Thomas Manns verheerendes Urteil รผber die Demokratie war radikal, so radikal, daร sich auch anlรครlich seines 150. Geburtstags bislang niemand getraut hat, die Worte zu wiederholen:
โFort also mit dem landfremden und abstoรenden Schlagwort ยดdemokratischยด! Nie wird der mechanisch-demokratische Staat des Westens Heimatrecht bei uns erlangen. Man verdeutsche das Wort, man sage ยดvolkstรผmlichยด statt ยดdemokratischยด โ und man nennt und erfaรt das genaue Gegenteil: denn deutsch-volkstรผmlich, das bedeutet ยดfreiห โ nach innen und auรen, aber es bedeutet nicht ยดgleichยด โ weder nach innen noch auรen….Entfaltung, Entwicklung, Mannigfaltigkeit, Reichtum an Individualitรคt war immer das Grundgesetz deutschen Lebens. Dies Leben widerstrebte immer der Zentralisierung, bezog niemals Konvenienzen von einem kapitalen Mittelpunkt. Der Deutsche war frei und ungleich, das heiรt aristokratisch.“
Statt Deutschlands bedeutendsten Erzรคhler des 20. Jahrhunderts im Original zu zitieren, heiรt es im medialen Expertenreigen vielerorts lapidar und abwertend: โIm Oktober 1918 bekannte er sich in den ยดBetrachtungen eines Unpolitischenห auf mehr als 600 Seiten zum reaktionรคren Lager.โ Oder: โBis Anfang der 1920er-Jahre war er Anhรคnger eines deutschtรผmelnden Obrigkeitsstaatesโ. Trotz des seit Jahren zu beobachtenden Niedergangs unserer โbunten Republik der Vielfalt und der Weltoffenheitโ nehmen Deutschlands geistige und politische Reprรคsentanten Thomas Mann immer gern fรผr ihre ideologischen Interessen in Anspruch, nicht zuletzt als angeblichen Vertreter auch โunserer Demokratieโ.
Als er die als eine Art Jugendsรผnde inkriminierten โBetrachtungenโ verfaรte, war Thomas Mann 43 Jahre alt. Die Verรถffentlichung seines Bestseller-Romans โBuddenbrooks โ Verfall einer Familieโ, fรผr den er 1929 den Nobelpreis erhielt, lag 17 Jahre zurรผck. Er wuรte also sehr wohl, was er damals schrieb. Im heutigen โKampf gegen Rechts“ werden ihm seine aufklรคrerischen Worte indes รผbel angelastet, am liebsten aber verschweigt man sie:
โDemokratie, das bedeutet Herrschaft der Politik; Politik, das bedeutet ein Minimum von Sachlichkeit. Der Fachmann aber ist sachlich, das heiรt unpolitisch, das heiรt undemokratisch. Fort mit ihm! Seine Nachfolger sind der Advokat als Wochenschriftbesitzer, der Journalist, der rhetorisch begabte Kรผnstler. Sie machen die Sache mit ein wenig Geist, โ und so will es die รberlieferung der Demokratie….Wir werden sie haben, die Demokratie, โ als welche Gleichheit ist und also Haร, unauslรถschlicher und eifersรผchtiger Republikanerhaร auf jede รberlegenheit, jede sachverstรคndige Autoritรคt…Noch einmal: Demokratie, das bedeutet Herrschaft der Politik. Es darf, es wird nichts geben, kein Denken, Schaffen und Leben, woran die Politik nicht Anteil hรคtte, wobei nicht Fรผhlung mit ihr, Beziehung zu ihr unterhalten wรผrde.“
Seinerzeit gab es im Hause Mann einen erbitterten โBruderkrieg“. Wรคhrend Thomas den Ersten Weltkrieg als Verteidigungskrieg des deutschen Kaiserreichs guthieร, nahm sein รคlterer Bruder Heinrich die Gegenposition ein. Bereits 1914 gab er in seinem Roman โDer Untertanโ den deutschen Obrigkeitsstaat der Lรคcherlichkeit preis und plรคdierte stets fรผr die Demokratie, deren Vorbild er in der franzรถsischen Republik sah. Thomas verspottete seinen Bruder als โZivilisationsliteratenโ, wรคhrend Heinrich in Thomas einen deutschtรผmelnden Spieรbรผrger sah. Es sollte noch einige Zeit dauern, ehe sich die Brรผder versรถhnten und Thomas den Pfad dessen einschlug, was offiziell โDemokratieโ genannt wird. Gleichwohl muten nachstehende Zeilen aus seinen โBetrachtungen“ wie ein visionรคrer Vorgriff auf heutige Verhรคltnisse in beider Geburtsland an, in dem Wokeness und Gendern einen Kern โunserer Demokratieโ bilden:
โWelche Sache und Frage รผberhaupt wird nicht sofort im fรคlschenden, verzerrenden Lichte, das heiรt der Parteipolitik stehen? Die Politik als Erkenntnismittel, durch welches alle Dinge gesehen werden; die Verwaltung โ geรผbt im Geiste der gerade herrschenden Kammermajoritรคt; das Offizierskorps โ politisch zersetzt; die Justiz โ politisch verseucht; die Dichtung โ Thesentheater und Seelenkunde auf Grund sozialer Vergleichung bis zum Tout-est-dit (Es ist alles gesagt, d. Verf.); und Affรคren, Skandale, prรคchtige, den Bรผrger erhebende und entzรผndende politisch-symbolische Zeitkonflikte in wechselndem Reigen, jedes Jahr ein neuer, โ so werden wirยดs haben, so werden wir alle Tage leben.โ
Letztlich waren es schon zu Thomas Manns Lebzeiten zwei Totalitarismen, die noch heute die Existenz der Menschheit bedrohen: Auf der รคuรersten Rechten die nationale Volksvergรถtzung, die in einem Fรผhrerstaat auf eine gleichmacherische Vermassung der Gesellschaft hinauslรคuft โ auf der Linken die Individualvergรถtzung, die durch Auflรถsung aller Bindungen an Familie, Volk, Nation und Staat zu einer ebenfalls gleichmacherischen Atomisierung fรผhrt. Thomas Mann, so sagt er selbst, sah sich stets in der Mitte: โIch bin, um es ganz schlicht zu sagen, fรผr Freiheit. Das Wort, der Geist sei frei.“ Nicht nur Friedrich Merz, Markus Sรถder und ihre angeblich konservativen Parteien sollten zur Kenntnis nehmen, was fรผr Thomas Mann vor 110 Jahren selbstverstรคndlich war, wenn von Konservatismus die Rede ist. Es gilt nach wie vor:
โKonservativ sein, heiรt nicht, alles Bestehende erhalten wollen. Konservativ sein heiรt: Deutschland deutsch erhalten wollen โ und das ist nicht eben der Wille der Demokratie….Deutsch ist es vor allen Dingen, das Volk nicht mit der aus Individual-Atomen zusammengesetzten Masse zu verwechseln.โ

