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Am Zaun

30. April 2022
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An diesem Tag habe ich ernsthaft daran gedacht, meinen Vorgesetzten zu erschieรŸen. Er lief mir direkt ins Visier, natรผrlich ohne es selbst zu wissen. Ich hielt den Finger am Abzug und รผberlegte, ob ich es tun sollte oder nicht. Doch ich zรถgerte, und er kam nรคher, entdeckte mich, sah, wie ich respektvoll grรผรŸend die vorgeschriebene Haltung einnahm, und teilte mich zur Nachtwache ein.

Es war bereits die dritte Nachtwache in dieser Woche. Er muรŸte wissen, wie einem das an die Nerven ging. Ich trug die Maschinenpistole bei mir und dreiรŸig SchuรŸ Munition und kam mir durchaus idiotisch vor so mitten im Dunkeln, im Winter, im Schneetreiben, mit der verdreckten Uniform. Mein vorgeschriebener Weg fรผhrte an einem Drahtzaun entlang, von einem bestimmten Punkt aus immer in eine Richtung und irgendwann von dort wieder zurรผck. Man war ganz auf sich gestellt, wenn man da so ging, und niemand machte einem zu schaffen. Hinter dem Zaun stand der Wald mit seinen schattenhaften Bรคumen. Ab und zu blies der Wind in die Wipfel, bewegte die knarrenden ร„ste.

Plรถtzlich stand einer da.

Ich riรŸ die Waffe von der Schulter, brachte sie in Anschlag.

โ€žHeโ€œ, rief ich ihm zu. โ€žHe du!โ€œ

โ€žMach keinen Lรคrmโ€œ, sagte der andere nur.

โ€žWer bist du?โ€œ, fragte ich ihn.

Seine Gelassenheit irritierte mich.

Ich ging auf ihn zu und staunte nicht schlecht. War das ein Kostรผm? Sah aus wie der Teufel.

โ€žWas lรคufst du hier herum und frierst?โ€œ, fragte mich die Gestalt. โ€žMeinst du, daรŸ dir das einer dankt? Komm lieber mit in die Hรถlle, da kannst du dich an den Kesseln wรคrmen.โ€œ

Eigentlich hรคtte ich ihn verhaften mรผssen. Irgendetwas hielt mich davon ab. Etwas Magisches ging von ihm aus. Ich senkte die Waffe und folgte ihm, als wรคre das selbstverstรคndlich. Wir stapften durch den frischen Schnee und fanden eine seltsame Eingangstรผr, die mir noch nie aufgefallen war. Wir durchquerten einen Tunnel, schwรคrzer als die Nacht, der bis an ein Tor fรผhrte. Nachdem es sich schwerfรคllig und gerรคuschvoll geรถffnet hatte, betraten wir die Hรถlle.

โ€žHier ist es warm und trockenโ€œ, sagte der Teufel. โ€žSetz dich und ruh dich aus.โ€œ

Ich tat es und schaute mich um. รœberall loderten Flammen unter kupferfarbenen Kesseln, in denen es mรคchtig zu brodeln schien. In einem Kessel, ganz in meiner Nรคhe, saรŸ ein Mensch, der aussah wie Napoleon. Zwar nackt, mit gerรถteter Haut, den Hut aber noch auf dem Kopf.

Neugierig ging ich hin und las auf einem Schild: โ€žNapoleon Bonaparteโ€œ. Kaum zu fassen! Ich betrachtete ihn genauer.

โ€žSo habยด ich mir den gar nicht vorgestelltโ€œ, sagte ich.

โ€žIch weiรŸ, ich weiรŸโ€œ, grinste der Teufel. โ€žHier unten sind sie alle anders. Verrichten brav ihre tรคglichen Dienste. Halten mir die Hรถlle sauber. Ich habe wirklich meinen SpaรŸ an ihnen.โ€œ

Mein Interesse schien ihm zu gefallen, und er lud mich zu einem Rundgang zwischen den Kesseln ein. Da waren noch andere Prominente und viele mir Unbekannte, die unglaublich litten. Vor einem noch unbesetzten Kessel blieb ich stehen.

โ€žMoment malโ€œ, rief ich aus. โ€žDen kenne ich doch!โ€œ

Ich hatte das Namensschild meines Vorgesetzten entdeckt.

โ€žKann seinโ€œ, sagte der Teufel. โ€žEin Neuzugang. Ist fรผr morgen hier angemeldet.โ€œ

Ich erschrak. Mein Vorgesetzter โ€“ morgen schon in der Hรถlle? Dann erzรคhlte ich, wie ich eben noch probeweise auf ihn gezielt hatte und mir der Gedanke gekommen war, einfach abzudrรผcken. Aber es war ja nur ein Gedanke gewesen, eine flรผchtige, absurde Idee.

โ€žWie ist er denn so?โ€œ, wollte der Teufel wissen.

โ€žViel kann ich gar nicht รผber ihn sagenโ€œ, antwortete ich. โ€žEr geht einem mรคchtig auf die Nerven. Schikaniert, drangsaliert, wo er kann. Sรคuft sich gern voll, freut sich an Gemeinheiten. Nach unten treten, nach oben buckeln โ€“ so ein Typ eben. Sie nennen ihn die Hรคmorrhoide.โ€œ

Der Teufel nahm sein verruรŸtes Hรถllenregister zur Hand, blรคtterte darin herum und murmelte: โ€žLรคuft unter Vorgesetzter sieben mal siebenten Grades โ€“ wird einige Zeit in kochender Lauge verbringen mรผssen und um ein paar Jรคhrchen auf dem glรผhenden Nagelbrett nicht herumkommen.โ€œ

Mein Vorgesetzter muรŸte weit mehr auf dem Kerbholz haben, als ich ahnte.

Der Teufel prรผfte das Kesselthermometer.

โ€žIch glaube, wir mรผssen nachlegenโ€œ, sagte er.

Gemeinsam trugen wir Brennholz zusammen und warfen es in die Flammen. Ich kam dabei richtig ins Schwitzen. Der Kessel meines Vorgesetzten begann zu glรผhen.

โ€žDas genรผgtโ€œ, gebot der Teufel schlieรŸlich, bedankte sich fรผr meine Hilfe und meinte, daรŸ es nun Zeit fรผr mich sei zurรผckzukehren, da es drauรŸen bald hell wรผrde.

โ€žDann muรŸ ich wohl gehenโ€œ, sagte ich โ€“ und stand im selben Moment, von milchigem Frรผhnebel umgeben, an meinem Zaun.

Ich lief den vorgeschriebenen Weg entlang und wartete darauf, daรŸ sich aus der dunstverhangenen Umgebung Schritte nรคherten. Die Ablรถsung war fรคllig. Der Wald lag nun scheinbar weiter ab als in der Nacht, und der Stacheldraht, mit Frost beschlagen, spannte sich wie eine dรผrre Girlande des Winters in den sonst so schmucklosen Morgen.

Noch ahnte ich nicht, daรŸ mein Vorgesetzter bereits vermiรŸt wurde. Wรคhrend der Nacht war er auf irgendeiner abgelegenen Chaussee mit dem Motorrad betrunken in eine Schneewehe gerast.

(1986)

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