Das Land Nordrhein-Westfalen und Ministerprรคsident Hendrik Wรผst (CDU) verรถffentlichten in den sozialen Medien Beitrรคge zum Tag der Deutschen Einheit. Das an sich wรคre keinen Kommentar wert, wenn da nicht einiges falschgelaufen wรคre. Anlass genug, die Beitrรคge sowie den Tag der Deutschen Einheit etwas genauer zu beleuchten. Zuerst fรคllt auf, dass es zum Zeitpunkt des Beitrags gar nicht der Tag der Deutschen Einheit sein kann. Schlieรlich wurde der Beitrag am Morgen des 2. Oktober hochgeladen und dรผrfte den Abend des 1. Oktober zeigen; zwei Tage vor dem Tag der Deutschen Einheit am 3. Oktober. Immerhin schreibt das โland.nrwโ, Ministerprรคsident Wรผst (CDU) sei โzum Tag der Deutschen Einheitโ beim Empfang der Deutschen Botschaft in London gewesen und nicht โam Tag der Deutschen Einheitโ. Etwas merkwรผrdig wirkt das Ganze aber schon.
รbrigens: Der Tag der deutschen Einheit wurde das erste Mal 1954 gefeiert. Damals noch mit kleinem โdโ geschrieben und am 17. Juni abgehalten, gedachte man damit in der Bundesrepublik der gewaltsamen Niederschlagung des Volksaufstandes in der DDR ein Jahr zuvor. Doch das โSymbol der deutschen Einheit in Freiheitโ sollte nicht lange wรคhren. Zwar erhob Bundesprรคsident Heinrich Lรผbke den 17. Juni noch 1963 zum โNationalen Gedenktag des Deutschen Volkesโ, jedoch fand bereits ab 1968 keine offizielle Gedenkstunde mehr im Deutschen Bundestag statt. Mit fortschreitender Dauer verlor man die Hoffnung, die Teilung Deutschlands zu รผberwinden. Bis sie dank der Kraft des Volkes dann doch รผberwunden wurde. So feiern wir seit dem 3. Oktober 1990 den Tag der Deutschen Einheit in Erinnerung an den Beitritt des ehemaligen DDR-Gebiets zur Bundesrepublik โ nun mit einem groรen โDโ fรผr ein grรถรeres Deutschland.
Doch nicht nur im Datum scheint der Ministerprรคsident etwas danebenzuliegen. Wรผst schwรคrmt davon, dass das Bundesland Nordrhein-Westfalen vor 78 Jahren โauf Initiative von Groรbritannien, gestรผtzt durch das Vertrauen der europรคischen Partnerโ gegrรผndet worden sei. Was bei dem CDUler schon fast romantisch klingt, hat einen gรคnzlich anderen Hintergrund. Natรผrlich hat Groรbritannien die โInitiativeโ ergriffen, Nordrhein-Westfalen im Jahre 1946 aus den Provinzen Rheinland und Westfalen zu grรผnden. Der Bereich lag schlieรlich in seiner Besatzungszone. Getrieben dรผrfte die Grรผndung NRWs aber weniger von romantischen Vorstellungen gewesen sein als vielmehr von realpolitischen Erwรคgungen.
Im anschwellenden Ost-West-Konflikt mussten die Briten schnell handeln, um eine mรถgliche Vierteilung des Ruhrgebiets auf alle Besatzungsmรคchte zu verhindern. Denn wie schon nach dem Ersten Weltkrieg war das Ruhrgebiet aufgrund der hier angesiedelten Schwerindustrie von groรem politischem Interesse. Die Grรผndung Nordrhein-Westfalens 1946 sollte hier Fakten schaffen. Die Zwangsheirat von Westfalen und dem Rheinland diente dabei nicht nur dem Zweck, die Industrie des Ruhrgebiets mit dem agrarischen Hinterland zu verbinden, sondern sollte auch eine britische Pufferzone schaffen, die den anderen Besatzungsmรคchten den Zugang zum Ruhrgebiet versperrte. Unterstรผtzt wurden die Briten dabei durch die Amerikaner, die ebenfalls ein Interesse an einem groรen Bundesland als Gegenstรผck zu einer kommunistischen Zentralregierung hatten.
โVertrauenโ, wie es Wรผst schreibt, dรผrfte dabei keine Rolle gespielt haben; das Gegenteil dรผrfte der Fall gewesen sein. So wie sich die Besatzungsmรคchte gegenseitig misstrauten, so vertrauten sie den Deutschen nicht. In Bezug auf das Ruhrgebiet galt es fรผr sie, ein Wiedererstarken Deutschlands durch die Nutzung seiner eigenen Industrie zu verhindern. Und ein Mitspracherecht hatten die Deutschen bei der Aufteilung ihrer Nation auch nicht. Wenn der Ministerprรคsident fรผr seinen Beitrag mit Muffins mit NRW-Wappen einen Anknรผpfungspunkt fรผr die deutsch-britische Freundschaft sucht, kann er vielerorts fรผndig werden. Aber an dieser Stelle hat er sich vergriffen.
Denn die deutsche Einheit wurde nicht โ wie Wรผst meint โ durch die โโFreundshipโ & das Vertrauen unserer europรคischen Partnerโ ermรถglicht. Dies veranschaulicht ein Satz sehr deutlich, mit dem die britische Premierministerin Margaret Thatcher 1989 ihren Botschafter in Bonn maรregelte: Es sei โklar, dass โ was auch immer ihre formale Position sei โ Groรbritannien, Frankreich und die Sowjetunion grundsรคtzlich gegen die deutsche Wiedervereinigungโ seien. Freundship und Vertrauen? Fehlanzeige!
Aber das ist nicht schlimm. Nicht alles muss ein Akt von Freundschaft und der Zusammenarbeit von Staaten sein. Man kann die Dinge auch einfach beschreiben, wie sie waren. Und das gelang in diesem Fall dem damaligen auรenpolitischen Berater Thatchers, Charles Powell, deutlich besser als NRWs amtierendem Ministerprรคsidenten. So schrieb Powell 1990 an Thatcher:
โIhr Augenblick ist gekommen; die Deutschen nehmen ihr Schicksal selbst in die Hand.โ


Realpolitisch ging es bei der groรen Verwaltungseinheit auch darum, die roten Massen in der Industrieregion durch Verbindung mit der konservativen Landbevรถlkerung in den angrenzenden Regionen einzuhegen.