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Kellnern

3. Juni 2022
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Neulich ist mir eingefallen, dass ich mal wieder etwas schreiben sollte. Doch ich kam schlichtweg nicht dazu, da ich mir in der Kneipe die Nรคchte um die Ohren schlug. Wer mich und meine Liebe zu frisch gezapftem Bier kennt, der hat jetzt vielleicht Angst, ich wรคre zu den Alkoholikern konvertiert, aber keine Panik. Ich bin dort aus beruflichen Grรผnden.

Seit einigen Wochen gehe ich ab und an kellnern. Was fรผr viele meine Freundinnen der absolute Albtraum-Job wรคre, macht mir richtig SpaรŸ. Endlich wieder Gastro-Luft schnuppern, hinter dem Tresen stehen und Bier zapfen โ€“ Weltklasse. Doch mein Tรคtigkeitsfeld beschrรคnkt sich nicht allein darauf. Je nach Art der Veranstaltung muss ich Bestellungen aufnehmen, servieren, kassieren (und man muss zackig Kopfrechnen kรถnnen!), abrรคumen, saubermachen, eindecken, spezielle Getrรคnkewรผnsche der Gรคste in die Realitรคt umsetzen, Boomer-Witze aushalten,. Ich muss wissen wer wie heiรŸt, damit ich das 27. Bier auch auf den richtigen Deckel schreibe und ab und an in der Kรผche aushelfen.

Wer jetzt denkt, dass es nicht Schlimmeres geben kann als anderen Menschen Getrรคnke zu servieren, der wird es sich nach meinen Beweggrรผnden womรถglich noch einmal รผberlegen. Erstens: Egal, wie schwer die Glรคser und Teller auch sein mรถgen, man schafft es in jedem Fall, alles sicher an den entsprechenden Tisch zu bringen. Das klappt.

Zweitens: Ich habe schon mit 15 in der Gaststรคtte meiner Tante ausgeholfen und auch zu Hause gab es immer groรŸe Feiern zu organisieren und umzusetzen. โ€žWir brauchen noch jemanden fรผr den Bierwagenโ€œ, โ€žKlara, wรผrdest du kellnern kommen?โ€œ โ€žKannst du mal eben einen Kuchen backen und nachher mitbringen?!โ€œ NATรœRLICH. Kein Problem. Wo etwas zu tun ist, wo Menschen sind und Trubel, da arbeite ich gern. Das macht wirklich richtig SpaรŸ. Versprochen.

Drittens: Man verdient recht schnell gutes Geld (wobei Brutto = Netto ist). Stundenlohn aushandeln und Trinkgeld kommt obendrauf. Und je hรถflicher und aufmerksamer man beim Bedienen ist, desto mehr gibt es davon. Meist mit den Worten โ€žHier Mรคdel, das ist fรผr dichโ€œ. Oder ganz ohne Worte. Letztens reichte mir ein Gast die Hand und รผbergab mir mit dieser einen Schein. Dann nickte er mir zu und bedankte sich. Zack. So schnell geht das. Natรผrlich hast Du auch Leute dabei, die eher abgestandenes, warmes Bier von vor drei Wochen trinken wรผrden, als dir auch nur einen Cent Trinkgeld zu geben. Aber das gleichen die groรŸzรผgigen Menschen wieder aus.

Da ich bislang โ€žnurโ€œ gewรถhnt war bei groรŸen Familienfeiern auszuhelfen, stand mir die eigentliche Feuertaufe noch bevor. Denn anders als bei privaten Feten, muss man bei รถffentlichen Veranstaltungen jeden sofort abkassieren, mehrere Tische gleichzeitig bedienen und das mรถglichst zรผgig. Der Mรคnnertag war angebrochen. Ab frรผh stand ich in der Kneipe und tรคtigte die letzten Handgriffe, bevor das รœberfallkommando einrรผckte. Ein wilder Mix aus besoffenen Boomern und Jugendlichen, einigen Rentnern und gelegentlich einer Familie. Jetzt hieรŸ es also jeden zu begrรผรŸen, die Bestellung aufzunehmen, zu rechnen, servieren und abzukassieren.

Gelegentlich war so viel los, dass ich kaum mehr durch die Menschenmassen durchkam, um den entsprechenden Tisch zu erreichen. Rechts eine Schlachteplatte und links zwei groรŸe Bierglรคser in der Hand โ€“ das konnte schon mal โ€žkniffligโ€œ werden. Gut, wenn man in dem Fall 80% der Anwesenden persรถnlich kennt und Ansagen machen kann, wie โ€žLasst mich durch, sonst gibtโ€™s kein Bier mehr fรผr euchโ€œ. Dann wurde sofort Platz gemacht und mindestens einer rief immer โ€žLasst Klara durch, das Mรคdel bringt Bier!โ€œ

Manchmal machte mir die Bekanntheit aber auch zu schaffen, weil einem jeder um den Hals fiel, ganz viel zu erzรคhlen hatte und wissen wollte, was man denn zurzeit sonst noch so macht und ob Kumpel XY meine Telefonnummer bekommt. Das stand der eigentlichen Arbeit dann etwas im Weg. Aber auch das gehรถrt dazu und verschaffte mir an dem Tag ein fettes Trinkgeld.

Ich dachte, dieser gelungene โ€žersteโ€œ Tag wรคre die Feuertaufe gewesen. Doch weit gefehlt. Am Tag darauf gab es eine Veranstaltung mit Live-Band, Tanzauftritten und der gesamte Saal war mit trinkwรผtigen Menschen gefรผllt, die bedient werden wollten. Dieses Mal musste aber jede Bestellung gebongt werden, was ziemliches Neuland war. Und obwohl ich kurzzeitig 20 Tische mit jeweils acht Personen allein bediente, verlief alles sehr gut. So auch die Abrechnung nach Schichtende. Ich war beruhigt, dass ich das alles hinbekommen hatte, auch wenn es wirklich harte Arbeit war. Fรผr kommenden Hochzeiten und Tanzabende bin ich nun wieder bestens gerรผstet.

Eines sollte ich vielleicht noch erwรคhnen: Kaffee servieren ist DIE AUSBRUT SATANS. Wer in einer Kneipe Kaffee bestellt, obwohl er ein Bier haben kรถnnte, der lรคuft sowieso nicht ganz rund. Aber diese Tasse an den Tisch zu bekommen, wรคhrend man sich durch die oben erwรคhnte Menschenmasse drรคngt, ist einfach nur schrecklich. Genauso: Bierglรคser fรผr Hefeweizen. Unten schmaler FuรŸ und am Rand einen dreimal so groรŸer Durchmesser. Da frage ich mich wirklich, was das soll. Wovon ich persรถnlich auch kein Fan bin und mich ernsthaft frage, wieso man es sich bestellt, ist KIBA. Kirsch- und Bananensaft in einem Glas drapiert, als wรผrde man mit Aquarellfarben malen.

Also eine Bitte: Liebe Leute, bestellt doch einfach ein frisch gezapftes Bier, eine rote Brause oder Pfeffi. Wir sind hier auf dem Dorf und hier wird dir niemand einen Doppel-Soja-Latte-Mist zusammenkippen. Das gibt es hier nicht. Und liebe Frauen, tut es euren Mรคnnern gleich und entschiedet euch einfach, wenn ihr etwas bestellt, anstatt eeewig zu รผberlegen. Macht es der Bedienung bitte nicht schwerer, als die Tabletts, die sie zu tragen hat.

In diesem Sinne โ€“ viel SpaรŸ beim nรคchsten Kneipenaufenthalt.

ABOS

Bรผcher

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