Dies sind nur einige Themen, รผber die man nachdenken sollte, bevor man sich entscheidet, auszuwandern. Es gรคbe noch viele weitere: Freunde und Familie, die man zurรผcklรคsst, das Wetter (unterschรคtzen Sie auch diesen Punkt nicht), Essen, die politische und wirtschaftliche Lage eines Landes und vieles mehr. Die Grรผnde, warum man auswandern will, sind so vielfรคltig wie die Verรคnderungen, auf die man stรถรŸt, wenn man den Schritt schlieรŸlich macht. Ic
h kann und mรถchte hier keine Empfehlung fรผr oder gegen das Auswandern, aber DenkanstรถรŸe geben. 

Die Frage, ob ich meine Zelte hier wieder abbrechen soll und die Heimreise antreten, stellte sich mehr als einmal, wenn auch immer seltener in den letzten Jahren. Ich habe sie stets verneint, und ich bin mir ziemlich sicher, dass das auch in Zukunft so bleiben wird. Denn eines habe ich gelernt in all den Jahren: Irland ist das schรถnste Land der Welt – fรผr mich.

Fragen Sie mich nicht, warum. Ich kann es nicht beantworten, am Ende ist es ein Gefรผhl, ein sehr persรถnliches. Vielleicht liegt es daran, dass der Alltag hier eben doch nicht ganz der gleiche ist wie in Deutschland, dass es eben einen Unterschied macht, ob die Kassiererin einen anlรคchelt und sich entschuldigt fรผr die Unannehmlichkeiten, wenn man fรผnf unterschiedliche Gutscheine einlรถsen mรถchte statt dass sie genervt mit den Augen rollt und mich insgeheim zum Teufel wรผnscht, weil sie nun fรผnf Minuten lรคnger auf ihre Kaffepause warten mussโ€ฆ

ABOS

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