Fรผr Deutschlands Transatlantiker war das 190-Millionen-Euro-Spektakel von Elmau ein weiterer Meilenstein auf dem Weg zur Zweiteilung der Welt. Bereits im Mรคrz, wenige Tage nach Ruรlands Einmarsch in die Ukraine, hatte Prรคsident Joe Biden vor dem Warschauer Schloร die Parole der USA ausgegeben: โEs geht jetzt um die groรe Schlacht zwischen Demokratie und Autokratie, zwischen Freiheit und Unterdrรผckung.“ Zum Abschluร des G7-Gipfels zeigte sich Stefan Kornelius, Politikchef der Sรผddeutschen Zeitung, entsprechend hoffnungsfroh: โWenn die G7-Gรคste von Argentinien รผber Indien bis Senegal verstehen, daร ihr (รถkonomischer und politischer) Nutzen an der Seite des Freihandels und der Demokratien grรถรer ist, dann wรคre ein Erfolg im Zeitalter der neuen Blockbildung verbucht“ (SZ, 27. Juni).
Doch die Ausrufung einer derartigen รra kรถnnte verfrรผht sein. Einige Tage vor Beginn des Treffens in den bayerischen Alpen hatte Olaf Scholz gewarnt, nach Beendigung des Kalten Krieges zwischen Ost und West dรผrfe die Welt nicht erneut zweigeteilt werden โ auf der einen Seite in den Westen, wie ihn G7, EU und NATO reprรคsentieren, und auf der anderen Seite in die autoritรคren Mรคchte Ruรland und China. Von Elmau, erklรคrte Scholz im Bundestag, wรผnsche er sich ein Signal, daร die Demokratien der Welt zusammenstehen im Kampf gegen Putins Imperialismus, aber eben genauso im Kampf gegen Hunger und Armut, gegen Gesundheitskrisen und den Klimawandel.“ Dieser Kampf, so lieรe sich der Kanzler ergรคnzen, kann nur erfolgreich sein, wenn sich alle Staaten gleichberechtigt daran beteiligen.
Drei Tage vor dem Elmau-Gipfel richtete Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping einen nicht minder aufrรผttelnden Appell an die Welt, der indes in den deutschen Medien kaum Widerhall fand. Zur Erรถffnung des Industrie- und Handelsforums der BRICS-Staaten (Brasilien, Ruรland, Indien, China, Sรผdafrika) konstatierte Xi, die Geschichte habe gezeigt, daร Hegemonie, Blockpolitik und Konfrontation zwischen den Lagern keinen Frieden und keine Sicherheit brรคchten. Die internationale Gemeinschaft mรผsse sich statt dessen im ursprรผnglichen Geist der UN-Charta dem Hegemonismus und der Machtpolitik widersetzen und in der multipolaren Welt Beziehungen aufbauen, die von gegenseitigem Respekt, Fairness und Gerechtigkeit geprรคgt seien.
Den Entwicklungslรคndern, so Xi, mรผsse in den Bereichen Ernรคhrung und Energie geholfen werden, um in der digitalen Wirtschaft und der โgrรผnen Transformation“ voranzukommen. Ziel sei der Aufbau einer offenen Weltwirtschaft. Politisierung und Instrumentalisierung der globalen รkonomie sowie die Ausnutzung und Beherrschung des internationalen Finanz- und Wรคhrungssystems zur Verhรคngung von Sanktionen schadeten nicht nur anderen, sondern letztlich allen, nicht zuletzt ihren Initiatoren. Daร an dem Dialog-Forum in Peking zusรคtzlich die Staats- und Regierungschefs Indonesiens (G20-Vorsitz), Thailands (APEC-Vorsitz), Kambodschas (ASEAN-Vorsitz) sowie รgyptens und des Iran teilnahmen, zeigt, wie bedeutsam auch jenes Gipfeltreffen war.
Nahezu zeitgleich mit den Appellen von Scholz und Xi wandte sich Henry Kissinger, jetzt 99 Jahre alt, an die รffentlichkeit. In einem Interview mit dem Stern (28. Juni) warnte Amerikas ehemaliger Auรenminister eindringlich vor einer Eskalation zwischen den USA und China. Nicht Ruรland und der Ukrainekrieg, der eines Tages enden und letztlich zu einem Friedensvertrag mit Putin fรผhren werde, bereite ihm Kopfschmerzen. Seine โviel grรถรere Sorgeโ sei China. Als Supermรคchte seien Peking und Washington in der Lage, โdie Menschheit zu zerstรถren, und sie steigern diese Kapazitรคten immer weiter, Jahr fรผr Jahr“. Es gebe bereits โdie Rhetorik eines Kalten Krieges“.
Kissinger zufolge haben beide Staaten zwei Aufgaben: โErstens, strategisch stark zu sein und nicht unter die Dominanz eines anderen Staates zu fallen. Und zweitens, die Beziehungen so zu gestalten, daร wir nicht in eine Krise geraten wie die Europรคer vor dem Ersten Weltkrieg, als sie in den Krieg schlafwandelten und nicht mehr wuรten, wie sie da wieder herauskommen. Sollte dies passieren, mรผรten wir aufpassen, โnicht unsere Zivilisation zu zerstรถren“.
Es bleibt zu hoffen, daร Deutschland unter Olaf Scholz die Lehren aus dem Afghanistan-Debakel zieht und nicht noch einmal einwilligt, einen Krieg nach Vorgaben der Amerikaner mitzumachen โ diesmal im Sรผdchinesischen Meer, um dort, wie es das Ziel Washingtons und der hiesigen Transatlantiker ist, die imperiale Stellung der USA fernab der Heimat aufrechtzuerhalten. Vor dieser Verstrickung warnt auch Jรผrgen Trittin, auรenpolitischer Sprecher der Grรผnen-Bundestagsfraktion. Der NATO-Gipfel in Madrid mรผsse aufpassen, daร sich das Bรผndnis nicht verzettele. โDie Drohung aus Ruรland zeigt ja daร die NATO im Kern ein System der Bรผndnisverteidigung im nordatlantischen Raum ist.“ Es gelte daher, das Verhรคltnis der NATO zu China realistisch zu gestalten โ als Wettbewerber, systemischer Rivale wie als Partner.
Dieser Meinung ist auch Harald Kujat, ehemals Generalinspekteur der Bundeswehr und Vorsitzender des NATO-Militรคrausschusses. Gegenรผber dem RedaktionsNetzwerk Deutschland stellte Kujat fest: โEs ist eine neue Weltordnung der rivalisierenden groรen Mรคchte entstanden aus den USA, China, Ruรland und mit einigem Abstand der Europรคischen Union. Die Vereinigten Staaten versuchen , sich die NATO im Konflikt mit China an die Seite zu stellen. Ich sehe das kritisch. Wir mรผssen uns als Europรคer selbst behaupten“ (Mรคrkische Allgemeine Zeitung vom 29. Juni).

