Wer, wie der Autor, als 84jähriger mit zum Glück noch wachen Sinnen auf die westdeutsche Geschichte und jene der endlich wiedervereinten Republik zurücksieht, muß feststellen, daß das Deutschland der Gegenwart nicht mehr das seine ist. Seit der Jahrtausendwende ist für mich aus der ehemaligen Heimat nahezu eine Fremde geworden. Schuld daran ist die unkontrollierte Zuwanderung, die 2015 ihren ersten Höhepunkt erreichte und im Grunde bis heute andauert. Doch nicht nur Einheimische wie ich, selbst viele Flüchtlinge teilen das Gefühl der Fremdheit.
Anläßlich der zehn Jahre, die seit Angela Merkels Satz „Wir schaffen das“ vergangen sind, ließ die „Süddeutsche Zeitung“ am 27. August den Gambier Mamadou Bah zu Wort kommen. Im Jahr 2016 war er unbegleitet als Minderjähriger wie so viele dem Lockruf der deutschen Kanzlerin gefolgt, machte hier Abitur und hat inzwischen sein Bachelorstudium in Politikwissenschaft an der Uni Duisburg-Essen abgeschlossen:
„Als Zugewanderter sieht man sich häufig mit der Erwartung konfrontiert, sich vollständig an das deutsche Wertesystem anzupassen. Doch so sehr man das auch versucht: Selbst ich empfinde mich bis heute nicht vollständig integriert und zugehörig. Immer fehlt etwas. Zunächst war es die Sprache, später mein Akzent, dann meine Hautfarbe, meine Herkunft und schließlich meine Religion, der Islam. Zwar werde ich oft als Vorzeigebeispiel für gut integrierte junge Menschen genannt – doch auch ich bekomme durch diskriminierende Erfahrungen und ständige Kommentare immer wieder das Gefühl, nur ˋder Ausländer´ zu sein.“
Dem „schon länger hier Lebenden“ (Merkel) wie mir geht es umgekehrt genauso. Wer in einer Großstadt wohnt, sieht auf Einkaufsstraßen und in öffentlichen Verkehrsmitteln mehr Kopftuchfrauen und orientalische Männer als hiesige Einwohner, vom fremdländischen Sprachengewirr ganz zu schweigen. Wer vor zwei Jahrzehnten gluckste, „es gibt keine schwarzen Deutschen“, wurde ob dieser Selbstverständlichkeit als blöder Scherzkeks abgetan – oder erhielt zur Antwort: „Es gibt auch keine weißen Nigerianer.“ Heute gelten derartige Sprüche als menschenfeindlicher Rassismus, der als Volksverhetzung geahndet wird. Wobei man sich fragen kann, welches „Volk“ gemeint ist: die durch Sprache, Kultur und Geschichte verbundene Abstammungsgemeinschaft oder alle Personen, die Inhaber eines deutschen Passes sind?
Die Antwort ist klar: Natürlich bilden nur noch die letzteren laut Grundgesetz das deutsche Volk, denn die biologische Abstammung gilt als „völkisch-nationalistisch“, auch wenn noch immer die absolute Mehrheit der 84 Millionen Einwohner Deutschlands den oben genannten Kriterien entspricht. Mit Hilfe dieser zweigeteilten Interpretation des Begriffs „deutsches Volk“ läßt sich vielerorts die Wahrheit manipulieren, ohne zu lügen.
So lautete am 27. August eine Rubrik im Wirtschaftsteil der „Märkischen Allgemeinen Zeitung“: „Bürgergeld-Empfänger in Brandenburg sind meistens deutscher Herkunft“. Im Text hieß es:
„Mehr als zwei Drittel der Bürgergeld-Empfänger in der Mark haben einen deutschen Pass (Stand Juli 2025): Laut der Agentur für Arbeit sind 69 Prozent der Empfänger (rund 75.000) deutsch, 31 Prozent (33.600) sind aus dem Ausland.“
In einem Kommentar hieß es entsprechend:
„Von AfD und auch aus Reihen der Union wird gerne propagiert, Bürgergeld würde primär von Menschen mit ausländischem Pass bezogen. Gerne gepaart mit dem pauschalen Vorwurf, sie alle würden die Leistungen ausnutzen – und zwar durch die Bank. Ohne Ausnahme. Ein Blick auf die nackten Zahlen entlarvt dieses Narrativ als reinen Populismus: In Brandenburg sind mehr als zwei Drittel der Empfänger deutsch.“
Tja, eingebürgerte Ausländer sind halt deutsch – welcher Herkunft und welcher Hautfarbe auch immer.
Ein negatives Resümee der Zuwanderung zieht daher der Niederländer Ruud Koopmans, Professor für Soziologie und Migrationsforschung an der Humboldt-Universität Berlin („SZ“ vom 23. August):
„Die Versprechen, die Geflüchteten würden die demographischen Probleme und den Arbeitskräftemangel beheben, sind reine Schönmalerei. Zwar meldet die Bundesagentur für Arbeit aktuell 650.000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte aus den acht wichtigsten Fluchtherkunftsländern, aber mehr als 900.000 Menschen aus diesen Ländern beziehen Sozialleistungen. Das ist kein Beitrag zum Erhalt des Sozialstaats. Zudem sind Geflüchtete auch bei Terrortaten und Gewaltkriminalität wie Vergewaltigung deutlich überrepräsentiert.“
Besonders verhängnisvoll wirkt sich die von Merkel initiierte Zuwanderung auf das einst fortschrittliche deutsche Bildungssystem aus. Keiner aus meiner Generation kann sich die desaströsen Verhältnisse in den meisten Klassen vorstellen, es sei denn, er hat Enkelkinder. Im letzten Jahr stieg der Anteil der Schüler mit Migrationshintergrund von 30 Prozent (2005) auf 42 Prozent. In manchen Grundschulklassen sind 80 bis 90 Prozent Kinder zugewanderter Eltern, die wie ihr Nachwuchs Analphabeten und der deutschen Sprache nicht mächtig sind. Kein Wunder, daß die Bundesrepublik im Pisa-Ranking Platz 22 belegt; ohne Migranten würde sie Platz 6 erreichen. Kein Wunder auch, daß die Lehrer frustriert und immer weniger diesen Beruf ergreifen wollen.
Eine Folge der ohne demokratische Einwilligung von der Laune einer Einzelperson in die Wege geleiteten massenhaften Zuwanderung ist die immer größer werdende Wohnungsnot und die Überlastung der Kommunen. Merkel, die sich als Wissenschaftlerin rühmte, stets vom Ende her zu denken, war es auch, die die Atomkraftwerke von heute auf morgen abschalten und die erforderliche Energie statt dessen durch den Bau der Nord-Stream-Pipelines aus Rußland importieren ließ – sehr zum Unwillen der USA und der meisten EU-Länder. Heute ist Deutschland kaum wiederzuerkennen: die Infrastruktur ist katastrophal, die Bundeswehr ruiniert, der riesige Schuldenberg erdrückend, die Arbeitslosigkeit mit 3 Millionen so hoch wie 2015, und in der Außenpolitik hat Berlin seine einstige Sonderrolle verspielt… Da bleibt nur der Seufzer: „Adieu, Vaterland meiner Muttersprache!“


Wer wie der Autor 2015 als den „ERSTEN Höhepunkt“ bezeichnet, scheint in den Jahrzehnten vor der 84 keine so sonderlich wachen Sinne gehabt und alle Entwicklungen und Probleme verschlafen zu haben, die zur Zerstörung seines Deutschlands geführt haben. Hier rühmt sich einer dafür, dass er nur zehn Jahre früher als der Rest der trägen Masse von der Realität in den Hintern gebissen wurde.
Ich bleibe bei meiner These: Was vor 10 Jahren eingeleitet wurde, ist die bislang größte ethnische Veränderung der Bevölkerung Deutschlands mit unabsehbaren Folgen und somit das historisch bedeutsamste Ereignis der letzten 80 Jahre.
Woran dieser, wie auch die meisten unzähligen anderen Texte andernorts über die fatale Entwicklung der letzten Jahr(zehnt)e, krankt ist daß die Massenzuwanderung als homogenes Gesamtübel betrachtet wird, und nicht nach Herkunft und Beweggründen getrennt.
Dabei macht es einen erheblichen Unterschied ob die Zuwanderer aus unmittelbaren Nachbarländern (selbst in größerer Zahl unbedenklich), aus Nord- und Osteuropa (ebenfalls weitgehend kulturkompatibel), dem Mittelmeerraum und Balkan (da gibts schon ein gewisses Konfliktpotential), Fernost (geräuchlos, neigen aber in höherer Zahl stark dazu in Parallelgesellschaften zu bleiben), der osmanischen Halbinsel (viele sind selbst in Dritter Generation weder hier noch dort heimisch) oder den heutigen Hauptherkunftsländern in Schwarzafrika und mittlerer Osten (vielfach konträre Erwartungen und Vorstellungen).
Ebenso unterscheidet sich das Verhalten je nachdem ob jemand tatsächlich aus Not flüchtet (hierzulande nicht der Fall, es gibt kein unsicheres Nachbarland), aus echter Bewunderung für sein Zielland einwandert, um sich hier möglichst leistungslos aushalten zu lassen, oder um auch hierzulande die Fremdkultur zu verbreiten. Wobei der vorletzte Punkt sich gut mit dem letzten verbindet, oftmals auch erst nach Ankunft im Zielland.
Als tröstlicher Ausblick nicht nur für den Autor: Es ist wahrscheinlich daß der Niedergang der Buntesrepublik so rasch eskaliert daß das menschliche Treibgut samt dem Wahnsinn der letzten Jahre von ihm mitgenommen wird und aus den Trümmern ein zwar gerupftes aber ebenso genesenes Deutschland wieder wurzeln kann.
Sehr richtig und empfehlenswert. Wir Deutschen haben nämlich wirklich leider die Zeugung einer ausreichend großen Nachfolgegeneration „vergessen“. Und wir haben auch vergessen, dass das „Deutsche Volk“ des Jahres 1900 auch vielfach andere Herkunftsländer integriert hatte. Es ist nicht alles verloren… Dazu muss aber die deutsche Angewohnheit des Selbsthasses und des Halb-leeren Glas willkürlich gebrochen und überwunden werden.
Sehe ich genauso. Das Areal, welches heute als BRD bezeichnet wird und im Laufe der Geschichte unter diversen anderen Namen bekannt war, hat einiges an Integration mitgemacht und lässt sich nicht so schnell kaputt machen.
Ein guter Freund von mir ging vor über 20 Jahren nach Südafrika, er spricht die Sprache (englisch und afrikaans) lebt dort, arbeitet dort, ist sogar Arbeitgeber. Er fühlt sich selbst als „Südafrikaner“. Trotzdem wird er von der einheimischen Bevölkerung als „Ausländer“ wahrgenommen. Ist das jetzt schlimm? Er sagt nein. Warum muss „Ausländer“ immer als negativ empfunden werden? Ein Schweizer, ein Österreicher ist doch auch Ausländer in Deutschland, so wie wir Ausländer in der Schweiz und Österreich sind. Doch kaum ein Schweizer dürfte deshalb verzweifelt sein. Und fragt man junge Männer mit deutschem und türkischem Paß, so hört man oft (und mit Stolz) ein „Ich bin Türke!“ also liebe SZ und werter Gambier Mamadou Bah wo bitte ist das Problem?