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Atomzeitalter ohne Deutschland

28. Mรคrz 2024
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Vergangene Woche wurde unter der Schirmherrschaft der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEO) zu einem Atomgipfel in Belgien geladen. Rund 30 Lรคnder nahmen mit hochrangigen Vertretern, darunter zahlreiche Staats- und Regierungschefs, an der Konferenz in Brรผssel teil und unterzeichneten eine Erklรคrung. Das Ziel: der Aufbau einer internationalen Atom-Allianz. Die Staaten wollen in den kommenden Jahren die Kernenergie in ihren Lรคndern weiter ausbauen. Damit war der Atomgipfel eine formellere Fortsetzung einer ersten informellen Erklรคrung auf der UN-Klimakonferenz in Dubai. Zur รœberraschung zahlreicher deutscher Medien hatten sich vergangenen Dezember bereits 20 Staaten zusammengefunden und zugesagt, ihre Kernenergie bis 2050 zu verdoppeln.

Jetzt nimmt die Ausgestaltung dieser Gruppe weiter Form an, und die Liste wird lรคnger. Insgesamt 15 europรคische und 17 weitere bedeutende Staaten aus der ganzen Welt nahmen an dem Kongress teil: Neben den asiatischen Lรคndern Sรผdkorea und Japan, das nach โ€žFukushimaโ€œ lรคngst wieder auf Kernenergie setzt, sind mittlerweile auch China und Indien dazugestoรŸen. Ebenso nahm das 230-Millionen-Einwohner-Land Pakistan sowie der wirtschaftlich florierende Pantherstaat der Philippinen an der Konferenz teil. Russland setzt ebenfalls verstรคrkt auf Kernkraft, die Abwesenheit beim Treffen hatte demnach politische Grรผnde. Mit den USA, Kanada und Argentinien waren zudem die wichtigsten Volkswirtschaften des amerikanischen Kontinents vertreten. Insgesamt sprachen die Vertreter fรผr mehr als vier Milliarden Menschen sowie fรผr mehr als 60 Prozent der Weltwirtschaftsleistung.

Auch bezeugt der Blick auf die 15 europรคischen Teilnehmerstaaten, dass es in Europa lรคngst eine Mehrheit fรผr Kernenergie gibt. Dazu kommen Italien, Polen und Serbien, die zwar noch keine eigenen Anlagen betreiben, aber in Zukunft auf Kernenergie setzen wollen. Sogar die Tรผrkei und ร„gypten nahmen am Gipfeltreffen teil. Beide Staaten bauen an ihrem ersten Kernkraftwerk. Besonders interessant: Mit der Teilnahme des Gastgeberlandes Belgien ist der lange anvisierte Atomausstieg des Landes Geschichte. Der belgische Premierminister Alexander De Croo verkรผndete offen den Ausstieg aus dem Atomausstieg. Kernkraft soll wieder ein wichtiger Teil des eigenen Energiemixes werden.

Klimaschutz als Startschuss fรผr Kernkraft

Der Ursprung dieser europรคischen Kehrtwende liegt im Juni 2022: Die Europรคische Kommission hatte โ€“ gegen den Widerstand Deutschlands โ€“ Kernenergie als grรผne und damit saubere Energie eingestuft. Der fรผr die Deutschen und ร–sterreicher รผberraschende VorstoรŸ war die realpolitische Konsequenz vor allem eines Sachverhalts: des Sichversteifens auf eine รผberambitionierte CO2-Reduktion, die รผber Wind- und Sonnenenergie langfristig und vor allem zuverlรคssig nicht zu erreichen ist.

Mit der Verteufelung von CO2 unter deutscher Fรผhrung hat sich die europรคische Politik der letzten zwei Jahrzehnte in eine Sackgasse manรถvriert, aus der nur die Kernkraft heraushelfen kann. Wurde 2022 die Klassifizierung der Kernenergie als โ€žgrรผnโ€œ noch gegen eine Mehrheit von 14 von 27 EU-Staaten durchgesetzt, hat sich in weniger als zwei Jahren das Krรคfteverhรคltnis weiter verschoben: Mit der Kehrtwende Schwedens und Belgiens wollen auch diese ursprรผnglichen Wackelkandidaten bei der Kernkraft bleiben, und mit dem geplanten Einstieg Italiens und Polens sind die Mehrheitsverhรคltnisse abschlieรŸend geklรคrt. Der Block der Lรคnder, die auf die Hochtechnologie verzichten wollen, schrumpft weiter.

Das fรคllt vor allem dann auf, wenn die EU-Staaten herausgerechnet werden, die รผber gar keine Kernkraftwerke verfรผgen, wie Portugal, ร–sterreich, Dรคnemark, Luxemburg, Lettland oder Estland. Welche EU-Lรคnder entscheiden sich trotz eigener Kernkraftwerke gegen Weiterbetrieb und Ausbau? Da bleiben nur Deutschland und Spanien. Letzteres betreibt noch sieben Reaktorblรถcke und hat einen sehr langsamen Ausstiegsplan vorgesehen. Erst 2035 sollen alle spanischen AKWs vom Netz sein. Es ist demnach wahrscheinlich, dass Spanien diese Plรคne in Anbetracht der energiepolitischen Kehrtwende noch einmal รผberdenken wird.

Deutschland, der bockige Vorschรผler

Damit bleibt Deutschland, neben der Schweiz, mรถglicherweise das einzige europรคische Land mit nuklearen Energiekapazitรคten, das weiterhin am Ausstieg beziehungsweise am Ende der Kernkraft festhalten will. Die energiepolitische Isolation Deutschlands wรคre im Falle einer anstehenden EU-Fรถrderung besonders tragisch: Als Hauptgeberland wรผrde Deutschland die neuen Kernkraftwerke seiner Nachbarn bezahlen und wรคre gleichzeitig auf Energieimporte angewiesen. Hoffnung machen kรถnnte ein Ende der Ampel-Regierung sowie ein gewisser europรคischer Druck auf Deutschland, der den Wiedereinstieg in die Kernkraft begรผnstigen kรถnnte.

Auch mit Blick auf die internationale Staatenwelt ist die Haltung Deutschlands die eines bockigen Vorschรผlers. Der beeindruckende Nebeneffekt des Atomgipfels war diplomatischer Natur: Denn es ist sehr selten, dass sich derartig hochrangige Politiker der wichtigsten Staaten der Welt an einem Tisch treffen. Jenseits des fรถrmlichen G20-Gipfels und des Jahrmarkt-Charakters der jรคhrlichen Klimagipfel mit vielen Tausend Teilnehmern konnten hier ungestรถrt Spitzenpolitiker Japans, Chinas, Indiens, der USA, Frankreichs und GroรŸbritanniens miteinander sprechen und die Zeichen auf Kooperation stellen. Vielleicht entpuppt sich Deutschlands Trotzhaltung aber auch als Glรผcksfall: Annalena Baerbock hรคtte mit einer Teilnahme vielleicht noch grรถรŸeren Schaden angerichtet.

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