Als ich wรคhrend eines Landgangs in Stuttgart/Untertรผrkheim Rita Mae Browns teils autobiografischen Roman Rubinroter Dschungel aus einem รถffentlichen Bรผcherregal zog und einsteckte, ahnte ich noch nicht, wie sehr ich mich mit der lesbischen Protagonistin Molly Bolt wรผrde identifizieren kรถnnen. Auf dem Buchrรผcken fanden sich anstelle eines Klappentexts nur zwei Zitate. Eines aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, das einen pikaresken Leckerbissen versprach, das andere von der New York Times: โDer anfeuerndste Roman, der bislang aus der Frauenbewegung gekommen ist.โ Da diese Bewegung in den letzten Jahren nicht viel Positives zuwege gebracht hat, um es diplomatisch auszudrรผcken, waren meine Erwartungen an das Buch eher gering, als ich es in einer ruhigen Minute zur Hand nahm und darin zu lesen begann.
Molly Bolt wรคchst in den Fรผnfzigerjahren zunรคchst im lรคndlichen, von deutschen Einwanderern geprรคgten Pennsylvania und spรคter in Florida auf. Sie ist intelligent und ehrgeizig und erreicht in der Regel die selbst gesteckten Ziele. Auch bevorzugt sie es, sich mit den Jungs durchs Dickicht zu schlagen anstatt mit Puppen zu spielen, und schraubt als Teenagerin lieber an Motorrรคdern herum, als mit ihren Altersgenossinnen um das beste Make-up zu wetteifern. Im Zorn wirft ihre Adoptivmutter ihr an den Kopf, sie sei ein Bastard und gar nicht ihr eigenes Kind, nachdem sie ein paar Mรผnzen damit verdient hatte, den schrumpeligen Penis eines Klassenkameraden anderen Kindern vorzufรผhren und mit dem Besitzer des Gemรคchts halbe-halbe zu machen. Respekt vor Regeln, deren Sinnhaftigkeit ihr nicht unmittelbar einleuchtet, hat sie nicht. Frรผh entdeckt sie ihre Neigung zum eigenen Geschlecht, macht neben hetero- erste homosexuelle Erfahrungen mit Klassenkameradinnen und fรผhrt schlieรlich im College eine regelrechte Liebesbeziehung mit ihrer Zimmergenossin Faye. Diese Liebesbeziehung wird der exzellenten Jurastudentin und Vollstipendiatin im Sunshine State zum Verhรคngnis.
Die Schlรผsselszene, in der sich Molly Bolt offen zu ihrem Anderssein bekennt โ wohlgemerkt, in einer Zeit, in der das โComing outโ noch Mut erforderte und statt der heute automatisch mitgelieferten Vorteile ausschlieรlich Nachteile mit sich brachte โ mรถchte ich hier im Wortlaut wiedergeben:
โErst im Februar bemerkte ich, daร manche Leute aus unserem Heim nicht mehr mit uns sprachen. Gesprรคche brachen ab, wenn eine von uns die braunen Flure hinunterschlenderte. Faye kam zu dem Schluร, daร sie alle an chronischer Kehlkopfentzรผndung litten und wollte fรผr Heilung sorgen. Sie legte eine Mickey Mouse-Club-Schallplatte in dem hรครlichen Campus-Glockenturm auf, stellte das Gerรคt ein und verkรผndete unseren Wohnheim-Nachbarinnen, daร um 15 Uhr 30 รผber den Glockenturm die wahre Natur der Universitรคt enthรผllt werde.
Sobald die Schallplatte quer รผber den Campus tรถnte, kamen Dot und Karen von nebenan rรผbergerannt, um Fayes Erfolg zu bekichern. So schnell, wie sie auf dem Absatz kehrtmachten, um hinauszueilen, fragte Faye sie geradeheraus: โWie kommt es, daร ihr beide nicht mehr mit uns redet?โ
Schrecken รผberzog Dots Gesicht, und sie erzรคhlte eine Halbwahrheit. โWeil ihr die ganze Zeit in eurem Zimmer bleibt.โ
โQuatschโ, konterte Faye. โEs muร einen anderen Grund gebenโ, fรผgte ich hinzu, Karen, verรคrgert รผber unsere schlechten Manieren, so direkt zu sein, zischte uns anmutig an: โIhr seid so viel zusammen, daร es aussieht, als wรคrt ihr Lesbierinnen.โ
Ich dachte, Faye wรผrde ihr Chemie-Buch nach Karen werfen, so rot war ihr weiรes Gesicht. Ich sah Karen direkt ins Gesicht und sagte ruhig: โWir sind es.โโ
Wenig spรคter zur Dekanin zitiert, der gegenรผber sie sich uneinsichtig zeigt, muss Molly ein paar Tage in der Klapsmรผhle des Universitรคtskrankenhauses verbringen. Als sie in ihr Wohnheim zurรผckkehren darf, findet sie dort neben einem Abschiedsbrief Fayes einen Brief von ihrer Studentenverbindung vor. Der Inhalt: Sie werde aus der Verbindung ausgeschlossen, wofรผr sie sicherlich Verstรคndnis habe, und alle Mitglieder wรผnschten ihr eine baldige Besserung. Einen Tag spรคter steckt ein รคhnliches Schreiben in ihrem Briefkasten. Dieses Mal vom fรผr das Stipendium zustรคndigen Ausschuss der Universitรคt. Darin wird Molly erรถffnet, ihr Stipendium kรถnne aus moralischen Grรผnden nicht erneuert werden, obwohl ihre akademischen Leistungen โglรคnzendโ seien.
Wer in seinem Leben jemals rechts der CDU politisch engagiert gewesen ist, ahnt bereits, worauf ich mit meiner Nacherzรคhlung des Lesbenromans hinausmรถchte: Die Mechanismen der gesellschaftlichen Ausgrenzung sind heute fรผr โRechteโ ziemlich genau die gleichen wie fรผr Homosexuelle Mitte des vergangenen Jahrhunderts. Im Folgenden werde ich diese These anhand kleinerer Beispiele aus meiner eigenen Lebenswirklichkeit untermauern. Auf Hausverbote und tรคtliche Angriffe auf meine Person werde ich der gebotenen Kรผrze wegen nicht eingehen.
Nach meiner Gรคrtnerlehre wurde ich aus politischen Grรผnden nicht รผbernommen. Die Antifa hatte zuvor mit ein wenig Vandalismus nachgeholfen. Da auf Wunsch deutscher Behรถrden eine Untersuchung in den US-Streitkrรคften gegen mich angestrengt wurde, durfte ich meine Einheit nicht in den Afghanistan-Einsatz begleiten. Wo auch immer ich mich in den vergangenen anderthalb Jahrzehnten zu Ausbildungs- oder Studienzwecken aufgehalten habe, ob in Deutschland, den Niederlanden oder in Rumรคnien, immer trat irgendwann der oben beschriebene Fall ein, dass man mich von einem Tag auf den anderen behandelte wie einen Aussรคtzigen.
Auf meine eigene Abifahrt musste ich als Jahrgangszweitbester โfreiwillig verzichtenโ, sonst hรคtte sie gar nicht stattgefunden (ich ging stattdessen auf dem Bodensee segeln, aber ich wรผrde heute mit Freuden jede Minute auf dem Segelboot eintauschen, um meinen freiwilligen Verzicht auf die Abifahrt rรผckgรคngig machen zu kรถnnen). Plakate mit meinem Konterfei und den verleumderischen Worten โAchtung! Faschist!โ hingen nicht nur in meiner Straรe, sondern auch in der Universitรคtsbibliothek in Mannheim. Als ich unlรคngst eine Heidelberger Professorin um ein Empfehlungsschreiben fรผr Oxford bat, verweigerte sie es mit einer fadenscheinigen Begrรผndung, obwohl ich ihr Fach Klassische Archรคologie mit 1,0 abgeschlossen hatte.
Meinen Nebenjob als Rettungsschwimmer bei den Stadtwerken Heidelberg verlor ich nach einem lรผgengespickten Antifa-Artikel, dessen verleumderische Unterstellungen von der Rhein-Neckar-Zeitung kolportiert worden waren. Kurz darauf bekam ich von der in Mannheim ansรคssigen Turnerschaft Fridericiana eine WhatsApp-Nachricht, in der mir mitgeteilt wurde, dass ich mich nicht weiter bei ihnen einpauken dรผrfe. Ich sei fortan auch nicht mehr auf ihrem Haus willkommen. Man sieht: Geรคndert haben sich allenfalls die Mitteilungsmodalitรคten. Wรคhrend man frรผher als Schwuler noch auf einen Brief hoffen konnte, genรผgt fรผr den Rechten oder auch nur vermeintlich Rechten des 21. Jahrhunderts eine WhatsApp-Nachricht.
Eine WhatsApp-Nachricht bekam ich auch von einer Bekannten, die demselben unpolitischen Freundeskreis angehรถrt wie ich. Er nennt sich nach der Pforzheimer Genossenschaftsstraรe, in der in der Vergangenheit die ein oder andere wilde Hausparty veranstaltet wurde, schlicht โGenossenschaftโ. Nun aber zum Inhalt der Nachricht. Es ging um eine Grillfeier am 1. Mai, zu der ich zunรคchst auch eingeladen war:
โHey Jonathan sei mir nicht bรถse aber da des mittlerweile ne private Feier ist bei mir zu Hause und da auch Leute von mir kommen kann ich dich leider nicht einladen, ist garnicht bรถse gemeint in der Genossenschaft ist des kein Thema aber da kommen auch Leute von mir und K. und des wรผrde leider denke ich zu Problemen fรผhren die ich nicht haben mรถchte.โ
Abgesehen davon, dass dieser Text einem Epigraphiker zu Ausbildungszwecken dienen kรถnnte, weil er gleich antiken Inschriften auf Interpunktion verzichtet, ist er eine Ungeheuerlichkeit. Das Schlimme ist, dass den Menschen, die solche Zeilen schreiben und sich auf der Seite der Guten wรคhnen, die Ironie ihrer Aussagen meist verborgen bleibt.
Damit es nicht heiรt, ich sei ein Schreiberling mit einer Profilneurose, der immer nur von sich berichten mรผsse, seien abschlieรend noch zwei Beispiele von Freunden angefรผhrt: Einer musste unlรคngst in seiner Meisterschule politisch Farbe bekennen, und der Umstand, dass er keinen Hehl daraus machte, die AfD gewรคhlt zu haben, wurde zum Skandal aufgeblasen. Ein anderer wurde in Berlin nebst weiblicher Begleitung aus einem Wellness-Hotel geworfen, weil man in ihm einen frรผheren IB-Aktivisten erkannt haben wollte.
Ich hoffe weiters, der Abschnitt, in dem ich von รคhnlichen Erfahrungen wie Molly Bolt berichte, klingt nicht wie Mimimi. Ich erwarte kein Mitleid und bin froh, dass alles so gekommen ist, wie es gekommen ist. Wรคre ich nach der Lehre รผbernommen worden, hรคtte ich womรถglich nie das Abitur nachgeholt. Wรคre ich mit der Eagle Troop des 2. Kavallerieregiments nach Afghanistan gegangen, hรคtte ich mindestens eine Verwundung erlitten, weil der Radpanzer meiner Gruppe auf ein IED gefahren ist. Hรคtte ich in der US-Armee Karriere machen kรถnnen, hรคtte ich wahrscheinlich nie in Heidelberg, Rumรคnien, Mannheim und den Niederlanden studiert. Wรคre ich nicht so oft โgeoutetโ worden, wรคre ich heute vermutlich weniger resilient, denn โder Kampf gegen Gipfel vermag ein Menschenherz auszufรผllenโ (Camus). Wรคre mir nicht bei den Stadtwerken Heidelberg gekรผndigt worden, wรคre mir ein lukrativer Auftrag als รbersetzer entgangen. Hรคtte ich mich bei den Fridericianern weiter einpauken kรถnnen, hรคtte mein Kontrahent bei der ersten Mensur vielleicht Hackepeter aus meiner Visage gemacht. Wรคre ich auf der Grillfeier am 1. Mai erwรผnscht gewesen, hรคtte ich keine Zeit gehabt, meinen Laptop und mein Zimmer aufzurรคumen. Ein Hoch auf die kognitive Dissonanzreduktion! Sie ist der beste Freund des โRechtenโ. Was immer es kosten mรถge, wir sind nicht dazu bereit, in den Chor derer einzustimmen, die behaupten, der Himmel sei grรผn. Und das muss doch auch etwas wert sein.

