โHunde, die bellen, beiรen nichtโ, heiรt es. Friedrich Merz bellt in der Tat mehr, als dass er zubeiรt. Groรmaultum gepaart mit mangelnder Kraft, sich durchsetzen zu wollen, gibt jene schwรคchliche Epigonenkarikatur einer scheidenden Epoche ab, wie unser momentaner Bundeskanzler sie darstellt. Immer wieder poltert er mit groรen Worten daher, in der (teilweise leider nicht unbegrรผndeten) Hoffnung, konservative Stimmen, vor allem von รคlteren Menschen, in seinen Bann zu ziehen, ehe er dann vor dem politisch-medialen Komplex wieder zurรผckweicht โ entweder mit Worten, in Form einer Entschuldigung, oder durch geballtes Nichtstun. Auf der anderen Seite mag besagter politisch-medialer Komplex nicht verstehen, welch eine Goldgrube Merz fรผr ihn ist: das ideale Feigenblatt, die perfekte Nebelkerze, um den Leuten rechte oder konservative Politik vorzugaukeln. Die Dynamik zwischen diesen beiden essenziellen Bestandteilen unseres politischen Systems scheint etwas aus den Fugen zu geraten, wenn bedacht wird, wie wenig rhetorischen Spielraum sie der Finte Merz geben.
So erst wieder in den vergangenen Tagen. Der Bundeskanzler hielt letzte Woche eine Rede vor Brandenburger Parteikollegen, als er auf Migration, die โErfolgeโ der Migrationspolitik seiner Regierung zu sprechen kam (er beklatschte den Rรผckgang der Asylantrรคge von August 2024 auf August 2025 um 60 Prozent, was angesichts der Massen in unserem Land ein Treppenwitz ist) โ und kommentierte das mit dem folgereichen Satz:
โAber wir haben natรผrlich immer im Stadtbild noch dieses Problem, und deswegen ist der Bundesinnenminister ja auch dabei, jetzt in sehr groรem Umfang auch Rรผckfรผhrungen zu ermรถglichen und durchzufรผhren.โ
Groรmรคulig wie etwa die โkleinen Paschasโ aus dem Jahre 2023 ist das zwar nicht, aber es reicht, um den Furor der linken Politkaste und ihrer Journaille auf sich zu ziehen. Das heiรt: Es gibt die รผblichen Rassismusvorwรผrfe, Standardentrรผstungen und vielleicht die ein oder andere Demo, wenn es sein muss.
Doch Merz bleibt dieses Mal erstaunlich standhaft โ fรผr seine Verhรคltnisse. Doch keine Aufregung, man soll sich von dieser vermeintlichen Standhaftigkeit nicht tรคuschen lassen! Schlieรlich sind bald wieder Wahlen, im Mรคrz, und auch Friedrich Merz hat mitbekommen, dass die AfD in Sachsen-Anhalt bei circa 40 Prozent, im Bund in manchen Umfragen bei 27 Prozent steht โ in beiden Fรคllen als stรคrkste Kraft vor der Union. Das dรผrfte den Widerstand des Bundeskanzlers erklรคren. Auf einer Pressekonferenz am Montag nahm er sein Statement nicht zurรผck, verteidigte es sogar: โFragen Sie Ihre Tรถchter, was ich damit gemeint haben kรถnnteโ, antwortete er dem Reporter, der die kritische Frage gestellt hatte, โich vermute, Sie kriegen eine ziemlich klare und deutliche Antwort.โ Womit der Furor wider Merz nur noch weiter wuchs. Die Linken in den sozialen Medien kochten, es kam zu Demos: In Berlin etwa versammelten sich 1.000 Menschen, um gegen die รuรerungen von Merz zu demonstrieren โ unter dem Motto โWir sind die Tรถchterโ stellten sie sich vor die Parteizentrale.
Dabei ist das alles so durchschaubar, so offensichtlich. Denn nicht nur die Tรถchter wissen, was Merz mit seiner โStadtbildโ-รuรerung meint. Jeder weiร es. Jeder spรผrt es. Und fast jeder will, wenn er ehrlich ist, nicht so leben. Es muss nicht ausgesprochen werden, jeder spรผrt es instinktiv โ auch die Linken, die deshalb so bissig reagieren, statt vielleicht etwas strategischer vorzugehen. Wenn es nach Merz ginge, so wollte er etwas Druck vom Kessel ablassen โ eben mit der Abschiebung der wirklich Unbequemen โ und damit der AfD etwas Wind aus den Segeln nehmen, ohne einen radikalen Kurswechsel vollziehen zu mรผssen. Die allgemeine politische Richtung, in die das bundesrepublikanische Wrack treibt, wรคre so gerichtet โ es ginge eben nur ein bisschen langsamer voran. Doch das will man im politisch-medialen Komplex, in der โZivilgesellschaftโ, offenbar nicht und fรคhrt Merz in die Parade โ Glรผck fรผr uns, so soll es sein. Dass es mit der CDU keine Wende in der Hinsicht geben wird, lรคsst sich zwischen den Zeilen ablesen: โ…aber an den Hauptbahnhรถfen, auf den Marktplรคtzen dieses Landes, sind natรผrlich die Folgen irregulรคrer Migration zu sehenโ, sagte der Fraktionschef der Union im Bundestag, Jens Spahn โ was das konkret heiรt: Kommen und bleiben sie legal, ist ja alles gut. Na dann.
Die klare Botschaft, die die AfD daraus machen muss, ist neben der Entlarvung der CDU vor allem die folgende: Wir mรผssen nicht so leben. Das Stadtbild hat sich verรคndert, sehr sogar, zum Schlechten, aber wir mรผssen nicht so leben, wir mussten es lange Zeit nicht, und wenn wir wollen, kรถnnen wir es auch so รคndern. Eine Wahlkampfbotschaft, die bewegt.
