Am 4. Oktober, vier Tage vor der Landtagswahl in Bayern, sollte AfD-Chef Tino Chrupalla auf einer Wahlkampfveranstaltung in Ingolstadt sprechen. Dazu kam es jedoch nicht: Der Bundessprecher klagte รผber Unwohlsein, Schwindel und รbelkeit, bevor er reden konnte, schlieรlich musste er ins Krankenhaus und wurde รผber Nacht dort behandelt. Es wurde รผber einen Einstich berichtet, eine Nadel sei im Spiel gewesen. Doch keiner wusste im ersten Moment, nicht mal in den ersten Tagen, was รผberhaupt los war.
Die Partei selbst wirkte extrem unkoordiniert in puncto Kommunikation, und zwar sowohl mit dem Mainstream als auch mit dem Vorfeld. Einzelne Parteipolitiker preschten vor in einem Moment, wo Ruhe und gepflegtes Schweigen angebracht gewesen wรคren, andererseits gab es kaum Statements von der AfD, die notwendig gewesen wรคren โ und wenn nur ein โWir wissen selbst noch nichts Genauesโ an die รffentlichkeit vorgedrungen wรคre. Nun ja, Chrupalla geht es mittlerweile besser, und der Wahlerfolg der AfD in Hessen und Bayern scheint dadurch auch nicht negativ beeinflusst worden zu sein.
Am Mittwoch, dem 11. Oktober, รคuรerte sich nun Chrupalla endlich selbst zu den Ereignissen: Es ist gesichert, dass es einen Nadeleinstich gab und dass es sich somit nicht etwa um einen Insektenstich handelt, wie vielfach vermutet wurde. Ebenfalls wurde der offizielle Arztbericht verรถffentlicht, so dass es an dem von Chrupalla geschilderten Verlauf der Ereignisse keine Zweifel mehr geben kann. Welche Substanzen ihm injiziert wurden, ist derweil noch unklar โ der Bericht lรคsst noch auf sich warten.
Chrupalla selbst geht es zwar mittlerweile besser, bei vollen Krรคften ist er jedoch laut eigener Aussage nicht. Weiterhin spricht er von einem Anschlag, und das war es auch: ein Anschlag auf Chrupalla als Bundessprecher und damit Leitfigur der AfD. Die genauen Details โ der Grund, die Tรคter, ob der Anschlag โnurโ der Abschreckung diente oder ob er tรถdlich ausgehen sollte โ liegen noch im Unklaren.

Das alles ist ein รคuรerst merkwรผrdiger Fall. Erstens: Die Idee, einem Politiker mit einer Nadel Schaden zuzufรผgen, ist neu โ mir jedenfalls ist kein weiterer Vorfall dieser Art bekannt. Aber gut โ die Nadel scheint die moderne Form des Giftanschlags zu sein. Das Perfideste an der Sache war allerdings der Umgang der Medien damit: Man ist ja schon einiges gewohnt, aber die Perfidie und Scheinheiligkeit nehmen hier ein neues Maร an. Der Anschlag wurde dauernd heruntergespielt, Chrupalla wurde lรคcherlich gemacht. Man warf der AfD vor โ und hieran beteiligten sich nicht nur einige Medien, sondern auch Politiker wie der thรผringische Ministerprรคsident Bodo Ramelow โ, sich in der Opferrolle zu suhlen.
Kritische Berichterstattung mag ja gewรผnscht sein, doch jedem sollte klar sein, dass das Verhalten der Presse weit รผber โkritische Berichterstattungโ hinausging. Dass die Vertreter der Mainstreammedien anders gehandelt hรคtten, wenn etwa einem Robert Habeck in den Arm gespritzt worden wรคre, sollte auch klar sein โ wir wรผrden noch in zig Monaten von Attentat, Mordversuch und Terror gegen Grรผne hรถren und lesen. Bei Chrupalla hingegen โ arglistige Skepsis. Selbst auf der gestrigen Pressekonferenz wurde er รผberkritisch von der Journaille verhรถrt.
Die Dimension der linksliberalen Feindbekรคmpfung ist auch neu. Dass die Zeiten rauer und der Ton hรคrter, dass neue, perfidere Geschรผtze gegen die AfD und ihr Vorfeld im Angesicht sich anbahnender Wahlerfolge und zunehmender Etablierung der Partei aufgefahren wรผrden, das war jedem klar. Und mit dem Nadelanschlag hat der Kampf gegen rechts eine neue Eskalationsstufe erreicht. Klar, das Attentat war nicht tรถdlich, Chrupalla war auch nicht in akuter Lebensgefahr. Doch sollte man sich bewusst machen, dass dies wohl nur der Anfang ist. Gewiss, es war auch nicht das erste politische Attentat in jรผngerer Zeit โ man denke etwa an den Mord an Lรผbcke โ, doch es war der bis jetzt grรถรte Anschlag gegen unser Lager.
Die Zukunft lรคsst sich bekanntlich schwer vorhersagen, doch die Hemmschwelle fรผr Gewalt und Eskalation wird wahrscheinlich immer niedriger. Die 20er-Jahre des 21. Jahrhunderts werden rau und bitter: Darauf sollten wir alle gefasst sein, dafรผr mรผssen wir uns alle rรผsten โ seelisch wie kรถrperlich. Mal schauen, wohin uns das noch alles fรผhrt …
