Es war mal wieder Montag, Freunde. Und weil ich ein bisschen auf meine Gesundheit achten mรถchte, dachte ich mir: โGehst du am Abend wieder spazieren!โ Verabredet war ich mit ein paar Kommilitonen (ja, auch unter den Studenten gibt es Leute, die gern mal spazieren gehen), die mich vor einer Woche fragten, ob ich mitkommen wolle.
Es war gegen 18:10 Uhr, als ich aus dem Hochschulgebรคude trat. Noch circa 40 Minuten bis zum Treffen. Genug Zeit, um sich zu langweilen, zu wenig, um noch mal nach Haus zu gehen. Ich schulterte meinen Rucksack und ging zu Rewe, ein paar Einkรคufe erledigen. Auf dem Weg sah ich รผbertrieben viele Polizisten, die die Spaziergรคnge im Auge behalten sollten; viel zu viele fรผr eine mittelgroรe und dazu auch noch rote Stadt.
Vor dem Rewe versammelten sich schon die ersten antifaschistischen Lackaffen fรผr die Gegendemo. Nachdem ich beim Einkaufen doch nicht so viel Zeit totschlagen konnte, wie ich wollte, und es zudem viel zu dunkel und zu kalt war, um sich irgendwo hinzusetzen und ein Buch zu lesen, ging ich vor dem Spazierengehen noch einmal spazieren. Schlieรlich war es so weit.
Es fing an zu regnen. Na toll. Es war zehn vor sieben. Ich traf jene Kollegin, die mich angeschrieben hatte, und unterhielt mich ein wenig mit ihr. Ich hasse Smalltalk. Auch bei Menschen, die ich mag.
โIch hoffe, wir sehen niemanden, der uns kennt und dem Ganzen hier nicht wohlgesonnen istโ, sagte ich.
โIch auch. Bis auf dich und N. habe ich im Freundeskreis niemanden, dem ich davon erzรคhlen kann.โ
Tja, das ist das Schicksal, dass sich viele dissidente Studenten teilen. Euch brauche ich das nicht zu erzรคhlen, aber fรผr dieses Mรคdel schien es die erste Erfahrung dieser Art zu sein.
Nachdem noch ein weiterer Bekannter von ihr dazukam, gingen wir von unserem Treffpunkt am Rande der Innenstadt los und suchten die Gruppe der Spaziergรคnger. Erfolglos, wie sich herausstellen sollte. Nach ein paar Minuten stieร N. zu uns (er ist bekannt dafรผr, sich immer etwas Zeit zu lassen), mit Regenschirmen fรผr sich und unsere Freundin.
Auf dem Platz vor dem Rewe stieรen wir auf eine Gruppe, bei der weder ich noch meine Mitstreiter sagen konnten, ob sie fรผr oder wider uns waren. Zumindest auf den ersten Blick. Nach einer Weile stellte sich heraus, dass es die Linken waren. Eine Boomerin kam auf uns zu und teilte uns Papierheftchen aus. โDer Erfahrungsbericht von letzter Woche!โ, sagte sie.
Sie war wohl auf unserer Seite. Das Heftchen war รผberschrieben mit: โRoter Faschismus ร la Rame…-โ
โOh Gott!โ, dachte ich mir. Das darf doch nicht wahr sein! Verdammte Boomer! Ich hasse es, wenn Leute das Wort โFaschismusโ falsch verwenden. Ohne dass sich ein groรer Strom an Spaziergรคngern bilden konnte, drehten wir unsere Runden durch die Innenstadt. Zwischenzeitlich kamen wir an N.s Wohnung vorbei, der mir freundlicherweise einen weiteren Regenschirm zur Verfรผgung stellte.
Es regnete immer noch, und der kalte Wind machte es nicht besser. Plรถtzlich klingelte mein Telefon.
โHey, wo seid ihr?โ
Es war eine jener โvier charmanten Damenโ, die mir vor vier Wochen auf dem Spaziergang Gesellschaft geleistet hatten. Sie hatte eine Probe und wollte deshalb nachkommen.
โWeiรt du, es regnet, und wenn nicht viel los ist, wรผrde ich gleich nach Hause fahren.โ
โJa, hi, pass auf, es hat sich leider kein Spaziergang bilden kรถnnen, aber wir sind gerade unterwegs Richtung Rewe (schon wieder), du kannst uns da einholen und fรผr fรผnf Minuten quatschenโ, sagte ich ihr.
Sie stieร mit dem Fahrrad dazu. Dann gingโs weiter. Als wir an einem Platz ankamen, wo sich ebenfalls die Antifa versammelt hatte, waren wir gerade im Begriff, uns zu trennen und heimzugehen. Und da geschah esโฆ
Die Polizei wollte uns nicht gehen lassen. Es war bestimmt zehn vor acht. Wir waren vielleicht zwรถlf Leute, und es waren mindestens so viele, nein mehr Polizisten anwesend. Und die Gegendemo zรคhlte vielleicht zehn โMannโ.
โTja, so viel zu den fรผnf Minuten zum Quatschen…โ, sagte ich zur Freundin mit dem Fahrrad.
Ein schulterzuckendes โJaโ kam als Antwort zurรผck. โIch meinโ, was soll das, das ist doch reine Schikane!โ
Sie hatte recht, natรผrlich war es das. โDie wollen halt, dass wir nรคchste Woche nicht wiederkommen.โ
โAber jetzt erst recht!โ, entgegnete N.
Nacheinander wurden unsere Personalien aufgenommen. Wie viel Zeit die sich dabei lieรen (es war ja auch schรถnes Wetter…)! Soweit ich mich erinnern kann, ist das meine erste Begegnung dieser Art mit der Polizei. Uns wurden Platzverweise erteilt, das Versammeln sei eine Ordnungswidrigkeit, hieร es von den Polizisten.
Ich war der Letzte, der ausgefragt wurde, nachdem ich eine Runde โSchere, Stein, Papierโ gegen N. verloren hatte. (Der musste รผbrigens eine riesige Runde um die Innenstadt laufen, um zu seiner Wohnung, die in der Innenstadt liegt, gehen zu dรผrfen.) Es war zehn vor neun, als ich wegdurfte. Jacke nass, ich nass, auch meine Noten haben ein wenig getropft. โWas fรผr eine absurde Posse!โ, dachte ich mir auf dem Heimweg.
