0

Rechtsruck in Portugal

13. Mรคrz 2024
in 2 min lesen

Portugal liegt, mit seiner Lage im รคuรŸersten Westen Europas, alles andere als hรคufig im Fokus der tagespolitischen Meldungen in Deutschland. Mit den Parlamentswahlen am Sonntag รคnderte sich das: Dort konnte nรคmlich die rechte Partei Chega (CH, deutsch: โ€žEs reicht!โ€œ oder โ€žGenug!โ€œ) massiv in der Wรคhlergunst zulegen: Hatte sie bei den Wahlen von 2019 noch gerade mal ein Prozent der Stimmen hinter sich, waren es 2022 bereits sieben Prozent; seit dem 10. Mรคrz 2024 sind es 18 Prozent โ€“ sie konnte ihren Stimmenanteil mehr als verdoppeln, womit die Partei die drittstรคrkste Kraft im Parlament ist. Der Verlierer des Abends ist die bisherige regierende Partido Socialista (PS), eine Schwesterpartei der deutschen SPD; sie musste einen Verlust von รผber zwรถlf Prozentpunkten hinnehmen. Damit ist sie bei knapp 29 Prozent und damit auf ungefรคhr gleicher Hรถhe wie die Alianรงa Democrรกtica (AD), die etwas mehr Stimmen hinter sich vereinen konnte, allerdings auch etwa einen Prozentpunkt einbรผรŸen musste โ€“ dennoch, sie wird voraussichtlich den nรคchsten Regierungschef stellen.

Die AD ist ein politisches Bรผndnis, das im modernen Parteienspektrum โ€žMitte-rechtsโ€œ zu verorten ist. Damit ist sie in etwa mit den deutschen Unionsparteien vergleichbar โ€“ was natรผrlich nicht als Kompliment gemeint ist. Eine Art โ€žGroรŸe Koalitionโ€œ, wie sie in Deutschland รผblich ist und unter Merkel bis zur Erschรถpfung praktiziert wurde, gilt jedoch als ausgeschlossen, und da keine der groรŸen Parteien eine absolute Mehrheit erringen konnte, wird es wohl auf eine Minderheitsregierung der AD hinauslaufen โ€“ was vielen als Vorbote fรผr instabile Zeiten in Portugal gilt.

Aber warum ist der Aufstieg der Chega-Partei so besonders? Nun, das liegt vor allem daran, dass Portugal ein Land war, in dem es keine ernst zu nehmende rechte politische Kraft gab. Und damit meine ich nicht โ€žMitte-rechtsโ€œ โ€“ diese Parteien gab beziehungsweise gibt es zuhauf in Portugal, und sie sammeln sich in der bereits erwรคhnten AD โ€“, sondern eine mit der AfD vergleichbare, eine โ€žrechtspopulistischeโ€œ, โ€žrechtsradikaleโ€œ Partei, die das Mainstreammedienkonglomerat ordentlich auf die Palme zu bringen weiรŸ. Mit der CH wird sich das wohl รคndern โ€“ ihr Aufstieg scheint sicher zu sein, und sollte die nรคchste Regierung scheitern, wird sie ihr Ergebnis erneut verbessern. Sie wird damit das bisherige Zweiparteiensystem aufbrechen und die bisherige โ€žOrdnungโ€œ in Portugal entscheidend รคndern.

Es wird zudem einigen Lesern bereits aufgefallen sein, dass die diesjรคhrige Wahl nicht im eigentlich vorgesehenen Vierjahresturnus stattfand, sondern bereits nach zwei Jahren. Grund hierfรผr ist der Rรผcktritt des bisherigen Premierministers Antรณnio Luรญs Santos da Costa von der PS, der sich schweren Korruptionsvorwรผrfen ausgesetzt sieht. Er steht damit stellvertretend fรผr den Hauptgrund des Aufstiegs der CH: Die beiden bis jetzt sich an der Macht abwechselnden Parteien sind ein Symbol fรผr Korruption, Stillstand und Misswirtschaft โ€“ das Thema Migration hingegen spielt in Portugal nur eine sehr geringe Rolle. Die Unzufriedenheit mit der momentanen politischen Lage ist mittlerweile so hoch, dass die CH einen nicht geringen Teil der Nichtwรคhler mobilisieren konnte: Die Wahlbeteiligung stieg von 51 auf 66 Prozent.

Und wer steht an der Spitze der neuen Rechtspartei? Andrรฉ Ventura ist Jurist, Akademiker und Professor an der Universitรคt Lissabon. Ursprรผnglich Mitglied der christdemokratischen Partido Social Democrata (PSD), der grรถรŸten Partei im Wahlbรผndnis AD, grรผndete er 2019 die Chega-Partei. Er fรคhrt mit ihr einen stabilen rechten Kurs, laut Parteimanifest setzt sie sich fรผr die Wahrung der portugiesischen Traditionen und Identitรคt ein und positioniert sich gegen Abtreibung, kulturellen Marxismus, Gendertheorie und hohe, progressive Steuern. Laut dem โ€žGlobal Project against Hate and Extremism (GPAHE)“ ist die CH eine โ€žAntieinwanderungs-, Antifrauen-, Anti-LGBT-, Anti-Roma [gemeint sind Zigeuner], antimuslimische und verschwรถrerische [Anmerkung: im Sinne von verschwรถrungstheorieglรคubige] Parteiโ€œ โ€“ kurzum: Die CH und ihr Vorsitzender scheinen sehr basiert zu sein. Man wirft der CH ebenfalls vor, Anhรคnger der 1974 untergegangenen, autoritรคr-reaktionรคren Salazar-Diktatur in den Reihen zu haben. Wie sich die Partei in Zukunft schlagen wird, bleibt selbstverstรคndlich offen. Jedoch lรคsst sich feststellen, dass sie auf gutem Kurs ist, sowohl hinsichtlich ihrer Weltanschauung als auch ihrer Gunst beim Wรคhler โ€“ hoffen wir deshalb auf das Beste fรผr Portugal.

ABOS

Bรผcher

SPIELE