Am Dienstag jรคhrte sich der โTag der Deutschen Einheitโ, also jener Tag, an dem die DDR offiziell der Bundesrepublik beitrat, zum 33. Mal. Ein Grund zum Feiern, oder? Schlieรlich ist seitdem das Vaterland wieder vereint, welch ein Freudentaumel mit diesem Ereignis doch verbunden sein mรผsste! Doch lieร mich der diesjรคhrige Nationalfeiertag kalt. Und ich denke mal, den meisten Deutschen โ den Migranten und Auslรคndern in diesem Lande sowieso โ dรผrfte es รคhnlich ergehen: Welchen groรartig starken, emotionalen Bezug hat man auch zum 3. Oktober?
Und zwar egal, ob man als Westdeutscher die verlorenen Geschwister jenseits des Eisernen Vorhangs wiedererlangte oder ob man als Ostdeutscher die sozialistische Diktatur abschรผtteln konnte, keinem ist wirklich zum Feiern zumute โ vielleicht haben viele ehemalige DDR-Bรผrger den vier Tage spรคter stattfindenden Geburtstag ihres Freiluftgefรคngnisses euphorischer und ehrlicher gefeiert. Ohne Mauerfall und Wiedervereinigung wรผrde die DDR am Samstag, dem 7. Oktober, nรคmlich ihr 74-jรคhriges Bestehen feiern. Mรถglicherweise wรคre das sogar besser so?
Trotz der Euphorie von 1989/90 wurde die Wiedervereinigung doch hรคufig zurรผckhaltend aufgenommen: Im Westen hatte man sich mit der Westintegration und der Amerikanisierung so sehr abgefunden, dass man bis 1990 โ von einigen wenigen verbliebenen Nationalisten mal abgesehen โ eine Wiedervereinigung kaum angestrebt, ja im Groรen und Ganzen sogar vรถllig vergessen hatte, und nachdem sie vollzogen wurde, durfte man sich als Dank mit einer Menge โJammerossisโ herumschlagen.
Der Osten wurde, anders als damals von Bundeskanzler Kohl versprochen, nun auch nicht mit โblรผhenden Landschaftenโ รผberdeckt: Durch den Druck der Westwirtschaft und die Unfรคhigkeit und/oder die kriminellen Machenschaften der Treuhand fiel das planwirtschaftliche Kartenhaus der DDR in den 90ern vollstรคndig in sich zusammen, so dass viele Betriebe pleitegingen oder von Westfirmen รผbernommen wurden; mit der รkonomie blutete auch die Demografie des Ostens aus, da viele in den Westen gingen, und als wรคre das nicht genug, wurde man von den โBesserwessisโ fรผr die sozialistische Misswirtschaft โ fรผr die ja der einzelne Ossi nichts konnte โ mit Hochnรคsigkeit und Arroganz gewรผrdigt.
Kurz gesagt: Durch die รผbereilte und โ man kann es nicht anders nennen โ dilettantisch ausgefรผhrte Wiedervereinigung staute sich viel Frust und Kummer in den Menschen an, so dass sich die Frage lohnt: Wรคre es nicht besser gewesen, man hรคtte die DDR erst mal bestehen lassen? Zumindest fรผr 10 oder 20 Jahre, und die staatliche Wiedervereinigung wรคre eben spรคter gekommen, nachdem sich beispielsweise die รถkonomischen Fragen geklรคrt hรคtten? Nur weil es zwei Staaten gegeben hรคtte, hรคtte das ja nicht geheiรen, dass es nicht ein Volk gewesen wรคre โ das stand ja auch zu Zeiten des Kalten Krieges auรer Frage.
Aber nun gut โ hรคtte, hรคtte, Fahrradkette. Es ist nun mal, wie es ist. In meiner Generation, also derjenigen, die nach 1990 das Licht der Welt erblickte, spielt das Ossi-Wessi-Ding keine so groรe Rolle mehr, und je jรผnger die Deutschen werden, desto mehr verwischt der Unterschied zwischen Ost und West. In dieser Hinsicht heilt die Zeit doch so einige Wunden, obwohl die Unterschiede in รถkonomischer, demografischer und kultureller Hinsicht noch erheblich sind. Doch wie steht es abseits der Ost-West-Frage um die Zukunft des Landes?
Nun, lieber Leser, seien wir ehrlich: Sie kennen die Antwort bereits. Sonst wรผrden Sie weder die KRAUTZONE noch diesen Artikel hier lesen. Wann hat man in Deutschland so unheilvoll und pessimistisch in die Zukunft geblickt wie heute? Vielleicht 1929, zum Bรถrsencrash, oder in den 1940er-Jahren, als der Krieg endgรผltig verloren ging? Das Ausmaร des Trรผmmerhaufens scheint am Ende der Entwicklung รคhnlich groร zu sein โ immerhin mussten die Deutschen dafรผr nicht gegen die ganze Welt (auรer Japan und Thailand) Krieg fรผhren wie beim letzten Mal!

Sei es die Wirtschaft, die Migration oder der kulturelle Zerfall, รผberall geht es bergab. Die regierenden Eliten gehรถren zu den wenigen, die noch feiern โ auch wenn sie nicht Deutschland, sondern Demokratie, Toleranz und Vielfalt feiern. In Bezug auf die offiziellen Feierlichkeiten in Hamburg fragt der ehemalige โBildโ-Journalist Ralf Schuler leicht blauรคugig:
โFlaggen-Ebbe am 3. Oktober: Warum schรคmen sich die Mรคchtigen fรผr unsere Farben?โ
Der geneigte KRAUTZONE-Leser weiร, dass dies eine rhetorische Frage ist โ oder zumindest sein sollte. Scham trifft es nicht, Verachtung schon eher. Kaum eine Flagge war zu erblicken. Das Motto der Veranstaltung โ โHorizonte รถffnenโ (!?) โ war so inhaltsleer und nichtssagend wie eine Merkel-Rede. Zugegeben, wie eigentlich jede Rede eines jeden Mainstream-Politikers. Aber auch im Kleinen hat das Establishment nicht viel mehr zu sagen als leere Floskeln: Ich durfte als Organist einem รถkumenischen Gottesdienst beiwohnen, in dem der katholische Priester (!) in der Predigt den Rechtsextremismus und seine Parolen als grรถรte Gefahr fรผr das beste Deutschland aller Zeiten ausmachte. Tja, wennโs weiter nichts ist …
Quo vadis, Germania mea? Es ist ungewiss. Allen Widrigkeiten zum Trotz โ und auch um meinen eigenen Pessimismus etwas auszugleichen โ lรคsst sich nur sagen: Durchhalten. Irgendwann wird die Sonne schon wieder scheinen. Wie heiรt es doch gleich? โHaltet aus! Haltet aus! Lasset hoch das Banner wehn! Zeiget stolz, zeigt der Welt, daร wir treu zusammenstehn!โ Nun dann!
