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Der Bundestag wird zur Festung

27. Mรคrz 2025
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Der Bundestag wird zur Festung, und das nicht bloรŸ metaphorisch. Vor dem Reichstagsgebรคude wird bald ein 137 Meter breiter Graben eine tiefe Schneise in die Rasenflรคche vor dem Parlament schneiden. Aber warum eigentlich, und was ist daran problematisch?

Das Reichstagsgebรคude gehรถrt als Sitz des Deutschen Bundestags zu den wohl bekanntesten Wahrzeichen der Bundesrepublik. Doch das Herz unserer Demokratie ist in Gefahr โ€“ zumindest, wenn es nach der Bau- und Raumkommission des ร„ltestenrates des Deutschen Bundestags geht.

Diese hat nach dem islamistischen Anschlag auf den Breitscheidplatz 2016 durch den Tunesier Anis Amri realisiert, wie einfach und gleichzeitig gefรคhrlich es sein kann, wenn jemand mit den falschen Intentionen in ein Fahrzeug steigt und Gas gibt.

โ€žDenn nichts wรคre schlimmer als ein weltweites Bild, dass das Parlamentsgebรคude in Deutschland weggesprengt wirdโ€œ โ€“ meint Wolfgang Kubicki (FDP).

Der Anschlag auf den Breitscheidplatz sei nicht der einzige Grund fรผr die Verschรคrfung der SicherheitsmaรŸnahmen. Auch ein islamistischer Anschlag auf das Parlamentsgebรคude in Kanada 2014 habe bereits Bedenken bezรผglich der Sicherheit des Reichstags hervorgerufen, รคuรŸert Kubicki.

Doch wer jetzt denkt, demnรคchst vor dem Parlament eine Reihe sogenannter โ€žMerkel-Pollerโ€œ zu sehen, wird รผberrascht. Denn stattdessen wird der klassische alte Burggraben zum Zug kommen, wenngleich in etwas modernerer Form. โ€žAha-Grabenโ€œ heiรŸt die 137 Meter breite Schneise, die sich vor der Front des Reichstagsgebรคudes parallel zum Eingang in die Wiese ziehen wird. Dabei ist der Zusatz โ€žAhaโ€œ keine Abkรผrzung fรผr eine technische Beschreibung, sondern soll die รœberraschung ausdrรผcken, die man verspรผrt, wenn man den Graben das erste Mal sieht.

Denn das ist das Hauptargument gegen die schweren Block-Barrikaden, die seit Merkels Grenzรถffnung unsere Weihnachtsmรคrkte und andere รถffentliche Feste zieren: Sie fallen auf und kรถnnten ein stรถrendes Bild hervorrufen. Ganz so, als wรคre man in Deutschland nicht mehr sicher. Genau dieses Bild mรถchten die Politiker aber verhindern. Daher bietet sich der Graben an. Da er ebenerdig beginnt und sich Richtung Reichstagsgebรคude in einer Schrรคge immer tiefer ins Erdreich bewegt, fรคllt er kaum auf und kann auf Fotografien komplett verschwinden.

Der Graben tรคuscht damit eine Offenheit vor, die gar nicht mehr besteht. Aber dieses Konzept ist nichts Neues im politischen Berlin. So sรคumen viele Gebรคude des Deutschen Bundestages groรŸe Glasfronten. Die Botschaft dahinter: Hier ist alles transparent und es gibt nichts zu verstecken. Mehr als ein Symbol ist das zwar nicht, aber genau darum geht es. Vorzutรคuschen, was nicht da ist.

In Kombination mit dem neuen Burggraben soll auch ein neues Besucherzentrum auf der anderen StraรŸenseite gegenรผber dem Reichstagsgebรคude entstehen. Von hier aus soll der Zugang zum Reichstagsgebรคude dann รผber einen Tunnel erfolgen, der vor dem Eingang des Reichstags hinter dem Aha-Graben endet. Das Besucherzentrum sollte ursprรผnglich bereits 2018 fertiggestellt werden, aktuell peilt man aber eher 2028 an; wenn alles gut geht. Dabei zieht sich nicht nur die Bauzeit in die Lรคnge.

Wie wir es von der รถffentlichen Hand kennen und fast schon erwarten, haben auch die dafรผr veranschlagten Kosten einen enormen Sprung gemacht. Von den ursprรผnglich veranschlagten 150 Millionen Euro hat man sich lรคngst entfernt. Kubicki prognostiziert nun Kosten in Hรถhe von 270 Millionen Euro; wenn alles gut lรคuft, wohlgemerkt. Die Kosten fรผr den Graben und den Tunnel kommen da noch obendrauf. Da kann man ja fast schon froh sein, dass die Altparteien sich ihre Billionen-Schulden gerade fรผr Infrastruktur bewilligt haben.

Doch genauso wie die groรŸen Glasfronten und der Graben nur symbolisch dazu einladen sollen, sich von der Berliner Politik willkommen und als Teil ihrer Demokratie zu fรผhlen, genauso wenig lรถst dieser Burggraben vor dem Reichstag die Sicherheitsprobleme in unserem Land. Denn noch vor nicht allzu langer Zeit brauchte der Reichstag weder Graben noch Poller oder Container und Absperrungen, um die Politiker zu schรผtzen. Auch ein Besuch im Deutschen Bundestag war viel einfacher. Und dass sich das geรคndert hat, liegt gerade an jenen Politikern, die sich nun hinter ihren Burggraben zurรผckziehen wollen.

Denn auch ohne Graben, Poller und Co. hรคtten die Anschlรคge in Kanada und auf dem Berliner Breitscheidplatz verhindert werden kรถnnen. Beide Tรคter waren zum Tatzeitpunkt bereits mehrfach vorbestraft. Beide Tรคter hatten einen islamistischen Hintergrund. Der Breitscheidplatz-Attentรคter Anis Amri kam aus Tunesien illegal nach Deutschland. Michael Zehaf-Bibeau โ€“ der Attentรคter am kanadischen Parlament โ€“ war der Sohn eines libyschen Migranten.

Wenn man das Reichstagsgebรคude nun vor schlechten Bildern bewahren will, wie Kubicki es sagt, dann, muss man zugestehen, hat die Idee eines Grabens einiges fรผr sich. Will man jedoch Deutschland als Gesamtes sicherer machen und solche Anschlรคge nicht nur ausbremsen, sondern in ihrer Gesamtheit verhindern, bedรผrfte es anderer politischer MaรŸnahmen. Denn das, was die Altparteien hier machen, lรคsst sich symbolisch sehr gut mit der Bundestagskuppel vergleichen.

Folgt man dort der Rampenkonstruktion immer in die gleiche Richtung, kommt man am Ende genau an dem Punkt wieder an, an dem man gestartet ist. Wenn wir den eingeschlagenen Weg in der Migrationsfrage nicht รคndern, wird es zukรผnftig mehr als nur einen Aha-Graben brauchen.

ABOS

Bรผcher

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