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Afghanistan Matters from Brunssum, Netherlands, CC BY 2.0, Wikicommons

Bacha bazi

14. Juni 2022
in 3 min lesen

Flug von Islamabad nach Doha, Katar. Maria, meine Begleiterin, hat schon auf dem Sitz neben dem Durchgang Platz genommen, auf dem Fensterplatz kauert eine vermummte Gestalt, die ich im ersten Augenblick fรผr eine Frau halte. Ich sage Maria, sie dรผrfe gerne aufrรผcken, aber sie schรผttelt energisch mit dem Kopf. Auch gut. Ich zwรคnge mich an ihr vorbei und nehme in der Mitte Platz. Erst jetzt bemerke ich, dass das Hรคuflein Elend neben mir ein Mann ist. Er kann keine Sekunde lang stillsitzen. Er wringt seine schwitzigen Hรคnde aus wie einen nassen Lappen, nimmt sein Smartphone in die Hand, legt es wieder weg, nimmt es wieder in die Hand. Dann macht er ein Kurzvideo von sich. Keine drei Sรคtze spricht er in
das Handy. Er telefoniert mit jemandem รผber WhatsApp. Maria sieht mich รคngstlich von der Seite an. Ich versuche, sie zu beruhigen, indem ich ihr sage, die Wahrscheinlichkeit, in einem Flugzeug in die Luft gesprengt zu werden, gehe gegen Null. Es beruhigt sie nicht. Von Statistik hรคlt sie nicht viel.

Der Mohammedaner neben mir daddelt weiterhin hektisch auf seinem Smartphone herum. Er รถffnet sein Facebook-Profil. Sein Hintergrundbild? Er selbst mit zwei geschulterten Sturmgewehren. Auch manche seiner Facebook-Kontakte tragen die legendรคre russische Waffe mit dem gebogenen Magazin. Maria reiรŸt die Augen weit auf: โ€žWas sollen wir tun?โ€œ โ€žAbwartenโ€œ, sage ich. โ€žWarst du nicht bei der Armee? Wurdest du nicht dafรผr ausgebildet, wie man herausfindet, ob jemand etwas vorhat?โ€œ โ€žIch war kein Detektivโ€œ, antworte ich ihr augenzwinkernd, โ€žwenn ich allerdings die schwarze IS-Fahne auf seinem Handy sehe, werde ich es schon melden.โ€œ

Die Anschnallsignale leuchten auf. Der stรคhlerne Koloss rollt langsam los. Jetzt beginnt mein Nebensitzer ganz hektisch damit, seinen Facebook-Freunden das zuvor aufgenommene Kurzvideo zu schicken. Einem nach dem anderen. Fรผnf, fรผnfzehn, fรผnfundzwanzig Personen schickt er seine kurze Ansprache. Statistik hin oder her: Jetzt spรผre ich auch mein Herz klopfen. Das Wahrscheinliche und das Unwahrscheinliche unterscheiden sich, so stellt der Protagonist in Max Frischs Roman Homo Faber vรถllig zu Recht fest, nicht
dem Wesen, sondern nur der Hรคufigkeit nach. Und indem wir vom Wahrscheinlichen sprechen, ist das Unwahrscheinliche immer schon inbegriffen. Tritt es einmal ein, gibt es keinen Grund, weshalb man sich darรผber verwundern mรผsste.

Ich hรถre wieder Marias Frage: โ€žWas sollen wir tun.โ€œ Das Flugzeug nimmt bereits Fahrt auf. Mein Nebensitzer bedient immer noch hektisch sein Smartphone, verschickt weiter sein Video an Facebook- und WhatsApp-Kontakte. โ€žIch sage Bescheid, dass unser Freund hier sich sehr seltsam verhรคltโ€œ, beruhige ich Maria und mich selbst. Obwohl der Pilot bereits beschleunigt, gehe ich den Korridor entlang, um die Flugbegleiterinnen von unseren Beobachtungen in Kenntnis zu setzen. Als sie mich sehen, rufen sie: โ€žYou must sit down, sir, weโ€™re taking off!โ€œ

Ich fasse mich so kurz ich kann und fรผge mit Nachdruck hinzu: โ€žMaโ€™am, I believe we might have a security issue.โ€œ Wie ein begossener Pudel gehe ich zurรผck, setzte mich, schnalle mich an. Keine Minute spรคter hebt die Maschine vom Boden ab. โ€žWenn tatsรคchlich ein Bรผndel TNT im Flugzeugbauch schlummert, habe ich viel zu lange gewartetโ€œ, denke ich. Der Tod aller anderen Passagiere wรคre dann auch ein kleines bisschen meine Schuld. Mein Nebensitzer verschickt noch immer eifrig Nachrichten, wenn es auch nicht mehr sein Kurzvideo ist. Flugzeug-Modus? Fรผr ihn offenbar ein Fremdwort …

Natรผrlich werden wir 10.000 Meter รผber dem Meeresspiegel nicht in Stรผcke gerissen, sonst kรถnnte ich diesen Text nicht schreiben. Nach und nach zeigt sich: Unser Paschtune ist nur ein ungefรคhrlicher Hinterwรคldler aus dem Nordwesten Pakistans, der noch nie zuvor in einem Blechvogel gesessen und ein wenig Flugangst hat. Einmal zieht er die Nase hoch und spuckt vor sich auf den Boden, als wรคre das in einem Flugzeug vollkommen normal. Nachdem ich ihn gefragt habe, woher er komme und wohin er reise, mรถchte er Selfies mit mir machen. Er zeigt mir Bilder und Videos, die ihn im Kreis seiner Freunde zeigen, mal bewaffnet, mal unbewaffnet, aber immer in Zivil. Auch mehrere Videos von einem tanzenden Jรผngling in Frauenkleidern und weiรŸ geschminktem Gesicht sind dabei.

Mein Nebensitzer und einige รคltere Mรคnner hocken im Kreis um den Tanzknaben und rauchen Opium. Die geschminkte Visage erinnert mich an den Freund des homosexuellen Thronerben, der in Braveheart von
Edward Longshanks kurzerhand von der Brรผstung gestoรŸen wird. Ich sage ihm, er solle die Videos mit dem tanzenden Lustknaben auch meiner Begleiterin zeigen, doch er verdeckt sein Smartphone blitzschnell mit seiner braunen Hand und zischt: โ€žLady, no!โ€œ รœber den Brauch des Bacha bazi heiรŸt es bei Wikipedia: Bacha bazi (…); aus bacha, โ€žKind; Junge, Knabeโ€œ und bazi, โ€žSpielโ€œ, (…) ist eine bis Anfang des 20. Jahrhunderts in Zentralasien verbreitete und heute noch in einigen Regionen Afghanistans [und offenbar auch Pakistans!] praktizierte Form der Kinderprostitution mit vielfรคltigen Ausprรคgungen.

Wรคhrend der Herrschaft der Taliban von 1996 bis 2001 wurde Bacha bazi streng bestraft und verschwand aus der ร–ffentlichkeit. Beim namensgebenden โ€žKnabenspielโ€œ tanzt und singt ein Junge (Bacha) in Frauenkleidern vor einer Gruppe von Mรคnnern. Der Junge zeigt sich den Mรคnnern mit Zรคrtlichkeiten gefรคllig, in vielen Fรคllen kommt es zu sexuellen Handlungen. Bachas, die meist zwischen zwรถlf und 16 Jahre alt sind, mรผssen meist verheirateten Mรคnnern dienen und sie sexuell befriedigen. Sie wohnen รผberwiegend bei ihrer eigenen Familie und zeigen sich mรถglichst oft in der Umgebung eines Mannes von gehobener sozialer Stellung, von dem sie Geschenke und Geld erhalten.

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