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Reisebericht – Eskapaden am Zuckerhut

19. Juli 2022
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โ€žGibt es ein Problem, Seรฑor?โ€œ, frage ich, als der spanische Grenzbeamte mit seinem Smartphone meine Flugtickets von Zรผrich รผber Madrid nach Sรฃo Paulo abfotografiert, nachdem er sich zu einer kurzen Beratung mit Kollegen zurรผckgezogen hat. Es gebe kein Problem. Er wolle nur gerne wissen, welchem Zweck meine Reise diene. โ€žMedida preventivaโ€œ, fรผgt er auf Spanisch hinzu. โ€žSo, so, โ€švorbeugende MaรŸnahmeโ€˜ also, denke ichโ€œ, stecke Pass und Flugtickets wieder ein, fรผhre lรคssig zwei Finger der rechten Hand zum รคuรŸeren Rand der korrespondierenden Augenbraue und wรผnsche einen guten Tag.

Fridolin, ein Schweizer Landwirt, der auf dem Flug von Zรผrich nach Kastilien neben mir gesessen hatte und dessen Ziel ebenfalls Brasilien ist, hat die ganze Zeit auf mich gewartet. โ€žEs gibt kein Problemโ€œ, antworte ich ihm auf seine besorgte Nachfrage. โ€žHat vielleicht damit zu tun, dass ich als Deutscher aus der Schweiz ausgereist bin.โ€œ Das hat es auch, denn sonst hรคtte dieser Zirkus bereits in Deutschland stattgefunden und die Vorstellung wรคre bestimmt etwas lรคnger gegangen. Im Flugzeug hatten wir uns รผber Gott und die Welt unterhalten, nachdem ich bei einer Stelle in Bruce Chatwins In Patagonien laut und herzlich hatte lachen mรผssen. Es handelte sich um folgende Passage: โ€žSie suchen doch nicht etwa einen Job?โ€œ fragte mich Milton Evans. Es war Mittagszeit, und er hielt mir einen Fleischfetzen an der Spitze eines kleinen SpieรŸes entgegen. โ€žNicht unbedingt.โ€œ โ€žKomisch, Sie erinnern mich an Bobby Dawes. Ein junger Englรคnder wie Sie, der durch Patagonien gewandert ist. Eines Tages kam er zu einer Estancia und sagte zu dem Besitzer: โ€šWenn Sie mir Arbeit geben, dann sind Sie ein Heiliger, Ihre Frau ist eine Heilige und Ihre Kinder sind Engel, und Ihr Hund ist der beste Hund der Welt.โ€˜ Als der Besitzer antwortete: โ€šIch habe keine Arbeit fรผr Sieโ€˜, sagte Bobby: โ€šIn diesem Fall sind Sie ein Hurensohn, Ihre Frau ist eine Hure, Ihre Kinder sind Affen, und wenn ich Ihren Hund zu fassen kriege, werde ich ihm in den Arsch treten, bis seine Nase blutet.โ€˜โ€œ

In Sรฃo Paulo gelandet, nahm ich einen Bus nach Campinas und von dort einen weiteren zum Flughafen Viracopos, wo die brasilianische Billigairline Azul ein Luftfahrtdrehkreuz unterhรคlt, denn ich wollte zunรคchst einmal nach Rio de Janeiro. Nachdem ich am zweiten Tag ein Bild mit dem Zuckerhut im Rรผcken bei Facebook gepostet hatte, meldete sich mein alter SpieรŸ vom 2. Kavallerieregiment und fragte, ob ich mich gerade in Brasilien aufhielte. Er sei nรคmlich mit seiner Familie dort und veranstalte an Neujahr ein BBQ in Riviera de Sรฃo Lourenรงo, zu dem ich herzlich eingeladen sei. Glรผcklicherweise hatte ich auf dem Hinweg die Sambakรถnigin von Campinas kennengelernt, von der ich wusste, dass sie Silvester bei Freunden in Sรฃo Paulo verbringen wรผrde. Wir handelten einen Deal aus, der vorsah, dass ich ihren Wagen bekรคme, um von Sรฃo Paulo an die Riviera de Sรฃo Lourenรงo zu fahren, wenn sie und ihre beiden besten Freunde mitfahren dรผrften und ich fรผr Sprit und Unterkunft aufkรคme. Auch wenn mich auf der langen Busfahrt zwischen Rio und Paulo Zweifel plagten, wurde ich tatsรคchlich im Morgengrauen von einem SUV abgeholt und wir schafften es pรผnktlich zum BBQ. Als mich die Brasilianer am nรคchsten Tag wieder in Sรฃo Paulo vor meinem Hotel absetzten, wurden sie kreidebleich und fragten, ob ich nicht doch mit ihnen nach Campinas fahren wolle. Ich lehnte dankend ab.

Das Hotel Curitiba war eigentlich gar nicht so schlecht und es hieรŸ nach meinem nรคchsten Reiseziel, aber das Viertel, in dem es sich befand, war die reinste Gosse. Es roch รผberall nach menschlichen Exkrementen und den leeren Blicken der Junkies war kaum auszuweichen. Oscar Wilde lรคsst Lord Darlington in der Komรถdie Lady Windermereโ€™s Fan erklรคren, wir lรคgen alle in der Gosse, doch einige von uns betrachteten die Sterne. Ich fรผr meinen Teil zog es jedenfalls vor, den Sternenhimmel Sternenhimmel sein zu lassen und im Doppelbett des Hotels den Deckenventilator anzuglotzen, statt unten im Rinnstein zu liegen. Das Zimmer kostete umgerechnet zehn Euro pro Nacht, Frรผhstรผck inklusive (Butterbrot). Abends gab es einen Teller klein geschnippelte Wurst mit Zwiebeln und WeiรŸbrot. Die Alternative wรคre ein Kilogramm Hรคhnchengeschnetzeltes mit Ketchup gewesen. Mein Fenster befand sich an der StraรŸenseite und die ganze Nacht hindurch gab es Zรคnkereien zwischen Obdachlosen, die sich lautstark auf Portugiesisch beschimpften. AuรŸerdem marschierte gefรผhlt alle paar Minuten jemand mit einem umgehรคngten Ghettoblaster die StraรŸe hoch oder runter. Man hatte stรคndig brasilianischen Funk im Ohr. An ununterbrochenen Schlaf war also nicht zu denken.

Am nรคchsten Morgen wollte ich in die Pinakothek, die sich in unmittelbarer Nรคhe meines Hotels und direkt gegenรผber dem Bahnhof Luz befindet, vor dem stets ein Pulk von Prostituierten anzutreffen ist. Einen Ladyboy, der dort wohl sein hรคssliches Gesicht ausstellt und seinen Arsch vermietet, sah ich im Hotel Curitiba. Leider war die Pinacoteca do Estado de Sรฃo Paulo geschlossen, als ich dort anlangte, also machte ich stattdessen einen Spaziergang im Ghetto, wobei ich die Arretierung von drei Gangbangern in Boardshorts und Flip-Flops beobachten konnte. Ich knipste kurz einige Bilder und ging dann zรผgig weiter, um von der Polizei nicht zum Lรถschen derselben genรถtigt zu werden.

Aus einem etwas besseren Viertel kam das Mรคdchen, das ich an diesem Tag noch in Sรฃo Paulo kennenlernte. Sie nannte sich Jazz, war 20 Jahre jung und arbeitete als Tรคtowiererin. Auf der rechten Backe hatte sie einen Anker und die Ziffern 011, die Vorwahl von Sรฃo Paulo, tรคtowiert. Wie bei der grรถรŸten Gruppe der paulistanos, der Einwohner Sรฃo Paulos, kamen ihre Vorfahren vorwiegend aus Italien. รœber uns hing der in die Jahre gekommene, nicht mehr funktionsfรคhige Deckenventilator, links an der Wand drรถhnte ein Geblรคse neuerer Bauart und lieรŸ den Bettbezug vibrieren, unter den wir uns verkrochen hatten. Aus meinem Handy schallte eines meiner Lieblingslieder: โ€žLawyers, Guns and Moneyโ€œ von Warren Zevon. Es war in diesem Augenblick, dass ich feststellte, wie glรผcklich ich war. Leider musste sie noch vor Einbruch der Dunkelheit zuhause sein und ich am nรคchsten Tag in Curitiba.

Meinem alten Freund Newton, einem Deutschbrasilianer, den ich vor Jahren in einem Pub in Rom kennengelernt hatte, schrieb ich von Rio aus, ich wรผrde mich auch nach Unterkรผnften in seiner Heimatstadt Ponta Grossa umsehen. Darauf antwortete er mir: โ€žHostels in Ponta Grossa? Meine Fresse, du รผbernachtest hier, Mensch! Essen und schlafen und was sonst kannst du bei mir!โ€œ Zuerst wollte er mich jedoch seinen Freunden in Curitiba vorstellen und mir eine deutsche Siedlung in der Gegend zeigen. Die Busfahrt von Sรฃo Paulo war eine Augenweide. Ein einziges grรผnes Panorama. Urwald wechselt sich mit Bananenplantagen ab und neben den Bananenstauden stehen in Abstรคnden von mehreren Kilometern kleine Hรคuschen, vor denen Kรคfer und alte VW-Busse, zuweilen auch amerikanische Pickups, vor sich hin rosten.

Curitiba liegt auf der ersten paranaensischen Hochebene, dem Primeiro Planalto Paranaense. Nรคhert man sich der auf 934 Metern Hรถhe gelegenen GroรŸstadt, so wird man zwingend der seltsamen Nadelbรคume gewahr, die durch ihre kandelaberfรถrmigen Kronen imponieren und รผberall aus dem Urwald herausragen. Es handelt sich um Araukarien. Dieser Baum ziert nicht nur das Stadtwappen, sondern auch der heutige Name der 1693 von den Portugiesen gegrรผndeten Stadt leitet sich von den Pinien ab. Er stammt aus den Tupรญ-Guaranรญ-Sprachen. Auch wenn die Etymologie nicht abschlieรŸend geklรคrt ist, bedeutet Curitiba sinngemรครŸ โ€žLand mit den vielen Araukarienโ€œ oder einfach โ€žviel Holzโ€œ. Curitiba ist die Hauptstadt des drittsรผdlichsten brasilianischen Bundesstaates Paranรก, der etwa die GrรถรŸe Frankreichs besitzt und hauptsรคchlich aus einer gewaltigen Hochflรคche besteht, die, teilweise aufgebrochen, allmรคhlich zum namensgebenden Rio Paranรก im Westen abfรคllt. Im Osten erstreckt sich die steil zum Meer abfallende Serra do Mar. Zahlreiche Pioniere aus Italien, Deutschland, Polen, Russland und der Ukraine siedelten im 19. Jahrhundert auf der Hochflรคche, nachdem sie sich zunรคchst in den kรผstennahen Bereichen niedergelassen hatten. Auch viele deutsche Siedler aus den sรผdlicher gelegenen Bundesstaaten Rio Grande do Sul und Santa Catarina zog es in die Hรถhenregion mit dem kรคlteren Klima.

Abgeholt wurde ich in Curitiba von einem Freund Newtons, der mich auf der Fahrt รผber die Parteienlandschaft in Europa und die nouvelle droite ausfragte. Nachdem wir uns รผber das Wahlverhalten von Mรคnnern und Frauen in Nordamerika, Deutschland und Brasilien ausgetauscht hatten, rรคsonierte er mit einem Lรคcheln รผber die Frage, ob es tatsรคchlich klug gewesen sei, den Frauen das Wahlrecht zu geben. Er war ein angenehmer Gesprรคchspartner, auch wenn sein Englisch nicht das beste war und mein Franzรถsisch noch weitaus schlechter als sein Englisch. Bei ihm รผbernachteten wir auch. Zu dritt fuhren wir tags darauf auf der seit 1873 bestehenden, groรŸartig gefรผhrten Estrada da Graciosa zwischen Curitiba und dem Meer รผber Morretes nach Antonina, wo wir zu Mittag aรŸen. Die Architektur der Stadt ist von portugiesischem Kolonialstil geprรคgt, aber in dem Gasthaus, in das wir einkehrten, stand zu unserer รœberraschung eine blonde Deutschbrasilianerin hinter der Theke: drall und tรผchtig, das Bild einer betagten Bรคuerin! Sie freute sich sehr, zwei Deutsche in ihrer Wirtschaft begrรผรŸen zu dรผrfen und erzรคhlte, dass sie ursprรผnglich aus Rio Grande do Sul komme und ihre Eltern nur Deutsch mit ihr geredet hรคtten, obwohl sie schon der vierten Auswanderergeneration angehรถre. Sie stellt sich neben unseren Tisch und stรผtzt ihre Hรคnde auf ihre Hรผften: โ€žIch sage immer: Die Leute in Antonina wollen nicht arbeiten. Sie sind faul. Kam ich hierher vor 20 Jahren, hatte ich nichts. Nur einen Sohn. Jetzt habe ich zwei Restaurants, ein gutes Auto und ein scheenes Apartament.โ€œ

Abends stiegen Newton und ich in einen Bus und irgendwo im Nirgendwo zwischen Curitiba und Ponta Grossa wieder aus. Rubens, ein Freund Newtons, holte uns nach einer Weile mit seinem Pickup vom Grรผnstreifen und fuhr uns zu einer von deutschen Mennoniten bewohnten Siedlung. Es war zwar ein Wochentag, aber in der kleinen Kneipe des Ortes wartete man schon auf den Gast aus Deutschland und jede der zahlreichen Heineken-Dosen, die wir hinunterkippten, ging aufs Haus. Angehรถrige des brasilianischen Fanklubs der Bรถhsen Onkelz hatten sich in der Hรผtte versammelt und so tranken wir also โ€žauf gute Freunde, verlorene Liebe, auf alte Gรถtter und auf neue Zieleโ€œ โ€“ und natรผrlich, mit ein paar Tagen Verspรคtung, auch โ€žauf ein neues Jahr!โ€œ Diese Mennoniten waren wahrscheinlich die lebenslustigsten Protestanten, die mir je begegnet sind. Nachdem Newton und ich bei Rubens รผbernachtet hatten, machten wir morgens zunรคchst einen ausgedehnten Spaziergang in der Kolonie. Das Wetter schlug alle paar Minuten um. Erst sticht der Planet und man fรผrchtet, einen Sonnenbrand zu bekommen, im nรคchsten Augenblick regnet es โ€“ und dazwischen pfeift manchmal der Wind. In der colรดnia haben รผber 84 Prozent der Einwohner fรผr Bolsonaro gestimmt und am Ortseingang findet sich ein groรŸes Schild, auf dem die Gemeinde ihren Dank zum Ausdruck bringt: Por deus, por nossas famรญlias, por quem produz, also fรผr Gott, fรผr unsere Familien und fรผr diejenigen, die produzieren, steht darauf in groรŸen Lettern neben dem Konterfei des Prรคsidenten.Mittags fuhr Rubens uns nach Ponta Grossa, und aus den Boxen seines VW-Pickups drรถhnte Musik der britischen Kultband Status quo. Wir aรŸen gemeinsam alcatra in einer traditionellen churrascaria der hauptsรคchlich von Italienern, Polen und Wolgadeutschen geprรคgten Stadt. Das saftige Rindfleisch wird einem an SpieรŸen gereicht, und stรคndig fragt der Kellner: โ€žNoch ein Stรผck, Dr.?โ€œ Zuweilen wird man sogar zum โ€žProfessorโ€œ gemacht.

Newton und ich besuchten an diesem Tag noch die in der Nรคhe befindlichen niederlรคndischen Siedlungen Castrolanda und Carambeรญ, die aufgrund der Tรผchtigkeit der Hollรคnder zu Hochburgen der Milchproduktion geworden sind. So kam auch der Joghurt, den ich auf dem Rรผckflug nach Deutschland in einem Flugzeug der Airline LATAM aรŸ, aus einer Fabrik in der Avenida dos Pioneiros in Carambeรญ. Tags darauf ging es in Newtons altem FIAT, der stotterte und japste, bis hinauf auf den mehrere Autostunden entfernten โ€žHochkampโ€œ, der von den Donauschwaben fรผr eine intensive Feldnutzung urbar gemacht worden ist und heute eine Kornkammer des Landes darstellt. Auf fรผnf Dรถrfer verteilen sich die โ€žSchwobischโ€œ sprechenden Deutschen und ihre meist nordbrasilianischen Erntehelfer in Entre Rios. Auf dem Weg nach Entre Rios waren wir durch die Stadt Prudentรณpolis gekommen und hatten dort zu Mittag gegessen. Fรผr das Buffet, zu dem es auch quirera, eine Art Brei, gab, mussten wir nur 14 reais bezahlen, umgerechnet 2,30 Euro. Die etwa 50.000 Einwohner der Stadt stammen zum grรถรŸten Teil aus der Ukraine. Im Jahr 1896 kamen die ersten 8.000 Siedler aus der Ukraine und der Zuzug von Landsleuten hielt bis in die 1920er Jahre an. Zuhause spricht man in Prudentรณpolis Ukrainisch und die orthodoxen oder griechisch-katholischen Kirchen der Stadt vermitteln einem trotz der Hitze das Gefรผhl, man befinde sich irgendwo zwischen Lemberg und Kiew.

Es gefiel uns in Prudentรณpolis so gut, dass wir beschlossen, auf dem Rรผckweg dort fรผr die Nacht in einem Hotel abzusteigen. Beim Supermarkt kauften wir uns Zahnbรผrsten und Zahnpasta sowie eine Flasche Wasser. Die hรผbschen Kassiererinnen fragten wir, wo in der Stadt der Bรคr steppe. Sie empfahlen uns Tubaโ€™s Bar, und als ich mich danach erkundigte, ob sie uns begleiten wollten, sagten sie mit einem schรผchternen Lรคcheln und starkem ukrainischem Akzent, wie mir Newton versicherte: โ€žNรณis nรฃo pรณde.โ€œ Das ist grammatikalisch falsch und soll heiรŸen: โ€žWir kรถnnen nicht.โ€œ Dabei streckten sie uns ihre Handrรผcken entgegen, um uns auf die Eheringe aufmerksam zu machen. Wir mieteten uns fรผr eine Nacht im Burack Hotel ein und hรคtten in der Pizzeria nebenan gerne eine Pizza gegessen. Pizza gab es nicht. Ich fragte unglรคubig nach, ob es denn wenigstens Pasta gebe. Die beiden Kellnerinnen und die Gastronomin schรผttelten den Kopf. โ€žPierogi?โ€œ Wieder schรผttelten sie erst den Kopf, dann sagte die Wirtin allerdings: โ€žDoch, Piroggen kรถnnen wir machen? Wollt ihr jeder zwรถlf oder sechs Stรผckโ€œ. โ€žSechsโ€œ sagte ich und blickte in ein trauriges Gesicht. โ€žDann gerne zwรถlf, kein Problemโ€œ, verbessere ich mich. Die alte Frau nickt strahlend und scheucht ihre Angestellten in die Kรผche. Es dauert eine ganze Weile, aber dann werden die leckeren Piroggen in HackfleischsoรŸe aufgetischt. Wahrscheinlich haben sie die Zutaten erst im Supermarkt kaufen mรผssen. Nach dem Abendessen geht es auf zwei Bierchen in Tubaโ€™s Bar. Das Bier kommt aus einer Brauerei in Blumenau im Bundesstaat Santa Catarina und trรคgt den Namen โ€žEisenbahnโ€œ.

Nachdem wir am nรคchsten Morgen ausgecheckt und fรผrstlich gefrรผhstรผckt haben, geht es zurรผck nach Ponta Grossa und dann mit dem Bus wieder nach Curitiba, wo mich ein Lokalpolitiker und Parteigรคnger Bolsonaros interviewen mรถchte. Newtons Freund hatte dem Mann erzรคhlt, dass sich ein Anti-Globalist aus Deutschland in Paranรก befรคnde. Vier- oder fรผnfmal mรผssen wir das Interview von vorne beginnen, weil mein Gesprรคchspartner mich entweder als Ianonis Krapf vorstellt oder zum Chef-Redakteur von COMPACT befรถrdert. Ich bin froh, als die Bilder im Kasten sind. Wenige Stunden spรคter sitze ich im Nachtbus nach Sรฃo Paulo. Natรผrlich lande ich wieder mitten im Ghetto. Dieses Mal ist es wohl das Schwarzenviertel der Stadt, denn auf der StraรŸe vor dem Hotel Natal, in dem ich es mir gemรผtlich gemacht habe, stehen fรผnfzig oder sechzig Westafrikaner wie bei einer Versammlung. Manche von ihnen grillen auf der Fahrbahn.

Abends kehre ich eine StraรŸe weiter in eine zum Gehsteig hin offene Lunch-Bude ein, in der sich mir gegenรผber am Tresen schon zwei kuriose Gestalten das Abendessen einverleiben. Einer der beiden ist ausgesprochen hager, trรคgt eine Augenklappe und hat ein langes, beinahe bananenfรถrmiges Gesicht, der andere ist ein rotbrauner Mestize mit verwegenen Gesichtszรผgen. Um den krรคftigen Hals trรคgt er eine dicke Kette aus Edelmetall. Am Handgelenk funkelt eine goldene Armbanduhr und am Ringfinger der rechten Hand steckt ein auffรคlliger Siegelring. Auf dem Kopf trรคgt er nach Art der Korsaren ein Tuch. Nachdem ich mit Hรคnden und FรผรŸen bestellt habe, sehe ich vor dem Imbiss einen Schutzmann mit gezogener Waffe vorbeischleichen. Keine zwei Minuten spรคter lรคuft derselbe Polizist in entgegengesetzter Richtung an mir vorbei und treibt unter vorgehaltener Waffe einen bronzefarbenen Delinquenten vor sich her. Den Hals des mutmaรŸlichen Verbrechers ziert eine Tรคtowierung in Form eines Dollar-Zeichens. Ich ziehe unter dem Tresen die 20 reais aus der Socke und bezahle meinen Cheeseburger. Im Hotelzimmer wartet dieses Mal nur eine Kakerlake, die sich schnell unter dem Bett verkriecht. Ich spiele mit dem Gedanken, sie umzubringen, aber in einer pazifistischen Regung vergesse ich die Mordgelรผste, lasse mich aufs Bett fallen und schlafe ein.

Allerdings hilft all der Pazifismus nichts, denn als ich einige Tage spรคter รผber Brasรญlia wieder nach Deutschland zurรผckfliege, werde ich bei der Einreise behandelt wie ein Terrorist. Als ich am Frankfurter Flughafen aus der Maschine steige, sehe ich, wie ein Beamter seine Kollegen mit ausgestrecktem Arm und Zeigefinger auf mich hinweist. Ich habe in diesem Augenblick schon das unbestimmte Gefรผhl, dass sich das Mittagessen, das gleichzeitig mein Abendessen sein wird, etwas nach hinten verschiebt. Kaum hรคlt der Polizist meinen Pass in Hรคnden, gibt er diesen Umstand รผber Funk weiter. Dann hรถre ich den mir bereits vertrauten Befehl: โ€žKommen Sie einmal kurz mit auf die Wacheโ€œ und weiรŸ sogleich, dass es sich bei dem Wรถrtchen โ€žkurzโ€œ um einen Euphemismus handelt.

Ich bin bis in die Zehenspitzen tiefenentspannt und folge den drei Bundespolizisten, ohne zu protestieren. Allerdings frage ich eher rhetorisch: โ€žWas gibtโ€™s denn nun schon wieder?โ€œ โ€žDas klรคrt sich auf der Wacheโ€œ, kommt es zurรผck. Eine Sache brennt mir doch noch unter den Nรคgeln: โ€žWar dieses Empfangskomitee nur fรผr mich?โ€œ โ€žDie anderen Jungs nicht, nur wir dreiโ€œ, entgegnet mir einer der Beamten. Es ist dem Polizisten, der mein Gepรคck durchwรผhlt und mich schon von meiner letzten Reise kennt, sichtlich unangenehm, mich erneut grundlos einer so eingehenden Untersuchung unterziehen zu mรผssen. Die Bilder auf der mitgefรผhrten Kamera sollen gesichtet werden. Von mir aus. Ich beginne, zu jedem Bild, das ich in Brasรญlia von Sehenswรผrdigkeiten geschossen habe, eine ausfรผhrliche Erlรคuterung zu geben, sodass man es nach kurzer Zeit gut sein lรคsst und mir gestattet, die Kamera wieder auszuschalten und zu verwahren. Nun folgt die Leibesvisitation. Ich werde von drei Bundespolizisten die langen Gรคnge entlanggefรผhrt, wobei sie vor jeder Tรผre das Wort โ€žDurchgang!โ€œ rufen. Vor einem kahlen, weiรŸ gefliesten Raum bleiben wir stehen. Ich muss mich nackt ausziehen und einmal im Kreis drehen. Danach haben vier Beamte in Zivil noch einige Fragen zu meiner Person und den Beweggrรผnden fรผr meine Reise. Zwei Stunden dauert das ganze Prozedere, dann bin ich wieder auf freiem FuรŸ.

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