0

Menschsein lernen mit Levit u.v.m.

7. Dezember 2023
in 3 min lesen

Unter der Rubrik โ€žWir sind doch alle Menschen“ schilderte die „Sรผddeutsche Zeitung“ am 29. November einen Solidaritรคtsabend, den Igor Levit und Michel Friedman in einem Berliner Hotel organisiert hatten. Beide klagten, seit dem 7. Oktober, seit dem Hamas-Massaker in Israel, hรคtten sie sich in Deutschland noch nie so allein und als Juden noch nie so ungeschรผtzt gefรผhlt โ€“ โ€ždenn wir sind Menschen. DaรŸ wir Juden und Jรผdinnen sind, ist zweitrangig“, erklรคrte Friedman. Angesichts der pro-palรคstinensischen Demonstrationen zeigten sich Levit, Pianist, und Friedman, Autor, TV-Moderator und Rechtsanwalt, erschรผttert vom Schweigen der deutschen Mehrheitsgesellschaft, vor allem aber ihrer vermeintlichen Freunde in der Kulturbranche.

Vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte ist die Erschรผtterung, ja Verzweiflung nachvollziehbar. Wenige Tage spรคter, ebenfalls in der SZ, gestand der Schauspieler Edgar Selge, seit dem 7. Oktober sei auch in ihm das Schweigen, โ€žbleiern und trotzigโ€œ, anwesend:

โ€žMein Schweigen erinnert mich an ein anderes Schweigen โ€“ das ich gut kenne und das mir mein Leben lang zu schaffen macht. Ich meine das meiner Eltern, mit dem ich wรคhrend der Fรผnfziger- und Sechzigerjahre konfrontiert war, ihr Schweigen zum Mord an ihren jรผdischen Mitbรผrgerinnen und Mitbรผrgern wรคhrend der Nazizeit.โ€œ

Die Geschichte seiner Eltern, so der heute 75jรคhrige, sei von deren damaligen Fehlentscheidungen und dem anschlieรŸenden Schweigen darรผber geprรคgt. Er selbst habe dabei lange etwas verwechselt: โ€žSie waren nicht unfรคhig, zu trauern, sondern sie waren unfรคhig, ihrer Trauer Ausdruck zu verleihen.“ Dadurch sei die Trauer in ihnen ein selbstzerstรถrerischer, bitterer Schmerz gewesen. Um diesen Unterschied zu erkennen, habe er, Selge, ein ganzes Leben gebraucht. โ€žDas ist genau das Schweigen, das sie mir mitgegeben haben. In diesem Schweigen ist auch ihr Sich-Schรคmen, sind ihre Selbstvorwรผrfe enthalten, auch die haben sie mir vermacht und mitgegeben“ (SZ, 2. Dezember: โ€žIst das Schweigen meiner Eltern auch meines?“).

Wer, wie der Autor, gleichfalls zur Nachfolgegeneration der seinerzeitigen Tรคter oder Mitlรคufer gehรถrt, weiรŸ nur zu gut, wovon Selge spricht. Vielleicht liegt darin auch eine Erklรคrung fรผr die vermeintlich mangelnde Empathie vieler Deutscher hinsichtlich der jรผdischen ร„ngste. Zum SchluรŸ seines Bekenner-Artikels sprach Selge eine grundlegende Wahrheit aus, die das ewige โ€žall-menschliche“ Geraune, auch das aus jรผdischem Mund, als das entlarvt, was es ist โ€“ eine wohlfeile Lรผge:

โ€žWir alle leben nicht in einem luftleeren, von unseren moralischen Wunschvorstellungen erfรผllten Raum, sondern wir haben eine Herkunft, die uns mehr prรคgt, als uns vielleicht lieb ist.โ€œ

Wie wahr! Mancher wird sich noch an die Grรผnen-Politikerin Katrin Gรถring-Eckardt erinnern, die 2015 auf dem Hรถhepunkt der von Kanzlerin Merkel befeuerten ersten Masseneinwanderung im Bundestag jubelte: โ€žWir kriegen jetzt plรถtzlich Menschen geschenkt!“ Die Migranten wรผrden Deutschland โ€žreligiรถser, bunter, vielfรคltiger und jรผnger“ machen. Nur der zweite Satz kam der Realitรคt ein wenig nรคher. In Abwandlung des berรผhmten Gastarbeiter-Zitats von Max Frisch lieรŸ und lรครŸt sich damals wie heute sagen, die Propagandisten der multikulturellen Umwandlung des Nationalstaats rufen nach Menschen, aber es kommen Syrer, Kongolesen, Afghanen, Roma, Schiiten, Sunniten, Salafisten, Verfechter von Blutrache, Ehrenmorden etc. Der โ€žMensch“, abstrahiert von seiner genetischen, ethnischen, geschichtlichen und soziokulturellen Herkunft sowie von sรคmtlichen Bezรผgen zu Gegenwart und Wirklichkeit, ist bloรŸe Fiktion, eine Gattungsbezeichnung wie Tier oder Pflanze. Schon vor 200 Jahren erklรคrte der franzรถsische Staatsrechtler Joseph de Maistre, in seinem Leben habe er noch nie einen โ€žMenschenโ€œ getroffen, sondern stets nur Russen, Deutsche, Italiener oder Englรคnder.

Ein Gedankenkonstrukt ist auch die Vorstellung der โ€žeinen Weltโ€œ. In Wahrheit leben wir in vielfรคltigen globalen Rรคumen, geprรคgt durch unterschiedliche Landschaften, Klimazonen, Faunen, Floren, Religionen, Kulturen etc. Nichts auรŸer ihrem abstrakten โ€žMenschseinโ€œ verbindet daher einen Eskimo mit einem Bantu, nichts einen Finnen mit einem Polynesier, nichts eine Chinesin mit einer Bolivianerin oder einen Norweger mit einem Sizilianer. Selbst im eigenen Land sind die Unterschiede zwischen einem nordfriesischen Kรผstenbewohner und einem Oberbayern aus dem Tegernseer Land gravierend. Tรถricht ist daher die oft aufgestellte Behauptung, Deutschland kรถnne jรคhrlich Hunderttausende von Zuwanderern aufnehmen, schlieรŸlich habe es nach 1945 sogar zwรถlf Millionen Vertriebene und Flรผchtlinge integriert. DaรŸ es sich bei ihnen um Landsleute, also um Menschen gleicher Zunge und gleicher Kultur handelte, wird dabei unterschlagen โ€“ auch, daรŸ selbst jene Schlesier, Pommern und OstpreuรŸen keineswegs immer mit offenen Armen empfangen, sondern vielfach als โ€žPolackenโ€œ beschimpft wurden.

Mittlerweile steht die weitgehend unkontrollierte Zuwanderung von โ€žMenschen“ nicht nur in Deutschland ganz oben auf der Prioritรคtenliste. Doch solange das individuelle Grundrecht auf Asyl Verfassungsrang hat, wird hierzulande der Kurs auf die multiethnische und multikulturelle Umwandlung der Gesellschaft ungebremst weitergehen.

ABOS

Bรผcher

SPIELE