Normalerweise schreibe ich in meinen Kolumnen nicht viel รผber persรถnliche Begebenheiten und Erlebnisse. Hiermit mรถchte ich einmal davon abweichen und ein paar ambivalente Gedanken รผber die โgute alte Zeitโ der West-Boomer verlieren. Ich schimpfe ja oft, wirklich sehr oft รผber die Bundesrepublik, und zwar nicht nur รผber ihren jetzigen Zustand, sondern auch รผber die Periode, die allgemein als die โBonner Republikโ bezeichnet wird โ also den Zeitraum bis zur Wiedervereinigung.
Natรผrlich gab es viel Schlechtes in dieser Zeit: Reeducation, Amerikanisierung, die 68er-Bewegung, die umlagefinanzierte Rentenversicherung und so vieles mehr. Aber diese alte Bonner Republik war auch durch einen Typus Mensch geprรคgt, der mir nicht nur negativ erscheint, sondern den wir in den kommenden Jahren stark vermissen werden kรถnnten. Ein Typus Mensch, der vielleicht auch deswegen so interessant wirkt, weil er eben noch etwas von dem Deutschland in sich trug und trรคgt, das vor 1945 (und auch vor 1933) existierte, auch wenn er dieses Deutschland nicht mehr aktiv miterlebte oder zumindest mitgestalten konnte. Wer dazu zรคhlt, lรคsst sich schwer sagen, womรถglich die Generation grob von 1925 bis 1945, also die, die im US-amerikanischen Sprachgebrauch der โSilent Generationโ entspricht.
Genau diesen Typus habe ich am vergangenen Sonntag predigen hรถren. Wie einige vielleicht wissen, bin ich dem christlichen Glauben eng verbunden. Trotz atheistischer Erziehung (wie es in der ehemaligen DDR eben รผblich war und ist) und fehlender Kirchenmitgliedschaft (was ich jetzt auch nicht so schlimm finde…) bin ich ein regelmรครiger Kirchgรคnger โ und zwar nicht nur als normales Gemeindemitglied auf der Kirchenbank, sondern als Kirchenmusiker. Seit gefรผhlt zig Jahren spiele ich in meiner mitteldeutschen Heimat das jeweilige verfรผgbare Tasteninstrument (die Orgeln dort sind nicht immer im besten Zustand…) und lausche dann natรผrlich auch der Predigt des Pfarrers, was auf dem Land meistens wesentlich ertrรคglicher ist als in der groรen Stadt (obwohl evangelisch und Landeskirche (!)).
Am Sonntag war der Gottesdienst ein wenig anders als sonst, denn er wurde nicht von unserem โDorfpfarrerโ gehalten, sondern von einem Pfarrer im Ruhestand, der mit jedem Atemzug den Geruch (oder Gestank) der Bonner Republik ausatmete. Anlass seiner Gastpredigt war sein 80. Geburtstag. Geboren in den letzten Kriegsmonaten, wuchs er in meinem Heimatdorf auf, alsbald mussten er und seine Familie jedoch fliehen, da die Bolschewisten im Zuge der DDR-Landreform ihren Grund und Boden haben wollten.
Die Flucht fรผhrte ihn nach Wuppertal, wo er evangelische Theologie studierte und seine eigene Familie grรผndete. Wuppertal konnte man bis vor einiger Zeit sicher als eine evangelische Insel im katholischen Meer des Rheinlands betrachten, und so beeinflussten ihn die konfessionellen Gegensรคtze sehr: Er erzรคhlte beispielsweise, dass ihnen als Jugendliche der Besuch des Karnevals unter der Androhung, vom Konfirmandenunterricht ausgeschlossen zu werden, verboten wurde und dass der Aufenthalt im katholischen Krankenhaus vom Naserรผmpfen (das ist noch nett ausgedrรผckt) der Schwestern angesichts seiner Konfession geprรคgt war. Seine Heimat vergaร er nie, und so entschloss er sich nach der Wende, sein Elternhaus zurรผckzuerwerben und wieder in mein Heimatdorf zu ziehen, wo er auch bis vor Kurzem blieb โ die Ferne zu den Kindern, das Alter und das Heimweh seiner rheinischen Ehefrau bewogen ihn, wieder zurรผckzuziehen.
Ein unglaublich belesener Mann, der seine Predigten gerne mal fast als theologische Vorlesung gestaltete. Mit einer warmen, sonoren Bassstimme trug er sie der Gemeinde vor. In seinen Gottesdiensten legte er Wert auf eine liturgisch korrekte, traditionelle Form, und die Lieder wรคhlte er immer mit groรem Bedacht aus: Poplieder, mit Klampfe vorgetragen, kamen โ Gott bewahre! โ nie vor, stattdessen wurden alte Chorรคle runtergeschmettert, meistens aus der Reformations- oder Barockzeit (Lutherchorรคle schรคtzte er selbstverstรคndlich besonders hoch). Politik kam in seinen Predigten so gut wie nie vor (es sei denn, es betraf die politisch-konfessionellen Fragen des 17. Jahrhunderts…), davor hรผtete er sich โ auch das in einem modernen, evangelischen Gottesdienst unvorstellbar.
Und was bleibt รผbrig von dieser Art von Mann? Die Zukunft der evangelischen Kirchen, geschweige denn Deutschlands, bilden sie nicht ab. Und die Ursache dafรผr liegt โ leider โ bei diesen Mรคnnern selbst. Der grรถรte Fehler dieser Generation war ihre Verschlafenheit gegenรผber den Linken, ihre Passivitรคt, ihre Unfรคhigkeit, die Gefahr zu erkennen und zu handeln. Sie hรคtten ihren Nachfolgern so viel geben kรถnnen, waren aber nie in der Lage, ihr reiches Erbe weiterzutragen. Da helfen die grรถรte Bildung und die besten Predigten nicht, wenn ihre Worte vor zwรถlf Leuten verhallen, die so alt sind wie sie selbst. Diese Mรคnner haben leider nie den Kampf angenommen, sondern stattdessen CDU gewรคhlt.
Der Zeitgeist streifte an ihnen vorbei, und da ist eben die Ehe des eigenen Sohnes mit einer Katholikin eine grรถรere Tragรถdie als die Flutung des eigenen Vaterlandes mit orientalischen Migranten durch die vermeintlich konservative Partei, die man schon seit der Adenauerzeit gewรคhlt hat. Das ist das Schreckliche am Erbe der deutschen Silent Generation: dass wir es eben nicht mehr antreten kรถnnen. Uns bleibt nur das Schlechte, das Gute verblasst bald in den Erinnerungen an eine einfache Zeit…

„Der grรถรte Fehler dieser Generation war ihre Verschlafenheit gegenรผber den Linken, ihre Passivitรคt, ihre Unfรคhigkeit, die Gefahr zu erkennen und zu handeln.“
Ich habe diese Generation in meiner Jugend noch live erlebt und kann sagen: Sie war ein Produkt ihrer Zeit und hat ihre Einstellungen und รberzeugungen eher unbewusst aufgenommen. Daher hatten sie den stรคrker werdenden Linken mental auch nichts entgegenzusetzen. Ihre hรคufigste Reaktion auf linkes Gebaren war das verstรคndnislose Kopfschรผtteln. Spรคter haben sie die linke Dominanz in Politik, Kultur und Gesellschaft stillschweigend akzeptiert. Wenn sie sich heute noch รถffentlich zu Wort melden, wirken sie wie aus der Zeit gefallen.