Wissen Sie, lieber Leser, ich war, bin und werde wohl nie Mitglied irgendeiner Partei sein. Denn ich mag โ um es mal etwas moderat zu formulieren โ Parteien nicht sonderlich. Es sind im Groรen und Ganzen schlechte Organisationen, die in den letzten 100 Jahren fast nur schlechte Menschen mit schlechten Werten und schlechter รsthetik an die Spitze gebracht haben. Und dann erst das ganze Gekungel inner- und auรerhalb einer Partei, sei es der parteiinterne Machtkampf, bei dem meistens die besten Leute verschlissen werden โ Sie kennen sicherlich die Klimax โFeind, Todfeind, Parteifreundโ โ, oder die Machenschaften einer Partei mit anderen: All das lรคsst einen an jedem Idealismus zweifeln. Es ist eben alles nur groรes, billiges Kino โ panem et circenses.
Nun, dass die inhรคrent schlechten Eigenschaften der Parteien auch auf die AfD und ihre Mitglieder รผbergehen werden, war selbsterklรคrend. Und zu einem Zeitpunkt, der wirklich nicht besser hรคtte ausgesucht sein kรถnnen, nรคmlich ein paar Tage vor der Wahl des EU-Parlaments, hat die AfD wieder nichts Besseres zu tun, als dem ohnehin schon mรคchtigen Gegner in die Karten zu spielen und sich selbst ein Bein zu stellen. Jeder wird von den Skandalen und Machenschaften von dem und um den Spitzenkandidaten fรผr das EU-Parlament, Maximilian Krah, mitbekommen haben.
Kurz zusammengefasst: Erst standen seine TikTok-Videos im Visier, dann gab es den Spionageskandal um seinen ehemaligen chinesischen Mitarbeiter Jian G. Diese Sache ist mehr oder weniger im Sande verlaufen, als sich herausstellte, dass G. jahrelang fรผr den Verfassungsschutz gearbeitet beziehungsweise mit diesem in Kontakt gestanden hatte. Nun tรคtigte Krah in einem Interview mit der italienischen Zeitung โLa Repubblicaโ die Aussage, dass nicht alle Mรคnner in SS-Uniformen Verbrecher gewesen seien, sondern dass sich โauch viele Bauernโ darunter befunden hรคtten. Diese eine Interview-Antwort brachte das Fass zum รberlaufen, als die (ehemaligen) rechten Verbรผndeten der AfD aus Frankreich und Italien, der Rassemblement National unter Marine Le Pen und die Lega Nord unter Matteo Salvini, in Reaktion darauf ankรผndigten, kรผnftig nicht mehr in einer Fraktion mit der AfD im EU-Parlament sein zu wollen โ was den Zusammenhalt der europรคischen Rechten nun nicht gerade stรคrkt. Daraufhin zog sich Krah โ wohl auf Druck der Parteifรผhrung โ sowohl aus dem Bundesvorstand als auch aus dem Wahlkampf (und das als Spitzenkandidat!) zurรผck. Und am Donnerstagnachmittag wurde schlieรlich bekannt, dass die AfD aus der ID-Fraktion (also der rechten Fraktion im EU-Parlament) ausgeschlossen wurde.
Tja, was nun? Vielleicht zur Person Krah selbst: Ich persรถnlich mag ihn. Eigentlich. Was vielleicht auch daran liegen mag, dass ich eben nicht in der Partei bin. Jedenfalls hat er auf mich immer einen โstabilenโ Eindruck gemacht: Er kann sich gewรคhlt ausdrรผcken und gleichzeitig frech und direkt sein, er weiร die Jugend zu erreichen, er kann sich sechseinhalb Stunden mit linken Journos fetzen und sich gleichzeitig regelmรครig mit dem Vorfeld austauschen โ im Grunde genommen hat er den Unterhaltungswert eines Trump und die Radikalitรคt eines Hรถcke. Sein Buch โPolitik von rechtsโ hat mir โ von einigen Detailfragen abgesehen โ ebenfalls gefallen. Ergo setz(t)e ich einige Hoffnungen in diesen Mann. Allerdings will ich ihn nicht allzu sehr in den Himmel loben; schlieรlich weiร er als Anwalt und Politiker sehr gut, sich in Szene zu setzen โ wie viel da Schein und wie viel Sein ist, vermag ich nicht zu beurteilen. Und es gab einige Auftritte โ ich sage nur โMad Maxโ Krah โ, die ich รคuรerst peinlich fand.
Sowohl Parteifreunde als auch Teile des Vorfelds werfen Krah nun vor, sowohl den Wahlkampf als auch die Zusammenarbeit mit den anderen Rechtsparteien Europas sabotiert zu haben. Gewiss, wie gesagt ist Krah nicht perfekt, aber: Man darf nicht vergessen, dass sich gerade Le Pen und die italienische Rechte schรถn haben zรคhmen lassen. Meloni etwa hat es mit ihrer Regierung seit Jahren nicht geschafft, die illegale Migration in den Griff zu bekommen, weiterhin distanzierte sie sich schon vorher deutlich von der AfD; Le Pen wiederum war erstens sauer, dass Krah bei der franzรถsischen Prรคsidentschaftswahl ihren rechten Konkurrenten Zemmour unterstรผtzte (was zugegebenermaรen nicht die feine englische Art war in Anbetracht der Tatsache, dass ihre Parteien Fraktionskollegen im EU-Parlament waren), und distanzierte sich zweitens vom Konzept โRemigrationโ, so dass das Interview ein idealer Vorwand war, um sich endgรผltig zu distanzieren. Traurig zwar, dass die Zusammenarbeit so enden muss, aber wer braucht schon solche Verbรผndete? Was nรผtzen uns Meloni, Salvini und Le Pen, wenn sie schon beim Thema Remigration schwach werden? Krah stummzuschalten hat jedenfalls nichts gebracht: Die AfD ist trotzdem aus der ID-Fraktion ausgeschlossen worden.
Es ist alles so ermรผdend. Warum muss man so kurz vor Schluss Krah in den Rรผcken fallen? Warum kann Krah nicht manchmal ein bisschen auf Selbstdarstellung verzichten? Was wollen europรคische Rechtsparteien dann, wenn sie Angst vor Remigration haben, und warum glauben sie linken Zeitungsberichten? Warum kรถnnen rechte Parteien nicht einfach mal frechen, direkten Wahlkampf fรผhren, ohne sich zu zerfleischen? Das alles mรผsste nicht so schwer sein…
