Februar 1788, Danzig. Der Wind treibt Schneegestรถber durch die Gassen der Hafenstadt. Nur wenige ankommende Schiffe mรผssen ent- und beladen werden, das รถffentliche Leben spielt sich noch in den warmen Lรคden und Bรผros der Geschรคftsleute ab. An einem dieser Tage erblickt Arthur Schopenhauer als Sohn eines Handelsmanns in dieser Stadt das Licht der Welt. Dass er mit seiner Philosophie eine kleine Revolution auslรถsen wird, ahnt zu dieser Stunde niemand.
Schopenhauer entpuppt sich bald als hochbegabt, eine kaufmรคnnische Ausbildung bricht er ab, die Philosophie ist es, was ihn umtreibt. Er studiert in Gรถttingen und Berlin, um schlieรlich nach Frankfurt zu ziehen, das etwas beschaulichere Stรคdtchen, das nicht von der Cholera heimgesucht wird. Dort lebt er vom Erbe des Vaters, fern jeder Universitรคt, die er zutiefst verabscheut. Im Alter von 31 Jahren erscheint schlieรlich die erste Ausgabe seines Mammutwerks โDie Welt als Wille und Vorstellungโ, an dessen Vollendung er weitere vier Jahrzehnte arbeiten wird. Ja, so ist das mit Schriften, die wahrer Sprengstoff sind – einmal gezรผndet, lรถsen sie einen Flรคchenbrand aus. Versuchen wir, zu beleuchten, warum gerade dieses Werk zurecht bis heute als Standardwerk der Philosophie gilt:
Damit dies gelingt, sei ein Zeitsprung erlaubt. April 2022, irgendwo in Deutschland. Der Staat und die dazugehรถrigen Medien haben es in den vergangenen Jahren geschafft, selbstbewusste Bรผrger in รคngstlich versprengte Individuen zu transformieren, deren Gedanken um nichts anderes kreisen als um Krankheit, Armut, Klimakatastrophen, Hassrede und neuerdings Krieg. Unter dem fadenscheinigen Vorwand von Solidaritรคt und Mitgefรผhl fรผhlt man sich permanent wie personifizierte Schuldigkeit und vergisst dabei, was Mitgefรผhl eigentlich genau bedeutet. Und hier kommt schlieรlich unser ausgerechnet als Misanthrop bekannter Philosoph ins Spiel. Denn Schopenhauer hat, wie vielleicht kein anderer Denker, seine ganze Theorie auf diesem Begriff aufgebaut.ย
Wie geht er dabei vor? Schopenhauers รberlegungen basieren auf einer These, die es immer gilt, im Auge zu behalten: Fรผr den erkennenden Menschen ist die ihn umgebende Welt nur als Vorstellung gegeben. Dabei ist er selbst das sogenannte Vorstellende (โdie Welt ist meine Vorstellungโ). Vorstellungen erscheinen in Raum und Zeit, das ist ein Naturgesetz. Diese Vorstellungen sind nun jedoch nur die Auรenwelt, es bleibt die alte Frage nach der Mรถglichkeit, wie wir uns selbst erkennen kรถnnen. Schopenhauers Lรถsung dieses Problems ist genial: Wir erfahren uns selbst in doppelter Weise: einmal als Vorstellung (unser Leib) und einmal als Wille. Und dieser Wille hat es in sich. Er liegt nรคmlich genau genommen allem zugrunde. Auch unseren Vorstellungen, also allem, womit wir irgendwie interagieren. Unsere Wahrnehmung unserer Selbst und unserer Mitwelt ist dieser Wille – nicht mehr und nicht weniger. Nun ist dieser Wille kein uns freundlich gesonnener Begleiter, er ist weder gut noch schlecht. Er hat keine Moral. Aber er ist unsere Triebfeder. Wie kann man diesen Wirbelwind nun bรคndigen, damit seine Urgewalt uns nicht zerstรถrt? Hier tritt Schopenhauers Pessimismus zutage: Da dieser Wille in allem waltet, auch in unserem Gegenรผber, interagiert er durch uns mit dem und den anderen. Diese Handlungen haben wiederum Folgen, die wir erkennen und darauf reagieren kรถnnen. Anders gesagt: Der Mensch handelt nicht, indem er erkennt und dann will, sondern indem er erkennt, was er will. Erinnern wir uns: Der Wille, der uns antreibt, ist der gleiche Wille, der unser Gegenรผber antreibt!
So wird Mitleid nicht nur mรถglich, es ist sogar eine existenzielle Notwendigkeit, denn durch dieses Mitleid erkennen wir uns selbst im anderen. Im Leid des anderen sehe ich mein eigenes Leid. Das Tragische daran ist jedoch, dass, je weiter wir im Leben voranschreiten, desto mehr Leid begegnet uns. Eigentlich bleibt uns nach Schopenhauer nichts anderes รผbrig, als zu verzweifeln an dieser Unausweichlichkeit.
Aber wir haben, so Schopenhauer, dennoch eine Wahl: Wir kรถnnen den Willen verneinen, das fรผhrt jedoch zum Erlรถschen unseres Lebensdrangs. Oder wir bejahen den Willen und nehmen das Leben, wie es ist. Raum fรผr moralische Verordnungen von oben bleibt dann zwar nicht mehr. Aber seien wir ehrlich: Im Grunde haben wir doch sowieso โdie Schnauze gestrichen vollโ von all diesen erhobenen Zeigefingern anderer bei jedem Wort, das uns รผber die Lippen kommt und von jeder sinnlosen YouTube Kanallรถschung. Etwas weniger Moral wรคre wahrlich ein Befreiungsschlag.

