Ist Ihnen, lieber Leser des Krautzone-Onlineblogs, schon mal die Frage gekommen, was das eigentlich soll? Warum wir uns um die Ukraine scheren? Nun gut, zugebenermaรen ist das eine berechtigte Frage, ist Lemberg doch ungefรคhr genauso weit von Berlin entfernt wie Paris. Aber was ist die Sache mit Afghanistan oder dem Irak? Was interessiert es denn bitte schรถn den Westler, was irgendwelche afghanischen Ziegenhirten von der Demokratie halten? Klar, einige von Ihnen werden mir jetzt vorhalten, dass die eigentlichen Ziele des Westens geopolitische Fragen waren, um den Einfluss der Russen oder der Chinesen oder von sonst wem zurรผckzudrรคngen, aber das ist nur eine Seite der Medaille. Die Kriege der USA haben auch immer einen moralischen Aspekt; den Leuten hier wird immer eine Art heilige Mission fรผr die Demokratie verkauft, den Menschen dort versucht man die รberlegenheit des amerikanisch-westlichen Way of Life zu oktroyieren. Im Grunde genommen ist der heutige US-Imperialismus nicht wesentlich anders als der der Rรถmer oder der europรคischen Mรคchte im 19. Jahrhundert, nur dass er jetzt eben โbuntโ ist.
Das Abendland hat seine Wurzeln in zwei doch sehr unterschiedlichen Moralvorstellungen: Einerseits in der germanisch-rรถmisch-antiken Moral, welche partikularistisch geprรคgt war und sich hรคufig nur auf den Stamm konzentrierte. Wenn sie sich ausbreitete, wie im Falle der Rรถmer und Griechen, dann gab es stets eine Art โEinverleibungโ der fremden Kulte in die eigene Religion, ohne dass die fremden Kulte zerstรถrt wurden; deshalb haben auch die Rรถmer fast nur griechische Gรถtter mit anderen Namen, und darum erscheint uns die Antike in religiรถsen Fragen auch so โtolerantโ. Dem gegenรผber liegt eine christlich-universalistische Moral, die ihren Ursprung im Orient hat. Dort war es schon zu Alexanders Zeiten รผblich, dass sich die Untergebenen ihren Herren vollstรคndig und sich in den Staub werfend unterwarfen. Mit dem allmรคchtigen Gott der Christenheit ist das nicht anders: Entweder man unterwirft sich ihm, oder man fรคhrt zur Hรถlle โ das jedenfalls wรคre die logische Konsequenz aus der Christenlehre, auch wenn Ihnen linke Wohlfรผhlchristen gern was anderes verkaufen wรผrden. Der christliche Universalismus ging rigoros gegen seine Konkurrenten vor, als Beispiel seien nur die Sachsenkriege Karls des Groรen genannt.
Und so wohnen, ach, zwei Seelen in des Abendlรคnders Brust. Auch mir geht es nicht anders: Einerseits denke ich mir, was es mich denn angehe, wenn auf Neuguinea sich zwei Eingeborenenstรคmme gegenseitig aufessen. Auf der anderen Seite kann ich die โHottentottenโ nicht als vollwertige Menschen ansehen, solange sie nicht im Stechschritt eine Militรคrparade abhalten kรถnnen. Den meisten Europรคern ergeht es รคhnlich. Das Problem der heutigen Situation ist nur: Der Westen will nicht Ruhe geben, ehe nicht jeder Hinterwรคldler in der syrischen Wรผste demokratische Werte lebt, wenn dann aber die Moral des Westens erst mal etabliert ist, kommt jene leicht antik angehauchte Laissez-faire-Haltung zum Vorschein, frei nach dem Motto: โIst doch egal, wenn der Junge Liberale von nebenan seine Schwester vรถgelt, das stรถrt dich doch nicht?!โ
Auch wenn mir Neurechte jetzt vorwerfen werden, dass dies doch eine Unart des Liberalismus sei und ganz und gar nichts mit den alten Germanen zu tun habe: Klar, nicht direkt, aber diese Laissez-faire-Haltung war schon vorher im abendlรคndischen Denken drin, der Liberalismus ist durchaus daraus entstanden und hat sie pervertiert. Der bessere Weg, und ich nehme an, darin sind sich alle Rechten einig, wรคre: Wir รผbernehmen die Laissez-faire-Haltung in auรereuropรคischen Fragen und lassen die Syrer Syrer sein, vรถllig egal, ob sie sich gegenseitig totschlagen oder nicht; innerhalb des Abendlandes aber leben wir unseren christlichen Universalismus und hauen denjenigen auf die Finger, die irgendwelche linken und gesellschaftlich-liberalen Projekte umzusetzen versuchen. Das wรคre doch eine weitaus schรถnere Welt…
