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Die reelle Gefahr eines Atomkriegs

6. Dezember 2024
in 3 min lesen

Von Volker Wittmann

Menschliche Vernunft mรผsste einen Atomkrieg verhindern. So mรถchte man meinen. Seine Sinnlosigkeit liegt schlieรŸlich offen zu tage. Die amerikanischen Abwรผrfe auf die japanischen Stรคdte Hiroshima und Nagasaki im August 1945 lassen keinen Zweifel, wie es ausgehen wรผrde. Damals starben dreihunderttausend Zivilisten bei nur zwei Explosionen sofort oder in Folge der radioaktiven Verstrahlung.

Die Vernichtungskraft heutiger Kernwaffen รผbertrifft die Hรถllenmaschinen von damals um das Tausendfache. Hiroshima verging unter einem Einschlag mit der Wucht von zwanzig Kilotonnen herkรถmmlichem Sprengstoff Trinitrotoluol, kurz TNT. Heutige Wasserstoff-Bomben entwickeln Krรคfte im Bereich von Megatonnen. Die grรถรŸte jemals gezรผndete Ladung in Gestalt der russischen Zaren-Bombe brachte es auf sechzig Megatonnen, also das Dreitausendfache.

Rund um den Globus schlummert ein schwindelerregender Vorrat an Kernwaffen. Statista zรคhlt insgesamt 12.705 nukleare Sprengkรถpfe. Das widerspricht jedem Walten einer irgendwie รผbergeordneten Einsicht. Russland, USA, GroรŸbritannien, Frankreich, Israel, China, Indien, Pakistan und Nordkorea sind Atommรคchte.

Selbst wenn nur die Hรคlfte zum Einsatz kรคme, wรผrden die Zerstรถrungen unser aller Ende bringen. Auch wo keine Bomben fallen, vernichtet zurรผckbleibende Radioaktivitรคt, was lebt. Zudem ist derart geballter Sprengstoff geeignet, so viel Schutt und Staub aufzuwirbeln, dass sich der Himmel verfinstert. Ohne ausreichendes Sonnenlicht mรผsste die Erde in Eis erstarren. Sie bliebe auf unabsehbare Zeit unbewohnbar. Das nennen Forscher den nuklearen Winter. Darum wรคre ein Atomkrieg der Letzte.

Angesichts der Kรคmpfe in der Ukraine und im Nahen Osten und der anhaltenden Spannungen in Korea kรถnnen nur ahnungslose Zeitgenossen davon ausgehen, die Atommรคchte wรผrden vor dem Letzten zurรผckschrecken. Sie schauen darรผber hinweg, dass die Welt bereits mehrmals knapp am nuklearen Verhรคngnis vorรผber geschrammt ist. 

  • In der Suez-Krise von 1956 drohte die Sowjetunion mit dem Einsatz von Wasserstoffbomben.
  • Bei der Kuba-Krise 1962 bekundete US-Prรคsident John F. Kennedy seine Entschlossenheit zum letzten Mittel zu greifen.
  • Am 26. September 1983 kam es beinahe zum Einsatz von Kernwaffen aufgrund technischen Versagens. Damit hatte zuvor niemand gerechnet.

Im Fall Suez brannten die Sicherungen beinahe durch, als GroรŸbritannien und Frankreich ร„gypten angriffen. Der Streit ging um den Kanal, der das Mittelmeer mit dem Indischen Ozean verbindet. Die ร„gypter hatten die strategisch bedeutende WasserstraรŸe zuvor ohne Rรผcksprache verstaatlicht.

Als die Sowjets den Angreifern mit Kernwaffen drohten, gaben die USA zu erkennen, dass sie wegen des Suez-Kanals keine Gefahr eines nuklearen Konflikts in Kauf nehmen wรผrden. Ihnen war die Seeverbindung weniger wichtig als den Europรคern. Daraufhin gaben die Briten und Franzosen nach.

Sechs Jahre spรคter gerieten die Herrscher in Moskau und Washington unmittelbar aneinander. Die Vereinigten Staaten hatten in der Tรผrkei Mittelstrecken-Raketen aufgebaut, die Russland bedrohten. Im Gegenzug errichten die Sowjets vergleichbare Waffensysteme in Kuba. Von dort hรคtten sie die USA erreichen kรถnnen.

US-Prรคsident Kennedy verhรคngte 1962 eine Seeblockade gegen russische Schiffe mit Kurs auf die Zuckerinsel in der Karibik. Das kam mittelbar einer Kriegserklรคrung gleich, denn Schiffe gelten laut Vรถlkerrecht als Teil des Hoheitsgebiets. Der Kreml lieรŸ schlieรŸlich beidrehen, als die Amerikaner sich bereit erklรคrten, zugleich ihre Raketen aus der Tรผrkei abzuziehen. 

Eine unterschรคtzte, gefรคhrliche Verbindung menschlicher Fehlbarkeit mit unzulรคnglicher Technik trat 1983 beim NATO-Manรถver „Able Archer“ („fรคhiger Bogenschรผtze“) zu Tage. Im Rahmen der รœbungen probten westliche Verbรผndete den Atomkrieg mit solchem Aufwand, dass sowjetische Militรคrs fรผrchtete, es werde ernst. Sie setzten ihre Truppen in Alarmbereitschaft.

In dieser angespannten Lage meldete das russische Frรผhwarnsystem den Anflug mehrerer feindlicher Raketen. Nur der Besonnenheit des diensthabenden Offiziers Oberstleutnant Stanislaw Petrow war zu danken, dass kein Feuer an die nukleare Lunte gelegt wurde. Statt auf den roten Knopf zu drรผcken, vermutete er ein technisches Versagen. Wenn die Amerikaner angreifen, so sein folgerichtiger Schluss, dann nicht mit einer Handvoll Raketen, sondern mit hunderten.

Erst Jahre spรคter erfuhr die restliche Welt, wie glรผcklich sie nochmal davongekommen war. Aus Anlass der Kรคmpfe in der Ukraine hat die „Deutsche Gesellschaft fรผr Informatik“ die Gefahr eines „atomaren Weltenbrands aus Versehen“ beschworen. Wenn mehrere solcher Umstรคnde wie 1983 zusammenkรคmen, kรถnnte technisches Versagen die Welt wiederum an den Rand des Untergangs drรคngen.

In einem offenen Brief an Regierung und Bundestag in Berlin erklรคrten die Informatiker:

„Auch wenn grundsรคtzlich eine groรŸe Hemmschwelle vor Atomwaffen besteht, kรถnnte Russland ihren Einsatz in Erwรคgung ziehen, etwa wenn der russische Prรคsident die Existenz seines Landes bedroht sieht, oder die NATO aus russischer Sicht zu sehr in den Krieg in der Ukraine eingreift.“

Zudem hat technischer Fortschritt die Schwelle zwischen herkรถmmlichen und nuklearen Waffen herabgesenkt. Atomare Ladungen lassen sich heute in so handlicher Form herstellen, dass man sie als Artillerie-Granaten verschieรŸen kann. Das macht den รœbergang zu taktischen, kleineren Sprengkรถpfen und dann zu strategischen Bomben mit der Wucht mehrerer Megatonnen flieรŸend. Darum gรคbe es im Ernstfall kaum ein Halten.

Amerikanische Kollegen beim Magazin „Bulletin of the Atomic Scientists“, den Mitteilungen fรผr Atomforschung in Chicago, haben ihre symbolische Weltuntergangs-Uhr auf 90 Sekunden vor Mitternacht gestellt. Daran gemessen rรผckte die Erde nรคher an eine Katastrophe denn jemals zuvor.

2 Comments Schreibe einen Kommentar

  1. Frรผher gab es besonnene Politiker. Schaut man sich heute das Personal im Bundestag an, kann einem Angst und Bange werden.

  2. Ziemlicher Linksboomer-Midwit-Take, diese sinnlose Panikmache vor einen โ€žAtomkriegโ€œ.

    Jeder, der auch nur halbwegs zu analytischem Denken fรคhig ist, weiรŸ ganz genau, dass es niemals zu grรถรŸerem Einsatz von Atomwaffen zwischen 2 vergleichbar groรŸen Mรคchten kommen wird.

    Ganz einfach weil niemand etwas davon hรคtte.

    Das einzige denkbare Szenario wรคre ein Vergleichbares zu Japan 1945.
    Irgendein kleines Land, dass eh schon besiegt ist und fรผr die eigene Machtdemonstration nochmal einen Denkzettel bekommt.

    Wenn man dann irgendwann so weit ist, kann man auch seine weibische Angst ablegen und aufhรถren, an die N24-Mรคrchen vom JFK am roten Button oder dem edlen russischen Soldaten im Kontrollraum, der aufgrund seines guten Herzens den โ€žAtomkriegโ€œ verhindert hat, zu glauben.

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