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Verfassungspatriotismus wird heute 73 Jahre alt!

23. Mai 2022
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Der Taubenzรผchterverein โ€žBundesverband Taubenzucht 49 e.V.โ€œ hat zur Mitgliederversammlung geladen. Der Vorstand ist vollstรคndig erschienen. Alt-68er und Babyboomer geben sich gegenseitig die Klinke in die Hand. Die Plรคtze in den Zuschauerrรคngen sind dagegen spรคrlich besetzt. Auch dort trifft Alt-68er auf Babyboomer.

Wahrhaft frรถhliche Stimmung mag an diesem 23. Mai nicht aufkommen, an dem der โ€žBundesverband Taubenzucht 49 e. V.โ€œ sein 73. Jubilรคum feiert. Schon immer hatte diesen alljรคhrlichen Mitgliederversammlungen am 23. Mai etwas Bedrรผckendes, Freudloses angehaftet. Jedenfalls hielten sie nie den Vergleich mit den Mitgliederversammlungen stand, die der inzwischen befreundete Konkurrenzverein weiter westlich der GroรŸen StraรŸe alljรคhrlich am 14. Juli feiert; mit den jรคhrlichen Mitgliederversammlungen am 04. Juli des noch grรถรŸeren Konkurrenzvereins jenseits des groรŸen Teichs am westlichen Ende der GroรŸen StraรŸe erst recht nicht. Im โ€žBundesverband Taubenzucht 49 e.V.โ€œ engagierte der Vereinsvorstand lediglich ein tristes Streicherquartett, jedes Vorstandsmitglied trug die Trauergarderobe vom letzten Genossenbegrรคbnis wieder auf und alle fรผnf Jahre fand die Wahl des Vorstandsvorsitzenden statt, selbstverstรคndlich unter Ausschluss der Mitglieder. Der Vorsitzende hielt nach zuvor abgekarteter Wahl eine Lobeshymne auf die Vereinsmitgliederherrschaft, ausgeรผbt in freien Wahlen, und ermahnte sogleich alle Vereinsmitglieder, sich ihrer immerwรคhrenden Schuld und Verantwortung zu besinnen, das Knie zu beugen und Geld in die aufgehaltenen Hรคnde der Nachbarn zu legen. Denn der Verein will ein Verein der solidarischen Nachbarschaft sein. Inzwischen finden die fรผnfjรคhrigen Wahlen zum Vorstandsvorsitzenden bereits im Februar statt und die Definition des handaufhaltenden Nachbarn hat der Vorstand mit freundlicher Unterstรผtzung der von ihm herausgegebenen Vereinszeitung massiv ausgedehnt. Denn der Verein will ein Verein des freundlichen Gesichts sein.

Aber dieses Jahr sind die Zuschauerrรคnge noch etwas leerer und die Stimmung noch etwas angespannter als sonst. Das Geschรคft mit der Taubenzucht lรคuft nicht mehr rund. Die Kosten fรผr das Taubenfutter explodieren und die Lieferketten fรผr hochspezialisiertes Taubenfutter sind auf der GroรŸen StraรŸe inzwischen fast vรถllig zerrissen. Einfache Tauben werden von den Konkurrenzvereinen am fernรถstlichen Ende der GroรŸen StraรŸe schon seit geraumer Zeit viel billiger gezรผchtet. Bei den hรถheren und hรถchstentwickelten Tauben war in den letzten Jahren noch gutes Geld zu verdienen, obwohl die Konkurrenzvereine auch in diesen Segmenten natรผrlich nicht schlafen. Doch vor allem die immer neuen und immer strengeren Vorgaben des Bundesvorstandes schrรคnken die Mรถglichkeit der Taubenzucht immer weiter ein, viele einfache Mitglieder haben das Taubenzรผchten schon aufgegeben. In fรผnf Jahren will der Bundesvorstand vollstรคndig aus der Taubenzucht aussteigen. Denn der Verein will ein Verein der Erneuerung sein.

Und seit dem 24. Februar dieses Jahres lauschen alle gespannt nach dem Donnergrollen aus den Hรคuserkรคmpfen zwei Blocks weiter รถstlich auf der GroรŸen StraรŸe โ€ฆ

Kaum springt das Deckenlicht, das heute Vormittag erst zwei Mal ausgefallen ist, wieder an, da erรถffnet der Vorstandsvorsitzende die Versammlung. Er ist ein Albino ohne Wiedererkennungswert. Zu sagen hat der Vorstandsvorsitzende laut Vereinssatzung wenig, reden kann er auch nicht. Seine grummelnde Stimme, die manchmal zwecks Simulation von Basismitgliedernรคhe gekรผnstelt anschwillt, bleiert wie die Textbausteine in den Artikeln, die der Vorstandsvorsitzende frรผher, in seinen Marburger Tagen, fรผr die Zeitung โ€žKritische Taubenzรผchterโ€œ verfasst hatte.

Daher redet der Vorstandsvorsitzende am liebsten รผber das, was den Taubenzรผchterverein seiner Meinung nach von A bis Z, in Mark und Bein, einzig und allein ausmache: Die Vereinssatzung. Ja, die Vereinssatzung definiere uns als Vereinsmitglieder. Er, der Vorstandsvorsitzende, wolle raus ins Land gehen und fรผr die Satzung werben und Lust darauf machen, sich fรผr die Vereinssatzung zu engagieren. Die Achtung der einfachen Vereinsmitglieder vor der Vereinssatzung sei in den letzten Jahren immer weiter verloren gegangen und viele Vereinsmitglieder sรคhen den Verein nur noch in den Kategorien von Taubenzucht, Taubenverkauf und dem Interesse fรผr Tauben ans sich. Viele Mitglieder, die jahrzehntelang Tauben gezรผchtet und verkauft, die Vereinsmitglieder nachgeboren und Vereinsbeitrรคge gezahlt hรคtten, stรผnden heute lรคngst nicht mehr auf dem Boden der Vereinssatzung. Als Rattenfรคnger unter Taubenzรผchtern gingen sie umher, um Hass und Spaltung gegen den Geist der Satzung zu sรคhen. Diesen Satzungsfeinden sage er, der Vorstandsvorsitzende, den Kampf an. Ganz wie damals in seinen Marburger Tagen, nur unter anderen Vorzeichen.

Das linkslastige Schiefmaul, Chefideologe des Vereinsvorstandes, ohne jemals dessen gewรคhltes Mitglied gewesen zu sein, nickte anerkennend. Der Strom fรคllt zum dritten Mal an diesem Tage aus, das Vormittagssoll wรคre damit fast erfรผllt. Denn der Verein will ein Verein der Nachhaltigkeit sein.

Wir, fรผhrt der Vereinsvorstandsvorsitzende fort, dรผrften den Satzungsfeinden keinen Meter weiter nachgeben. Denn die Satzung sei das Beste, was wir jemals gehabt hรคtten, schlieรŸt der Vorstandsvorsitzende und ewig nickt des linkslastigen Schiefmaul. Es hat den Begriff des โ€žSatzungspatriotismusโ€œ geprรคgt.

Die unfreiwillige W-Lan-Flaute im Vereinsheim ist wohl auch der einzige Grund, weshalb dem Vorstandsvorsitzenden immer noch zugehรถrt wird, als sein monotones Plastiksprech doch noch fortfรผhrt:

โ€žJa, dank der Satzung leben wir heute im besten Taubenzรผchterverein, den es jemals gab.โ€œ

Einhelliges Nicken aller, die momentan im Vorstand des Taubenzรผchtervereins sitzen. Verschรคmt dreht der Schatzmeister die Heizung herunter. Inzwischen haben die Anwesenden genรผgend Kรถrperwรคrme abgegeben, um den Vereinssaal halbwegs aus sich selbst heraus zu wรคrmen.

โ€žWir sehen heute die Generationen des Vereins vor Inkrafttreten der Satzung und fรผhlen uns nicht mehr zu ihnen hingezogen, ja ihre selbstherrlichen Denkmรคler lassen uns vollkommen uninteressiert.โ€œ

Vielleicht der Grund, weshalb der Vorstand sรคmtliche Fotos von Vereinsmitgliedern abgehรคngt hat, die dem Verein vor 2015 beigetreten sind.

โ€žFรผr den modernen Taubenzรผchter, den demokratischen Taubenzรผchter, beginnt die Geschichte der freiheitlich-demokratischen Taubenzรผchtung mit der Grรผndung dieses Vereins mit Inkrafttreten der Satzung.โ€œ

Nun gut, streng genommen ist der Verein schon ein paar Jahrzehnte รคlter als die Satzung. Bei genauer Betrachtung stammt alles, was der Verein heute noch zu Geld machen kann, aus diesen Jahrzehnten, als der Verein noch anders hieรŸ, auf der gesamten GroรŸen StraรŸe durch das Setzen von MaรŸstรคben von sich reden machte. Mehr als sieben Generationen lang lehrten die damaligen Vereinsmitglieder der Welt, was es hieรŸ, ein Taubenzรผchter zu sein. Tauben des Vereins hatten lange im Schlag gedรคmmert, waren von den Tauben der mordenden und brandschatzenden Nachbarvereinen zwischenzeitlich halb ausgerottet worden und hatten sich obendrein noch selbst zerfleischt Dann aber brauchte es nur drei Generationen und die Tauben des Vereins waren hรถher geflogen als die Zรผchtungen aller anderen Taubenvereine, erklommen Hรถhen, die kein anderer Taubenschlag erblickt hatte, zogen den Neid aller anderen Taubenvereine auf sich. Tauben dieses Vereins flogen auf vier GroรŸen StraรŸen gegen Taubenvereine von fรผnf GroรŸen StraรŸen um die Wette und errangen trotz krasser Unterzahl und Einkreisung mehr als Achtungserfolge. Fand gerade kein Wettkampf gegen konkurrierende Taubenvereine von fรผnf GroรŸen StraรŸen auf vier GroรŸen StraรŸen statt, erwiesen sich die Vereinsmitglieder dieses Vereins als kommerziell hรถchst erfolgreich. Die Aufzucht der dieses Vereins prรคgten ein Jahrhundert lang Macht und Mythos des Siegels โ€žMade in Taubenhainโ€œ.

Heute ermรถglicht der unfreiwillige W-LAN-Ausfall im Vereinsheim, dass alle Anwesenden dem letzten Gestammel des Vorstandsvorsitzenden lauschen mรผssen, ob die wollen oder nicht. Wer nicht will, den diszipliniert die Anwesenheit des Vereinsfrettchens mit dem Schlapphut. Kraft seiner Nagetierphysiognomie ist das Vereinsfrettchen mit dem Schlapphut bei allen Vorstandswahlen durchgefallen. Kraft seiner Wahlniederlagen erfรผllt das Vereinsfrettchen mit dem Schlapphut jetzt im Auftrag des Vorstandes alle Aufgaben eines gewรคhlten Vorstandsmitgliedes. Und zwar als Satzungsschutzfrettchen.

โ€žโ€ฆ und so mรผssen wir gemeinsam aufstehen, wenn Mitglieder dieses Vereins sich zusammenrotten und gegen den Vorstand vereinsabtrรคglich hetzen.โ€œ

Aufstehen. Das war das Stichwort fรผr den Geschรคftsfรผhrer. Ein kleiner Mann mit Glatze und verschlagen-schrรคgen Augenbrauen erhebt sich, bei seiner KรถrpergrรถรŸe zwangslรคufig nur unmerklich. Ihm rรคumt die Satzung erheblich mehr Kompetenzen ein. Der Geschรคftsfรผhrer bestimmt die Richtlinien der Vereinspolitik, heiรŸt es in der Satzung wรถrtlich. Kein Zufall, wenn auch der Geschรคftsfรผhrer die Satzung in seiner folgenden Rede eingehend lobt. Seine Stimme trรคgt nicht, sie ist ebenso verkniffen wie das Gesicht des Geschรคftsfรผhrers versteinert ist. Ein langes Leben im Vereinsapparat hat ihn geprรคgt. Irgendwann, als die W-LAN-Flaute noch immer keine Ablenkung erlaubt, hรถrt der eine oder andere den Geschรคftsfรผhrer von den โ€žWerten der Satzungโ€œ schwadronieren, denn an die โ€žWerte der Satzungโ€œ hielten sich die Kritiker der Geschรคftsfรผhrer nicht. So jedenfalls der Geschรคftsfรผhrer.

Die Rede des Geschรคftsfรผhrers nimmt kein Ende und spannend wird es selten. Beim dritten und vierten Stromausfall an diesem Vormittag redet der Geschรคftsfรผhrer einfach weiter. Das Wort โ€žWerteโ€œ ploppt immer wieder auf, gern in Verbindung mit โ€žPflicht der Mitglieder den Vorstand in seinen Beschlรผssen unterstรผtzenโ€œ und โ€žgegen Mitglieder, die sich nicht an die Satzung haltenโ€œ. Das linkslastige Schiefmaul nickt eifrig, die Vorgรคngerin des Geschรคftsfรผhrers grunzt unterschwellige und fรคhrt sich mit dem rechten Handteller durchs Gesicht.

Ganz weit im Hinterkopf, dort wo das Satzungsschutzfrettchen nicht hineinschauen kann, fragt sich das ein oder andere Mitglied heimlich, was eigentlich alles in dieser Satzung steht.

Denn, wenn das einfache Vereinsmitglied ganz tief in seinem Hinterkopf der Wahrheit die Ehre gibt: Kaum ein Vereinsmitglied hat die Satzung auch nur zur Hรคlfte gelesen, geschweige denn die von vorn bis hinten. Ausfรผhrungen รผber ausschlieรŸliche und konkurrierende Kompetenzvorschriften, Zustimmungspflichten und Einspruchsrechte im Vereinsrat, ja selbst die Vorschriften รผber die Vereinswehr und den Verteidigungsfall des Vereins reiรŸen einfach kein Vereinsmitglied vom Hocker. Und ganz tief im Hinterkopf weiรŸ das einfache Vereinsmitglied: Die Ausfรผhrungen zum Kirchenverhรคltnis, die Verweise auf die Weimarer Vereinssatzung vom 11. August 1919, die Finanzverfassung sind ehrlich gesagt nichts, wofรผr die paar Nachwuchsmitglieder noch die Waffe in die Hand nehmen und das Vereinsheim bis zur letzten Patrone verteidigen wรผrden. Zwei Blocks weiter รถstlich auf der GroรŸen StraรŸe kรคmpft der Verein mit den tapfersten Mitgliedern und dem korruptesten Vorstand wahrscheinlich auch weniger fรผr deren Vereinssatzung als fรผr die Vereinsflagge. Dagegen hat die ehemalige Geschรคftsfรผhrerin im โ€žBundesverband Taubenzucht 49 e.V.โ€œ schon 2013 alle Vereinsflaggen in den Mรผlleimer geschmissen. Auf offener Bรผhne. Gleich als erste Amtshandlung nach ihrer dritten Wahl zur Geschรคftsfรผhrerin. Danach lieรŸ die ehemalige Geschรคftsfรผhrerin keine neuen Vereinsflaggen mehr anschaffen. Sie bekam bei ihrem Anblick immer ekelbedingte Zitteranfรคlle.

Aber von diesen Gedanken ganz tief im Hinterkopf darf das Satzungsschutzfrettchen niemals etwas erfahrenโ€ฆ

Genauso wenig wie von den Artikeln im ersten Abschnitt der Vereinssatzung Diese Artikel haben schon mehr mehr Mitglieder gelesen als die weiter hinten in der Satzung รผber Vermittlungsausschรผsse und Bundesschiedsgerichte. Da steht im ersten Abschnitt viel von Wรผrde und von Freiheiten. Freiheit der Meinung, Freiheit von Kunst und Wissenschaft, von Versammlungen und Eigentum. Sie sind ausdrรผcklich als Abwehrrechte der Mitglieder gegen den Verein und seine Organe ausgestattet. Hierauf hatten die Verfasser der Satzung ihrerzeit groรŸen Wert gelegt, denn die Vorgรคnger im Vorstand und in den Ebenen darunter hatten sich in den Jahren davor mehr als nur Grenzรผberschreitungen geleistet. Schreckliche Dinge waren geschehen, auch in dieser Hinsicht hatten die Vereinsmitglieder leider MaรŸstรคbe gesetzt.

Und weil die Satzung der Macht des Vereinsvorstand rote Linien setzt, stellt der amtierende Geschรคftsfรผhrer in seiner aktuellen Rede klar:

โ€žFรผr mich gibt es keine roten Linien mehr.โ€œ

Das linkslastige Schiefmaul jubelt. Die sechzehn Mitglieder des obersten Vereinssatzungsschiedsgericht jubelten gern mit, aber sie sind gerade zu sehr mit der ehemaligen Geschรคftsfรผhrerin am Buffet ins Gesprรคch vertieft. Die ehemalige Geschรคftsfรผhrerin spricht mit vollem Mund. Die regemรครŸigen Mahlzeiten zwischen Geschรคftsfรผhrern und Schiedsgericht gehรถren einfach zur gelebten Satzungspraxis.

Nun gesellt sich der Hygieneschutzbeauftragte des Vorstandes zu den sechzehn Satzungsschiedsrichtern und der ehemaligen Geschรคftsfรผhrerin. Die Geschรคftsfรผhrerin reibt sich noch mal mit dem flachen Handteller รผber Mund und Nase, dann begrรผรŸt sie den Hygienebeauftragten per Handschlag. Der Hygienebeauftragte sieht darin keine Probleme, ebenso wenig wie mit der Pilzkolonie hinter dem Buffettisch. Mit dem Heizen im Winter ist das so eine Sache geworden … aber natรผrlich erst seit dem 24. Februar. Davor war das mit dem Heizen und dem Strom alles in bester Ordnung. So steht es jedenfalls in der vom Vorstand herausgebenden Vereinszeitung und was die schreibt ist richtig. Schreibt jedenfalls das Satzungsschutzfrettchen in seinen Berichten an den Vorstand.

Aber Pilzkolonien hin oder her, fรผr den Hygienebeauftragten enden Reinlichkeitsvorschriften ohnehin im eigenen Dentalbereich. Und die Chemie mit der ehemaligen Geschรคftsfรผhrerin stimmt auch. Wie er denn diese Zusammenrottungen und Hetzjagden drauรŸen vorm Vereinsheim gegen ihn empfinde, will die ehemalige Geschรคftsfรผhrerin vom Hygienebauftragten wissen. Ihren Nudelsalat verzehrt sie wรคhrenddessen mit bloรŸen Hรคnden. Der Vorvorgรคnger im Amt des Geschรคftsfรผhrers hatte ihr im Alter von 37 Jahren mal versucht beizubringen, wie ein Abendlรคnder mit Messer und Gabel isst. Aber was sollen abendlรคndische Kulturtechniken gegen 30 Jahre sozialistisches Pfarrhaus schon ausrichten?

โ€žDiese Leute!โ€œ, echauffiert sich der Hygienebauftragte in einem Singsang, der die Geschรคftsfรผhrerin angenehm an Erich Honecker erinnert. Ein Rinnsal aus der Schmutzwasserleitung in der Decke รผber dem Buffet trรถpfelt auf den Pappteller des Hygienbeauftragten, der erst neulich auf die Satzung geschworen hat, die Meinungs-und Versammlungsfreiheit der Mitglieder aus der Satzung zu verteidigen.

โ€žIch werde mich von diesen Leuten nicht erpressen lassen.โ€œ

Die ehemalige Geschรคftsfรผhrerin nickt verstรคndnisvoll und tunkt den Finger in die Bรคrlauchbutter auf dem Buffettisch. Nachdem sie den Finger abgeleckt und die Bรคrlauchbutter fรผr schmackhaft empfunden hat, tunkt sie den Finger erneut ein.

Im Anschluss an den Geschรคftsfรผhrer plappern die Frauenquotenerfรผllerinnen im Vorstand ein bisschen รผber die Vereinssatzung.

โ€žEs zerpleiรŸt mit einfach nur das Herzโ€œ, bekennt die AuรŸenbeauftrage. Babyboomer lesen in der vom Vorstand herausgebenden Vereinszeitung immer wieder, wie zรคh die neue AuรŸenbeauftragte mit den dicken Konkurrenzvereinen am รถstlichen Ende der GroรŸen StraรŸe verhandele. Als die AuรŸenbeauftragte gerade davon spricht, โ€žwas die Satzung mit mir machtโ€œ, fรคllt der Strom aus. Am Buffet kรถnnen die Satzungsschiedsrichter in der vorrรผbergehenden Dunkelheit nicht erkennen, welche Speisen die ehemalige Geschรคftsfรผhrerin mit ihrer Schuppenflechte angefasst hat.

Die AuรŸenbeauftragte beendet ihren Vortrag รผber die โ€žFreinsversatzungโ€œ und schlรคgt im letzten Satz den Bogen zum โ€žPatzungssatriotismusโ€œ, wie ihn das linkslastige Schiefmaul entwickelt hat, hinterlรคsst aber auch einige Fragen bei ihren Zuhรถrern. Was genau hat die AuรŸenbeauftragte mit der gemeinsamen europรคischen โ€žDatzungstorfungโ€œ gemeint?

Dann redet die Sicherheitsbeauftragte. Die freiheitlich-demokratische Vereinssatzungsordnung, so die Sicherheitsbeauftragte, erlaube lediglich linkslastige Schiefmรคuligkeit, rechte Schiefmรคuligeit mรผsse konsequent geahndet werden. In diesem Moment fรคhrt sich die ehemalige Geschรคftsfรผhrerin mit der dem Handteller groรŸflรคchig durch ihr Gesicht, deren beiderseitige Hรคngepartien als Zeichen einer Politik im Sinne der Hufeisentheorie missverstanden werden kรถnnten. Aber sicher ist sicher. Ein Leben im Vorstandsapparat des Vereins hat sie geprรคgt. Und wer weiรŸ, wann sich so ein Satzungsschutzfrettchen gegen das Muttertier erhebt โ€ฆ

Bevor der Schatzmeister reden darf, ist noch die Nachwuchsbeauftragte dran. Also deren Urlaubsvertretung. Sie spricht nicht รผber die Satzung. Sie plรคdiert nur kurz dafรผr, alle Nachwuchstauben mit weiรŸem Gefieder zu tรถten.

Der Schatzmeister spricht in ein Mikrophon voller Rรผckkoppelungen. Er kommt, unter brรถckelndem Deckenputz stehend, auf die Satzung zurรผck. Sie, die Satzung, sei das Beste, was wir je gehabt hรคtten, stimmt er seinen Vorrednern zu. Etwas anderes als Mehrheitsbeschaffer war der Schatzmeister aus Sicht der anderen Vorstandsmitglieder ohnehin nie. Die Satzung sieht in den Artikeln weiter hinten, die auch kein Mitglied je gelesen hat, deutliche Grenzen fรผr die Neuverschuldung des Vereins vor. Der Schatzmeister kรผndigt an, diese Satzungsvorschriften in den nรคchsten Jahren nicht einzuhalten. Denn die Satzung sei das Beste, was wir je hatten. In Fรผnf Jahren, wenn der Verein aus der Taubenzucht ausgestiegen sei und der Vorstand den Verkauf von Tauben verboten habe, sei aber wieder das Geld fรผr einen ausgeglichenen Vereinshaushalt da.

So langsam zieht sich die Veranstaltung hin, dass merken in Zeiten des stockenden W-LANS auch die Vorstandsmitglieder. Darum wird gleich der Lieblingskasper des Vorstandes auftreten, um die Stimmung an der Basis ein wenig aufzulockern. Der Vereinskasper greift zum Mikrophon und tut, was er unter โ€žDen-SpieรŸern-den-Spiegel-vorhaltenโ€œ versteht. Die Vereinsmitglieder an der Basis seien allesamt dumme, hรคssliche Rassisten, sie seien nicht so tolerant wie der Vorstand und hรคtten kleine Schwรคnze. โ€žFangt endlich mal an, euch an die Satzung zu halten, ihr Wichser!โ€œ ruft der Vereinskasper den anwesenden Vereinsmitgliedern auf den billigen Plรคtzen zu. Ach ja, und Vereinsmitglieder, die sich immer noch weigerten, Sondermitgliedsbeitrรคge unter dem Verwendungszweck โ€žGEZโ€œ abzufรผhren, seien allesamt Ziegenficker. Ende des Auftritts.

Dafรผr kassiert der Lieblingskasper ein jรคhrliches Millionengehalt vom Vorstand, denn die Satzung garantiert den Grundsatz der Vorstandsferne. Am Buffet wird sich das Satzungsschutzfrettchen den Vereinskasper zur Seite nehmen, um mit ihm รผber die Stimmung unter den Kollegen zu sprechen.

Alles versammelt sich jetzt am Buffet. Der amtierende und die ehemalige Geschรคftsfรผhrerin tauschen sich รผber die neue Walter Ulbricht-Biographie aus. Unter Hessen schwelgen der Vorstandsvorsitzende und die Sicherheitsbeauftragte in Erinnerungen รผber ihre gemeinsame Zeit bei den โ€žKritischen Taubenzรผchternโ€œ. Das linkslastige Schiefmaul darf bei diesem Schwank nicht fehlen, schlieรŸlich sind beide bei ihm in die Frankfurter Schule gegangen.

Die gute Stimmung erleidet einen Dรคmpfer, als ein tiefes Rumpeln ertรถnt. Das wird doch nicht etwa von der GroรŸen StraรŸen zwei Blocks weiter รถstlich zu uns herรผbergekommen sein?!

Aber die Urlaubsvertretung der Nachwuchsbeauftragten gibt Entwarnung. Das sei nur der Stromgenerator gewesen, den das Hochwasser letzten Sommer im Keller erwischt habe. Alles halb so wild. Fรผr das linkslastige Schiefmaul sind die Hรคuserkรคmpfe zwei Blocks weiter ohnehin nur โ€žverzerrte Kommunikationโ€œ. Irgendwer fragt nach dem Wasserstand im Keller, wo der Pegel noch immer bis kurz unter die Decke reicht. Die Urlaubsvertretung der Nachwuchsbeauftragten winkt ab. Das Satzungsschutzfrettchen und der Vereinskasper sind inzwischen per Du und reden nach dem beruflichen Teil auch รผber private Themen. So eine Nagetierphysiognomie schweiรŸt einfach zusammen, selbst wenn sich bei einem der beiden neben der Ratte auch ein Lurch eingemendelt hat.

Die Vorstandsmitglieder bleiben unter sich und die einfachen Vereinsmitglieder bleiben unter sich. Da sie heute ein Jubilรคum feiern, kreisen die Themen natรผrlich um die Vergangenheit, bei dem Altersdurchschnitt der Mitglieder kรถnnte es auch kaum anders sein. Wie immer kommt die Frage auf, wer wann wo war, als dieses oder jenes geschah. Mitglieder, die erst 1990 eintreten konnten, bringen ihre Erinnerungen and die Einfรผhrung der Vereinsmark ein, an jene Sommernacht, als sie vor Mitternacht stundenlang Schlange vor den Geldautomaten gestanden und die Vereinsmark mit Freudentรคnzen begrรผรŸt hatten. Als vierzig Jahre vorstandsgesteuerte Mangelwirtschaft endlich ihr Ende fanden. Manche verzรคhlen von ihren Massenversammlungen, auf denen sie riefen: โ€žKommt die Vereinsmark, bleiben wir, kommt sie nicht, kommen wir zu ihr!โ€œ

Bei den รคltesten Mitgliedern, die schon seit 1949 dabei sind, kommen Erinnerungen hoch an jenen Tag im Sommer (also nicht 1949, sondern 1948) hoch, als die Vereinsmark zum allerersten Mal eingefรผhrt wurde und รผber Nacht die Lebensmittelkarten verschwanden und der Schwarzmarkt austrocknete.

Wer wo am 23. Mai 1949 war und was er an diesem Tag getan hat, darรผber schweigen selbst die ร„ltesten unter den Mitgliedern ganz selbstverstรคndlich. Sie haben schlicht keine Erinnerung and den Tag, mit dessen Ablauf die Vereinssatzung in Kraft trat.

ABOS

Bรผcher

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