Selten hat sich die Heuchelei europรคischer Bรผndnispartner der USA so rasch als eingespielte Doppelmoral entpuppt wie in den vergangenen Tagen. Am 13. September verรถffentlichte Prรคsident Donald Trump auf seiner Nachrichtenplattform Truth Social einen โBrief an alle NATO-Staaten und die Weltโ. Darin teilte er mit, welche Bedingungen er erfรผllt sehen will, ehe er bereit ist, wegen des Ukraine-Kriegs weitere Sanktionen gegen Ruรland zu verhรคngen: 1. Alle NATO-Staaten sollen aufhรถren, russisches รl zu kaufen. Daร es Ungarn, die Slowakei und die Tรผrkei noch immer beziehen, sei โschockierend. Es schwรคcht unsere Verhandlungsposition erheblichโ. 2. Alle NATO-Staaten sollen gegen China Strafzรถlle in Hรถhe von 50 bis 100 Prozent verhรคngen. Schlieรlich ist Peking Hauptabnehmer des russischen รls und damit neben Indien wichtigster Financier des Krieges.
Eigentlich hรคtten die Europรคer jetzt jubilieren mรผssen. Seit Monaten hatten sie Washington immer wieder wissen lassen, wie groรartig amerikanische Strafzรถlle gegen China wรคren. Ein entsprechender Gesetzentwurf des republikanischen US-Senators Lindsey Graham, der Zรถlle von 500 Prozent gegen Abnehmer russischen รls vorsieht, wurde in Brรผssel รผberschwenglich gelobt. Daร Trump Indien mit einem Zusatzzoll von 25 Prozent abstrafte, stieร in der EU jedoch auf Ablehnung, schlieรlich will man mit Delhi einen Handelsvertrag schlieรen. Und Zollstrafen gegen den Wirtschaftspartner China kommen seitens der EU schon gar nicht in Frage. Wegen der รถkonomischen Abhรคngigkeit von Peking ist die Angst vor Gegenzรถllen einfach zu groร. โEuropa sieht etwas albern ausโ, zitierte die โSรผddeutsche Zeitungโ einen Brรผsseler Diplomaten. โWir wollen, daร die USA tun, was wir selbst zu tun nicht bereit sind.โ
Ein perfides Doppelspiel inszenieren westliche Staaten seit Jahrzehnten auch hinsichtlich der Menschenrechte, die sie zu universellen demokratischen Werten erklรคrt haben, die in autoritรคr regierten Lรคndern wie China stรคndig miรachtet wรผrden. Die ursprรผngliche Vorstellung derartiger Rechte entstammt in der Tat europรคischer Denktradition und soll primรคr das Individuum vor der Willkรผr des Staates schรผtzen. Erstmals 1948 wurden diese Prinzipien in der โAllgemeinen Erklรคrung der Menschenrechteโ von den Vereinten Nationen festgelegt. Damals jedoch gehรถrte die 1949 gegrรผndete Volksrepublik China nicht der UNO an, wรคhrend die meisten Staaten der Dritten Welt noch gar nicht existierten, sondern von ihren westlichen Kolonialherren erst viel spรคter die Unabhรคngigkeit und damit die Voraussetzung fรผr die Realisierung der beschworenen Rechte erkรคmpften.
Im Jahr 1966 einigte sich die UNO auf zwei Vertragstexte, mit denen die Menschenrechte entscheidend erweitert, kodifiziert und verpflichtend geregelt werden sollten. Sie traten 1976 in Kraft und sind inzwischen von fast allen Mitgliedsstaaten, auch von China, ratifiziert worden. Wรคhrend der erste Pakt die politischen und bรผrgerlichen Individualrechte festlegt, werden im zweiten Pakt Kollektivrechte in den Bereichen Wirtschaft, Soziales und Kultur verankert โ so das Recht auf Arbeit und soziale Sicherheit, auf Gesundheit, den Schutz der Familie sowie auf Bildung. Chinas Regierung kann daher fรผr sich in Anspruch nehmen, fรผr ein Volk, das 1949 noch zu 80 Prozent aus Analphabeten bestand und Hunger litt, die elementaren Menschenrechte erfรผllt zu haben, ohne die ein Leben in Wรผrde รผberhaupt nicht vorstellbar ist. Heute ist die Volksrepublik die zweitgrรถรte Wirtschaftsmacht der Welt. Westliche Beobachter beharren aber auf dem Vorrang der Individualrechte und beschuldigen Peking permanent der schlimmsten Vergehen.
Im deutschsprachigen Raum ist der Schweizer Jurist und Sinologe Harro von Senger einer der wenigen, die sich um ein differenziertes Bild bemรผhen. In seiner 2013 verรถffentlichten Abhandlung โDie VR China und die Menschenrechteโ konstatiert er:
โVon der Erklรคrung der Menschenrechte von 1948 angefangen bis zur Schluรerklรคrung der Wiener Menschenrechts-Weltkonferenz von 1993 lรครt sich bis zur Gegenwart aus den einschlรคgigen UNO-Verlautbarungen keine Hierarchie von Menschenrechten herausinterpretieren.โ
Daher lehne China eine Ignorierung ganzer Kategorien ab โ eine Ausgrenzung, die sich auf die euro-amerikanische These eines sogenannten ยดharten Kernsห von Menschenrechten stรผtze. Peking bekenne sich vielmehr zum Grundsatz der Unteilbarkeit und der wechselseitigen Abhรคngigkeit aller Menschenrechte und betrachte zum Beispiel das Recht auf Entwicklung, das Recht auf Nahrung und das Recht auf Arbeit als genauso vollgรผltig wie irgendein anderes. Harro von Senger weist auch darauf hin, daร es aus Sicht der UNO kein einzelnes politisches System gibt, das fรผr alle Nationen und Vรถlker in gleicher Weise geeignet ist, da jedes System unterschiedlichen historischen, kulturellen und religiรถsen Faktoren unterworfen ist. Daraus ergebe sich, daร westliche Formen der Demokratie nicht die einzig gรผltigen sind. Die UNO-Menschenrechtskommission habe daher am 23. April 2003 mit 29 gegen 12 Stimmen bei 12 Enthaltungen eine entsprechende Resolution verabschiedet: โThere is no universal model of democracy.โ
Aus all dem geht hervor, daร Menschenrechte weder รผberzeitlich noch รผberรถrtlich sind. Trotz ihres supranationalen Anspruchs werden sie in Einzelstaaten zur Geltung gebracht, die wiederum das Verhรคltnis zwischen Individuum und Kollektiv immer wieder neu bestimmen mรผssen. Das im Vergleich zum Westen andere Verstรคndnis vom Wechselverhรคltnis zwischen Regierung und Volk sowie von der Rolle des Staates hat somit zu gravierenden Unterschieden auch in der politischen Kultur gefรผhrt โ die ostasiatischen Vorstellungen von Ordnung, Macht, Autoritรคt und Hierarchie begรผnstigen eher autoritรคre als westlich-demokratische Strukturen. Hierzulande haben Politiker und Journalisten jedoch seit Jahrzehnten die โwestlichen Werteโ zum alleinigen Maรstab gemacht. Immer hรคufiger mรผssen sie nun feststellen, daร sie wegen ihrer einseitigen Moralpredigten nicht nur im โglobalen Sรผdenโ auf taube Ohren stoรen und der Heuchelei geziehen werden. Auch in diesem Fall โ ganz abgesehen von den jรผngsten Verbrechen in Utah und in Gaza โ kann man sich der Einsicht nicht verschlieรen, letztendlich habe Gottfried Benn mit seiner schwรคrzesten Aussage zum Homo sapiens doch recht: โDie Krone der Schรถpfung โ der Mensch, das Schweinโ.

