Deutschland verliert sein industrielles Rรผckgrat. Seit 2019 gingen รผber 360.000 Industriearbeitsplรคtze verloren. Ganze Produktionszweige werden zunehmend ins Ausland verlagert โ vor allem in die USA.
2024 verschwanden fast 200.000 Unternehmen โ der hรถchste Wert seit รผber einem Jahrzehnt. Laut einer IHK-Umfrage plant jedes vierte Unternehmen und jeder zweite Groรkonzern eine Verlagerung der Produktion ins Ausland. Hauptgrรผnde sind hohe Energiepreise, Steuerlast und Bรผrokratie. Bereits jetzt investieren mehr als ein Drittel der Firmen im Ausland, um Kosten zu sparen. รber 680 Milliarden Euro Kapital haben deutsche Unternehmen seit 2019 im Ausland angelegt โ ein erheblicher Teil davon in den USA, welche fรผr immer mehr Unternehmen zur attraktiven Alternative werden โ ein deutliches Warnsignal fรผr die deutsche Wirtschaftspolitik.
Ein aufschlussreiches Beispiel: Der Solarmodulhersteller Meyer Burger schlieรt sein Werk im sรคchsischen Freiberg und verlagert die Produktion samt 500 Arbeitsplรคtzen in die USA โ aufgrund besserer Rahmenbedingungen. Derartige Fรคlle mehren sich โ auch bei Traditionsunternehmen wie Mercedes und Wacker Chemie.
Vier Hebel, um Deutschland wieder attraktiv zu machen
Ein grundlegender Politikwechsel ist รผberfรคllig. Sollte die AfD in Regierungsverantwortung kommen, muss der erste Schritt eine allgemeine Verbesserung der Standortattraktivitรคt ย Deutschlands sein โ noch vor jeder speziellen Maรnahme. Dafรผr sind aus รถkonomischer Sicht vier Hebel entscheidend:
- Drastische Senkung der Steuer- und Abgabenlast: Mit einem der weltweit hรถchsten Steuerniveaus verliert Deutschland Jahr fรผr Jahr Investitionen. Unternehmen brauchen Luft zum Atmen โ steuerlich wie regulatorisch.
- Rรผckkehr zu gรผnstiger Energie: Ein Industriestandort braucht verlรคsslichen und bezahlbaren Strom. Das geht nicht mit ideologischer Energiewende, sondern nur mit technologieoffener Versorgung โ einschlieรlich Kernenergie, Kohle und Erdgas aus Russland.
- Abbau wachsender Bรผrokratielasten: ESG-Vorgaben, Klimaberichte, Lieferkettengesetze โ all das ist kein wohlmeinender Idealismus, sondern ideologischer Unsinn. Es รคndert nichts am Wetter, belastet aber massiv unsere Unternehmen. Damit muss Schluss sein โ wir brauchen eine schlanke, leistungsfรคhige Verwaltung statt planwirtschaftlicher Gรคngelung.
- Fachkrรคftesicherung durch Eigenleistung: Seit Angela Merkels Amtsantritt haben รผber eine Million qualifizierte Deutsche das Land verlassen. Es wรคre ein groรer Fehler, dies hinzunehmen. Ein strategisches Rรผckholprogramm fรผr diese Fachkrรคfte gehรถrt ebenso auf die Agenda wie die Stรคrkung der dualen Ausbildung und die Fรถrderung inlรคndischer Qualifizierung.
Zusรคtzlich, nicht stattdessen: Eine gezielte Reshoring-Strategie
Neben dieser generellen Standortoffensive spricht aus meiner Sicht viel dafรผr, ergรคnzend ein gezieltes Anreizprogramm zur Rรผckverlagerung bereits abgewanderter Industrieproduktion zu entwickeln โ ein deutscher โReshoring Actโ, wenn man so will. Damit lieรe sich die verlorene industrielle Substanz nicht nur bremsen, sondern in Teilen auch zurรผckholen.
Die USA machen es vor: Seit 2010 wurden dort durch eine Kombination aus Standortpolitik und gezielten Anreizen fast zwei Millionen Arbeitsplรคtze durch Reshoring und auslรคndische Direktinvestitionen geschaffen, allein 343.304 im Jahr 2022. Mรถglich gemacht haben das Programme wie der Inflation Reduction Act, der CHIPS Act oder strategische Steuererleichterungen fรผr bestimmte Branchen.
Natรผrlich sind diese Maรnahmen nicht per se liberal โ sie sind wirtschaftspolitisch gezielt. Doch sie sind wirksam. Und wir wรคren schlecht beraten, daraus nicht zu lernen. Oder wie Deng Xiaoping es einst sagte: โEgal ob die Katze schwarz oder weiร ist โ Hauptsache, sie fรคngt Mรคuse.โ
Ordnungspolitik mit Realitรคtssinn
Als ordoliberaler รkonom stehe ich grundsรคtzlich fรผr freie Mรคrkte, Eigenverantwortung und zurรผckhaltende Staatlichkeit. Aber Wirtschaftspolitik darf nicht dogmatisch sein. Wenn die Realitรคt zeigt, dass gewisse staatliche Anreizmechanismen โ etwa fรผr die Industrieproduktion โ funktionieren, dann darf man sich dieser Einsicht nicht verschlieรen. Es wรคre schlicht unklug, mit ideologischen Scheuklappen an dieser Herausforderung vorbei zu debattieren.
Ein deutsches Reshoring-Programm kรถnnte daher u.a. folgende Elemente enthalten:
- Fรถrderung von Rรผckverlagerungsprojekten mit Investitionsprรคmien, steuerlichen Anreizen oder gรผnstigen Krediten รผber KfW und Landesbanken.
- Sonderwirtschaftszonen mit vereinfachtem Baurecht, beschleunigten Genehmigungen und temporรคren Bรผrokratieerleichterungen.
- Vergaberegeln, die europรคische Produktion fรถrdern โ etwa im Sinne eines โMade in EUโ-Kriteriums bei Fรถrdermitteln oder รถffentlichen Auftrรคgen.
- Technologiefรถrderung fรผr Rรผckverlagerung, etwa fรผr Cobotik und 3D-Druck im Maschinenbau, Elektrotechnik, Halbleiter oder chemischen Grundstoffen.
Europรคisch denken, souverรคn handeln
Dabei ist auch eine europรคische Dimension mitzudenken. Eine rein nationale Regelung โ etwa nach dem Vorbild der US-amerikanischen โBuy Americanโ-Regel โ wรคre angesichts des europรคischen Binnenmarkts problematisch. Besser wรคre es, EU-weit gรผltige โMade-in-EUโ-Contentregeln bei Auftragsvergabe und Fรถrderung einzufรผhren. Das wรคre vereinbar mit europรคischem Recht und zugleich industriepolitisch sinnvoll.
Fazit: Was zรคhlt, ist was funktioniert
Die industrielle Basis Deutschlands erodiert โ leise, aber kontinuierlich. Die AfD steht vor der Aufgabe, im Fall einer Regierungsverantwortung den Industriestandort nicht nur zu stabilisieren, sondern aktiv wiederzubeleben. Dafรผr braucht es zwei Dinge: eine konsequente Verbesserung der allgemeinen Standortfaktoren โ und ergรคnzend ein kluges, pragmatisches Reshoring-Programm.
Die USA zeigen, dass es geht. Es wรคre wirtschaftspolitisch fahrlรคssig, diesen Weg nicht zumindest zu erwรคgen. Nicht, weil wir den US-Staat kopieren wollen โ sondern weil wir den Wohlstand sichern mรผssen. Am Ende zรคhlt: Was funktioniert, muss getan werden.

Die herrschenden Grรผnen werden das allerdings niemals zulassen.
Natรผrlich muss die AfD eine aktive Wirtschaftspolitik betreiben, sollte sie in Regierungsverantwortung kommen. Fรผr alles andere wird die Lage dann nรคmlich viel zu schlecht sein, um sich in Ideologiedebatten zu verlieren.
Eine Reshoring-Strategie ist sicher ein sinnvoller Bestandteil der Wirtschaftspolitik. Allerdings, das weiร der Autor ja auch, ist eine Unternehmensverlagerung eine hochkomplexe Angelegenheit, die nicht spontan durchgefรผhrt oder auf Zuruf dann einfach wieder rรผckabgewickelt wird. Ebenso ist es mit (echten) Fachkrรคften, die Deutschland verlassen und sich im Ausland eine Existenz aufgebaut haben. Will sagen: Viel von dem, was einmal weg ist, wird wahrscheinlich auch nicht wiederkommen.
Die AfD sollte sich daher nicht nur nostalgisch auf die traditionellen Industrien fokussieren, sondern auch Wachstumspotenziale durch Digitalisierung und Kรผnstliche Intelligenz sowie Zukunftsbranchen wie Biotechnologie, Mikroelektronik u.a. in ihrem Konzept berรผcksichtigen. Fรผr manche Konservative mag das Teufelszeug sein. Aber nach den Jahren der wirtschaftlichen Zerstรถrung wird die AfD nicht nur auf Restaurierung, sondern auch auf Modernisierung setzen mรผssen.