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(K)eine Wahl in Ludwigshafen

25. September 2025
in 3 min lesen

โ€žStell dir vor, es ist Wahl und niemand geht hin.โ€œ Ungefรคhr so dรผrfte es sich vergangenen Sonntag im rheinland-pfรคlzischen Ludwigshafen angefรผhlt haben. Nach der Auszรคhlung der Stimmen wurde deutlich, was sich zuvor bereits angedeutet hatte: Die Wahlbeteiligung fiel auf ein Allzeittief. Lediglich 29 Prozent der Wahlberechtigten nutzten ihre Stimme. Wie es so weit kommen konnte (1.), wie die ร–ffentlich-Rechtlichen uns tรคuschen (2.) und was das รผber unsere Demokratie aussagt (3.).

1. Wenn man keine Wahl hat

Im Jahr 2017 schien in Ludwigshafen die Welt noch in Ordnung. Zur Wahl des Oberbรผrgermeisters gaben damals 60 Prozent der Wahlberechtigten ihre Stimme ab โ€“ noch doppelt so viele wie acht Jahre spรคter. Und auch fรผr die diesjรคhrige Wahl standen alle Zeichen auf eine hohe Wahlbeteiligung. Anfang des Jahres schritten im Rahmen der Bundestagswahl 75 Prozent der Ludwigshafener zur Wahlurne. Was hatte sich nun geรคndert?

Das entscheidende Datum ist Dienstag, der 5. August 2025. An diesem Tag entschied der Wahlausschuss, den รถrtlichen AfD-Kandidaten, Joachim Paul, von der Wahl auszuschlieรŸen. Zur Begrรผndung zog man ein Gutachten des Landesamtes fรผr Verfassungsschutz heran, welches man zuvor in Auftrag gegeben hatte. Der Wahlausschuss des (noch) SPD-gefรผhrten Ludwigshafen war sich mit dem SPD-gefรผhrten Verfassungsschutz einig: Joachim Paul darf in einem demokratischen Deutschland nicht zur Wahl stehen.

Wรคhrend man sich als strahlender Verteidiger der Demokratie sah und nicht vor den wildesten Erklรคrungen zurรผckschreckte, warum Paul ein Verfassungsfeind sei, drรคngte sich ein anderer Gedanke auf: Was, wenn Paul keine Gefahr fรผr die Demokratie, sondern fรผr die SPD ist? Aktuell ist die AfD noch drittstรคrkste Kraft im Ludwigshafener Rat. Doch bereits zur Bundestagswahl fielen die meisten Zweitstimmen auf die AfD. Das Oberbรผrgermeisteramt rรผckte damit fรผr die AfD in eine realistische Nรคhe.

Bis die โ€žwehrhafte Demokratieโ€œ ihre Zรคhne und dem AfD-Kandidaten sowie allen AfD-Sympathisanten die rote Karte zeigte. Zu gefรคhrlich schien es, den Wรคhler entscheiden zu lassen, wer seine Stadt in Zukunft regieren soll. Man hatte schlichtweg keine Wahl.

2. 70 Prozent ist die Wahl egal?!

Nun kam es Sonntag zur Wahl, in der nach dem Ausschluss der AfD hauptsรคchlich noch CDU und SPD um den Sieg kรคmpften. Na ja, und Kandidat Nichtwรคhler โ€“ der mit 71 Prozent geheime Sieger der Wahl. Fรผr die ร–ffentlich-Rechtlichen ist der Fall klar:

โ€ž70 Prozent der Wahlberechtigten ist vรถllig egal, wer OB von Ludwigshafen wird.โ€œ

Diese dreiste Aussage dรผrfte die Unverschรคmtheit des Wahlausschlusses nun tatsรคchlich noch einmal toppen. Wรคhrend sich der Anteil der Wรคhler nach dem Ausschluss des favorisierten Kandidaten halbiert hat, will der Studioleiter des SWR Ludwigshafen uns tatsรคchlich glauben machen, die Politikverdrossenheit liege im finanziellen Missstand der Stadt begrรผndet:

Da die Stadt hoch verschuldet sei, habe der Oberbรผrgermeister kaum Handlungsspielraum, und daher wรผrden die Wรคhler denken, es mache sowieso keinen Unterschied, wen sie wรคhlen, und hรคtten deshalb nicht gewรคhlt. Wie viel zahlt man fรผr so einen Unsinn noch einmal pro Monat per Zwangsabgabe? Ach ja: 18,36 Euro.

Viel nรคher als eine finanzielle Notlage der Stadt โ€“ wie sie viele Kommunen haben โ€“ liegt doch der Verdacht, dass etwa 30 Prozent der Wรคhler nicht gewรคhlt haben, weil man ihnen ihre Wahl genommen hat. Dieser Umstand wird auch durch eine weitere Zahl gestรผtzt. Gab es zuvor zwischen ein und zwei Prozent ungรผltige Stimmen, vervielfachte sich der Anteil bei dieser Wahl auf fast zehn Prozent. Dass auf einmal jeder Zehnte vergessen hat, wie ein Wahlzettel funktioniert, ist unwahrscheinlich. Deutlich wahrscheinlicher ist, dass sie ihren Wunschkandidaten Joachim Paul auf den Wahlzettel schrieben und ihn dadurch ungรผltig machten.

3. Gewรคhlt ja, aber auch legitimiert?

In der Stichwahl befinden sich nun also die Kandidaten von CDU und SPD. Gedanken mรผssen sich die Kandidaten um die Wahlbeteiligung dabei nicht machen. Sie haben vom Ausschluss Pauls profitiert, und am Ende zรคhlt fรผr sie nur, wer mehr Stimmen erhรคlt und damit neu gekrรถnter Kรถnig der Minderheit (der Wรคhler) wird. In anderen Bundeslรคndern ist ein Quorum รผblich, welches fรผr die erfolgreiche Wahl erreicht werden muss. In Brandenburg zum Beispiel bedarf der Kandidat zur erfolgreichen Wahl als Oberbรผrgermeister mindestens 15 Prozent der Stimmen aller Wahlberechtigten. Diese Anforderung existiert in Ludwigshafen nicht.

Dabei liegt einem solchen Quorum ein Grundgedanke der Demokratie zugrunde: Macht muss legitimiert sein. In einer funktionierenden Demokratie bedarf es hierfรผr keines Quorums โ€“ dort wรคhlt das gesamte Volk und die Mehrheit gewinnt. Vor diesem Hintergrund war die AfD ein Glรผcksfall fรผr die Demokratie, da sie Nichtwรคhler mobilisierte und zu einem neuen Hoch an Wahlbeteiligung fรผhrte. Der Wรคhler setzte sich wieder vermehrt mit seiner Demokratie auseinander.

Wenn nun wie in Ludwigshafen die Wรคhler das Gefรผhl haben, dass ihnen ihre Stimme verboten wird, dann mag das auf kurze Dauer fรผr ein Lรคcheln in den Gesichtern der triumphierenden Altparteienpolitiker sorgen. Doch auf lange Sicht schaden sie damit nicht nur sich, sondern vor allem der Demokratie.

ABOS

Bรผcher

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