Selten โ und immer seltener โ hรถrt man von Marxisten des Nachdenkens Wertes. Zu sehr ist ihre reine Lehre gescheitert, und zu zerstรถrerisch ist auch ihre โsanfteโ Anpassung an die Welt nach 1989. Eine Ausnahme bildet zuweilen der Podcast โWohlstand fรผr Alleโ von Ole Nymoen und Wolfgang M. Schmitt, in dem aus linker Perspektive wirtschaftliche Fragestellungen tagespolitischer und grundsรคtzlicher Natur behandelt werden.
Zu Beginn der Folge โWie Funk junge Leute verblรถdetโ machen sie die typischen Funk-รberschriften lรคcherlich, die in etwa klรคngen wie โWie es ist, sich in ein Flugzeug zu verliebenโ. Damit offenbaren sie einen fรผr junge Linke selten gewordenen marxistischen Materialismus, der die auf Permanenz gestellte woke Enttabuisierung der Gesellschaft eher als Wohlstandsverwahrlosung denn als notwendigen Schritt ins linke Utopia ansieht. Anschlieรend kommen sie zum inhaltlich ersten Teil des Videos und รผben scharfe Kritik an den diversen Funk-Kanรคlen, die jungen Leuten praktische Alltagstipps zum Umgang mit Geld geben wollen โ Rabattcodes, Miethรถhe im Verhรคltnis zum Einkommen, und so weiter.
Die wesentliche Metakritik besteht darin, dass sich junge Leute als Folge dieser Kanรคle mit den unterdrรผckerischen Verhรคltnissen des Kapitalismus abfรคnden. So weit, so rein die Lehre, die, wie wir wissen, unterkomplex und gefรคhrlich ist. Aber dass sich die jungen Leute still mit etwas abfinden, ist korrekt. Ja, womit denn eigentlich, womรถglich auch damit, dass sie bestimmte Orte in Groรstรคdten des Nachts lieber nicht betreten? Dass sie sich mit Kritik an der hohen Steuerlast oder den รffentlich-Rechtlichen zurรผckhalten mรผssen? Dass sie in Hausarbeiten gendern? Dass sie Forderungen nach Enteignung und globaler โklimagerechterโ Umverteilung รผber sich ergehen lassen?
Sicher, wem es die existenziellen Umstรคnde nur wenig erlauben, der wird sich hier und da anpassen. Jedoch macht man sich immer schneller verdรคchtig. Hier sehen wir eine interessante Duplizitรคt zum von Nymoen und Schmitt beschriebenen Phรคnomen, allerdings auf der anderen Seite des Spektrums. Vor allem Liberale bis Liberalkonservative sehen resignierend ein, dass ihre Kritik an der Masseneinwanderung noch immer nicht goutiert wird. Andererseits sind sie von deren Folgen in der Regel nicht betroffen und schweigen beruhigt. Als Schutzwall bauen sie Strohmรคnner zu rechten und linken โKollektivistenโ auf, mit denen sie sich argumentativ also nicht mehr auseinandersetzen mรผssen, wobei sie gleichzeitig ihre Reinheit von politischem Schwefel zur Schau stellen kรถnnen. Das haben wir auch in der Corona-Krise gesehen, bei der man die Lockdowns in diesem Milieu ablehnte, aber spรคtestens beim Impfen wieder voll auf Regierungskurs war und die zwischenzeitliche Querfront zwischen links und rechts gegen die Impfpflicht wunderbar als Hufeisen-Minuspol inszenieren konnte.
Im zweiten Teil ihrer Analyse stรผrzen sich die Podcaster auf den Kanal โhighperformer.henningโ, der einem grรถรeren Publikum bekannt sein dรผrfte fรผr seine Memes รผber โHighperformerโ und โGeringverdienerโ, die mittlerweile zu den Grundbedรผrfnissen von Normies jeder politischen Couleur gehรถren. Hier kritisieren sie die gespielte Ironie, die durch die Memeisierung erzielt wird und sie gegen Kritik ihrer unterdrรผckerischen (wir wรผrden sagen: materialistisch-platten) Einstellung immunisiert. Etwa: โAls Ultrakapitalist mit Ukraine-Konflikt Geld verdienenโ. Paff, das Wort โKapitalistโ ist gefallen, und auf einmal ist Funk neoliberal.

Die Herrschaft des Volkes
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Im Grunde mรผsste uns das gar nicht interessieren. Aber wer das Video schaut, erwartet jeden Moment eine Kulturkritik, weil Ansรคtze vorhanden sind. So weit gehen sie nicht โ aber wofรผr gibt es die KRAUTZONE? Die bornierten, sich innerlich mit den Verhรคltnissen abfindenden Typen dieser Couleur sind dem geneigten KRAZ-Leser als Fechtersche โPlastikmenschenโ bekannt. Diese Figuren sind vor allem eins: langweilig und verlogen. Sie reden alle gleich und wissen in der Regel ziemlich gut, was gesellschaftlich ablรคuft โ aber wollen es dann so genau auch lieber nicht wissen. Wo wir eine Kulturkritik der โCucksโ auffahren, malen die materialistischen Linken den Neoliberalismus an die Wand, der die resignierende linke Jugend abholt โ und auch die nicht ganz so linke mit JuLi-Zuschnitt. Ohnehin sind die Grenzen hier oft flieรend, bisweilen auch je nach Lebensabschnitt: im Studium grรผn, und sobald man unverhofft ein bisschen mehr Geld verdient als der รผbrige Freundeskreis, vorsichtig auf FDP-Kurs. Man will nicht auffallen und mitmachen, solange die Patagonia-Weste nicht in der U-Bahn bespritzt und der ETF-Sparplan konstant befรผllt wird.
Dieser politische Wischi-waschi-Mensch sichert sich nach beiden Seiten mit Strohmรคnnern ab. Fรผr den rechts der mittlerweile stark verschobenen Mitte stehenden Liberalala sind es einerseits die รผblen Sozialisten und Russlandfreunde der AfD und andererseits die Kryptosozialisten links. Der Linksliberale indes erspรคht die Nazis rechts und die ihn insgeheim etwas peinlich berรผhrenden, weil an seine Ideale erinnernden Ultralinken links, die er also โzu radikal und nicht mehrheitsfรคhigโ nennt. Grundsรคtzliche Kritik an gesellschaftlichen Entwicklungen meidet er, weil es den Extremisten in die Hรคnde spielen wรผrde und er es sich in dieser Gesellschaft schon so bequem eingerichtet hat.
Auch wenn ich es ungern sage: Die beiden haben mit ihrer Analyse einen Nerv getroffen, dessen Zentrum sie allerdings anderswo verorten als wir. Wo wir die gesellschaftliche Werteerosion, den Umverteilungsstaat und das Geldsystem als dasjenige kritisieren, womit sich viel zu viele โabfindenโ, tun dies die Marxisten mit dem Renditekalkรผl des Kapitals, das den Bedรผrfnissen der Masse zuwiderlรคuft. Gemeinsam ist diesen Analysen, dass eine Entpolitisierung stattfindet, die vor den gesellschaftlichen Problemen davonlรคuft und sich eifersรผchtig in ihre Nische zurรผckzieht, wo einen niemand zur Verantwortung ziehen kann.

