Heribert Prantl, einstiger Chefredakteur der โSรผddeutschen Zeitung“, hat Wahlen stets als feierliches โHochamt der Demokratie“ bezeichnet. Was sich am 26. September in der konstituierenden Sitzung des Thรผringer Landtags abspielte, war jedoch der absolute Tiefpunkt der Demokratie. An jenem denkwรผrdigen Donnerstag ging es um die Wahl des Landtagsprรคsidenten, den gemรคร der Erfurter Geschรคftsordnung jeweils die stรคrkste Fraktion vorschlagen darf โ seit der Wahl vom 1. September mithin die AfD.
Dies wollten jedoch die sogenannten โdemokratischen“ Parteien unter allen Umstรคnden verhindern. Die CDU und das Bรผndnis Sahra Wagenknecht (BSW) beantragten, die Geschรคftsordnung dergestalt zu รคndern, daร alle Fraktionen von Anfang an eigene Kandidaten aufstellen dรผrfen. Dies lehnte AfD-Mitglied Jรผrgen Treutler, mit seinen 73 Jahren Altersprรคsident, vรถllig zu Recht unter Hinweis auf den entsprechenden Passus im Gesetz ab:
โDie Geschรคftsordnung des Thรผringer Landtags gilt so lange fort, bis der Landtag eine neue Geschรคftsordnung beschlossen hat.“
Im Parlament war jetzt die Hรถlle los. Andreas Bรผhl, Geschรคftsfรผhrer der CDU-Fraktion, sprach mit Blick auf Treutler und die AfD von โMachtergreifung“ und spielte so auf die NSDAP an. (Da es hierzulande keine Sippenhaft mehr gibt, wรคre es angebracht, er wรผrde sich einmal mit seinem รคlteren Bruder ins Benehmen setzen, denn Marcus Bรผhl ist AfD-Mitglied und seit 2017 Bundestagsabgeordneter.) Katja Wolf, Fraktionsvorsitzende des BSW, giftete, die AfD habe sich โdie Maske der Scheindemokraten heruntergerissen. Das war ein Miรbrauch des Thรผringer Landtages als politische Bรผhne und eine Verรคchtlichmachung der Demokratie“. Die parlamentarische Geschรคftsfรผhrerin der Grรผnen-Bundestagsfraktion, Irene Mihalic, war ebenfalls empรถrt:
โDie AfD hat in Thรผringen erneut ihren faschistoiden Charakter offenbart.“
Nahezu alle Medien spuckten Gift und Galle mit der wahrheitswidrigen Behauptung, der AfD sei es stundenweise gelungen, in Erfurt die Spielregeln der parlamentarischen Demokratie auszuhebeln. โEklatโ, โChaos“, โStaatszersetzung“ waren nur einige der Vorwรผrfe, mit denen die Ereignisse jenes Tages beschrieben wurden. Schon zwei Tage spรคter, am 28. September, entschieden die neun Richter des von CDU und BSW angerufenen Thรผringer Verfassungsgerichtshofs, Treutler hรคtte von der Geschรคftsordnung abweichen und schon vor der Wahl des Landtagsprรคsidenten รผber รnderungsantrรคge zur Geschรคftsordnung abstimmen lassen mรผssen. Und wo bleiben da Gesetz und Ordnung? mรถchte man fragen. Offenbar unwichtig, wenn es um das โHochamt der Demokratie“geht.
Das nรคchste โHusarenstรผck“ hat das Erfurter Parteienkartell bereits auf den Weg gebracht: Noch am 28. September beschloร es auf Antrag von CDU und BSW, daร die Ausschรผsse des Landtags dank eines neuen Berechnungsverfahrens nur noch aus je 12 statt wie bisher aus 14 Abgeordneten bestehen sollen. Damit stehen der AfD nur noch 4 statt 5 Sitze in den jeweils zwรถlfkรถpfigen Ausschรผssen zu โ nicht genug also, um Beschlรผsse der รผbrigen 8 Mitglieder aus den anderen Fraktionen blockieren zu kรถnnen, denn dazu bedรผrfte es mehr als eines Drittels der Sitze. Da die AfD im Gegensatz zum Plenum den โGrundsatz der Spiegelbildlichkeit“ in den Ausschรผssen durch den Verlust ihrer Sperrminoritรคt verletzt sieht, will sie sich juristisch dagegen zur Wehr setzen. โGlรผckauf!“ kann man ihr da nur wรผnschen.
Wie abgrundtief der Haร auf die Rechte ist, machte die โSรผddeutsche“, eines der linksliberalen Leitmedien, deutlich, als sie am 1. Oktober anlรครlich des Wahlsiegs der FPร auf der ersten Seite ihres Feuilletons einen Artikel des รถsterreichischen Schriftstellers Elias Hirschl abdruckte, der seinen Ekelgefรผhlen freien Lauf lieร:
โDie letzten Wochen hat sich die kommende Wahl schon wie ein stetig wuchernder Abszess angefรผhlt, der mit jeder Umfrage grรถรer und fester wird, und irgendwie ist es natรผrlich erleichternd, wenn er dann zu Wahlschluss endlich aufplatzt, all der Eiter, das ganze darin fermentierte, zersetzte Gewebe sichtbar wird, Licht und Sauerstoff bekommt und man sich das Ausmaร des Schadens vor Augen fรผhren kann. Andererseits ist da jetzt eine offene Wunde und der Guardian und die Sรผddeutsche Zeitung schauen sie sich entsetzt an und rufen: Junge, gehยด bitte endlich zum Arzt. Aber รsterreich geht nicht zum Arzt. Nie.“
Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit, sonst gern gegen Rechte ins Feld gefรผhrt, lรครt sich deutlicher nicht artikulieren โ in diesem Fall gegen ein Drittel der Wรคhlerschaft.


Wunderschรถn der Vergleich eines der Kernbausteine der Volksbeteiligung mit einem eiternden Abszeร. Die alternativlosen Vorbilddรคmokraken offenbaren sich in immer irrwitzigeren Ausmaร selbst – und merken es in ihrem Gesinnungsgeifer nicht mehr einmal.