von Jonathan Stumpf
Nur noch eine halbe Tagesreise bis Basel, deshalb machen wir schon um 19 Uhr an ein paar Dalben vor einem Kieswerk im Elsass fest. Es ist Freitag, also nichts wie runter von dem Kahn und rein in die nรคchste Kneipe. Von meinen Kollegen, allesamt Tschechen, mรถchte sich leider keiner anschlieรen. Sie freuen sich auf Basel, aber hier wรคren wir ja mitten in der Pampa. Die Schweiz hingegen, die sei hervorragend. Die beiden Sรถhne des Schiffmanns wohnen sogar in der Schweiz. In Davos. Einer der beiden, in der Gastronomie tรคtig, hat seinem Vater schon ein Selfie mit den Klitschko-Brรผdern geschickt, die dort am World Economic Forum teilgenommen haben. Der Vater ist stolz auf seine Sรถhne, auch wenn sie die Schifffahrt an den Nagel gehรคngt haben. Er leiht mir sein Fahrrad.
An Land zu kommen, ist gar nicht so leicht. Als ich, das Fahrrad in der Linken, einen Ausfallschritt mache, um den Abstand zwischen Schiff und Steg zu รผberwinden, und mit der Rechten das Gelรคnder fasse, gรคhnt unter mir der Abgrund. Leicht besorgt denke ich an den Rรผckweg. Hรคtte ich einen Hut auf dem Kopf gehabt, ich hรคtte ihn abgenommen und kurz der vielen Schiffer gedacht, die bei der Rรผckkehr vom Landgang ihr Schiff nur knapp verfehlten.
Der Drahtesel ist schon ganz schรถn mitgenommen. Er lehnt ja auch bei Wind und Wetter am Beiboot. Es geht nur noch ein Gang, aber ich komme voran. Immer Richtung Straรburg. Leider sind gefรผhlt alle Mรผcken in der Gegenrichtung unterwegs. Was sie bloร alle in der Schweiz wollen? Vielleicht haben bei den Eidgenossen sogar die Schnaken ein besseres Leben …
Plรถtzlich sehe ich links der Straรe, versteckt hinter ein paar Bรคumen, einen Fuรballplatz. Ich halte genau darauf zu, denn wo es einen Bolzplatz gibt, dort gibt es in der Regel auch eine Mannschaft, die einen Ortsnamen fรผhrt. Und wo es Ortschaften gibt, dort gibt es meistens auch Kneipen. Wo es aber Kneipen gibt, dort gibt es Geschichten. Ich muss nicht lange suchen. Rhinau, so heiรt das Kaff, in dem ich gelandet bin, hat mit der Schenke A La Vieille Caserne, also „Zur Alten Kaserne“, zwar nur eine Kneipe zu bieten, aber eine mit Charakter. Bevor ich meinen Drahtesel parke und eintrete, klopfe ich noch einmal meine Harrington ab, denn zwischenzeitlich habe ich ausgesehen wie eine Fliegenfalle.
Eine Handvoll Gรคste hocken am Tresen. Ein kleiner Junge und ein Mรคdchen, vermutlich Geschwister, spielen Tischkicker. Eine Zapfsรคule, drei Zapfhรคhne: Auch hier ist der Sprit teurer geworden. Ein volles Glas kostet fรผnf Euro, ein halbes 2,70 Euro. Mein erstes kleines Bier ist maskulin. Ein grober Schnitzer, den mir die franzรถsische Wirtin durchgehen lรคsst, ohne mit der Wimper zu zucken. Sie kommt aus der Gegend um Lille, aber ihre Familie stammt von der Kรผste. Vom Pas-de-Calais. Die Kommunikation mit der Wirtin und den wenigen Gรคsten funktioniert trotz meines marginalen Wortschatzes und meiner noch marginaleren Grammatik zu unser aller Zufriedenheit. Nur auf meine Frage: „Avez-vous le Wi-Fi ici?“ weiร zunรคchst niemand eine Antwort. Erst als ich mein Handy in die Hรถhe halte und hinzufรผge: „Pour l’internet“, fรคllt der Groschen. Mein Fehler war es gewesen, die englische Abkรผrzung Wi-Fi auch englisch ausgesprochen zu haben und nicht „wie Vieh“.
Im Fernsehen werden die Prรคsidentschaftskandidaten Macron und LePen gezeigt. Ich frage in die Runde, wer die Wahl am Sonntag ihrer Ansicht nach gewinnen werde. Ein Mann wiegt den Kopf und deutet mit einer Geste an, es stehe fifty-fifty zwischen dem Titelverteidiger und der Herausforderin. Hier werden sie alle fรผr LePen stimmen. Das geben sie unumwunden zu. Macron sei nur gut fรผr die Reichen: „Ce n’est bon que pour les riches“, sagen sie. Er wolle das Rentenalter auf 70 Jahre anheben. LePen sei besser fรผr die Franzosen. Ich nicke zustimmend. Und blicke in freudestrahlende Gesichter. Die Nachrichten laufen noch immer. Es geht um mutmaรliche Kriegsverbrechen der russischen Sรถldnertruppe Wagner in Mali.
Noch ein paar kleine Bier, dann betritt ein Mann das Lokal, dem ich sofort ansehe, dass er ein Spaรvogel ist. Er stellt sich an den Tresen, bestellt, reiรt einen Witz. Jedenfalls lachen die anderen Gรคste und er mit ihnen. Als ich das nรคchste Bier zapfen lasse, verwickelt er mich in ein Gesprรคch. Auf Deutsch. Der Mann ist Elsรคsser von echtem Schrot und Korn. Er heiรt Michael. Wir quatschen รผber alle mรถglichen Dinge, aber vor allem รผber das Allemannische, seine Mundart. Ich drรผcke Bedauern darรผber aus, dass das Elsรคssische รผber kurz oder lang verschwinden werde, da die Jungen es nicht mehr sprรคchen. Dass das Allemannische zumindest in Rhinau noch quicklebendig ist, wird sich nur wenig spรคter zeigen.
Wir laden uns gegenseitig zu einem Getrรคnk ein. Eine seltsame Konvention, da es unterm Strich darauf hinauslรคuft, dass niemand eingeladen wird. Plรถtztlich betritt noch ein alter Elsรคsser das Lokal. Wie sich herausstellt, ist es der beste Freund meines Gesprรคchspartners. Weil er dessen Wagen vor der Kneipe habe stehen sehen, habe er ebenfalls dort gehalten. Schlieรlich betritt noch ein dritter Elsรคsser die Wirtschaft und nimmt an dem Abschnitt des Tresens Platz, den kurz zuvor die letzten Franzosen gerรคumt haben. Jetzt wogt eine laute und angeregte Unterhaltung auf Deutsch. Der Letzte, der hereinkam, ist in frรผheren Zeiten Warschauer gewesen.
Die Warschauer haben ihre Brรถtchen auf dem engen, gefรคhrlichen Rheinabschnitt zwischen Bingen und der Loreley verdient. Wie eine menschliche Ampel regelten sie mit Signalen den Verkehr auf dem reiรenden Fluss. Bis ins Jahr 1969 war das so. Dann verschwand das Berufsbild des Warschauers. Es wurde durch den technischen Fortschritt obsolet.
Die drei Mรคnner sind zwischen 60 und 75 Jahre alt und auch die Wirtin hat schon mindestens ein halbes Jahrhundert auf dem Buckel. Ich frage sie, was denn mit meiner Generation los sei. Es sei doch schlieรlich Freitag. „Oรน sont les jeunes filles?“ rufe ich lachend und hebe die Achseln. Michael vermutet die jungen Damen am Campingplatz.
Gerade mรถchte ich ein letztes Mal austreten und mich dann wieder auf mein Rad schwingen, da hรถre ich Michael erneut bestellen: „Une autre biรจre pour l’Allemand.“ Als ich vom Toilettengang zurรผckkehre, steht schon ein frisch gezapftes Blondes an meinem Platz. Auch das muss vergolten werden. Den alten Warschauer frage ich, wie die Kneipe eigentlich heiรe. „A La Caserne“, sagt er. Ich verstehe ihn akustisch nicht, frage nochmals nach. „Wie in dem Lied“, lacht er und fรคngt plรถtzlich an, „Lili Marleen“ zu singen. Wir stimmen alle mit ein: „Bei der Kaserne vor dem groรen Tor, steht eine Laterne“ usw.
Als drei junge Mรคnner hereinkommen, von denen zwei offensichtlich aus dem Maghreb stammen, raune ich Michael zu: „Das sind aber mindestens Sรผdfranzosen. Vielleicht aus dem Languedoc.“ Wir mรผssen beide herzlich lachen, was die jungen Mรคnner fรผr einen Augenblick irritiert, aber wir prosten ihnen freundlich zu und es entsteht keine Feindseligkeit.
Um halb zwรถlf empfehle ich mich schlieรlich und radle los. Vor der Kirche des Ortes treffe ich dann doch noch auf die Dorfjugend. Ein 13-jรคhriger, dicklicher Tรผrke scheint der Wortfรผhrer der etwa 20-kรถpfigen Gruppe zu sein. Jedenfalls tritt er mit mir in Dialog und die anderen lauschen. Man mรถchte wissen, wie alt ich bin, wo ich herkomme, ob ich Kinder habe, was ich hier mache und anderes harmloses Zeug. Zuletzt die Gretchenfrage: „Was halten Sie von Macron und LePen?“ Da ich mich fรผr die Frau ausspreche, fragt der Teenager: „รtes-vous un raciste?“ Meine Entgegnung: „Je suis rรฉaliste.“ Die Jugendlichen finden meine Antwort lustig und so bekomme ich sogar noch bis zum Ortsausgang eine Eskorte aus Motor- und E-Rollern.
Dann bin ich allein auf der stockfinsteren Landstraรe. Ohne Licht. Immer Richtung Basel. Wenigstens keine Mรผcken. Die sind wohl schon alle รผber die Grenze. Oder sie sehen mich einfach nicht …

