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Die Transformation von Ostberlin

1. November 2025
in 3 min lesen

Von Hugo Rabe

Wer kennt sie nicht, die Erzรคhlung von den rechtsradikalen Berliner Stadtbezirken im Osten. Marzahn, Hellersdorf, Lichtenberg โ€“ das waren in den 1990er-Jahren Synonyme fรผr Glatzkรถpfe, Bomberjacken, Springerstiefel. Die sogenannten โ€žBaseballschlรคgerjahreโ€œ waren hier voll prรคsent. In einer politischen Situation, in welcher die Exekutive waffen- und machtlos war, blรผhte auf den StraรŸen zwischen den Plattenbauten die Gewalt.

Ob die Fans des BFC Dynamo, welche die Grenze zwischen Hools, Neonazis und Ultras verwischten oder die sogenannte โ€žbraune StraรŸeโ€œ in Lichtenberg, wo es immer schwierig war, nachts umzusteigen. Ostberlin war eine gefรคhrliche Zone. Nicht nur fรผr Migranten aus den ehemaligen Sowjetrepubliken oder Vietnam. Ins Visier gerieten ebenfalls Punks, Gruftis, oder einfach jene, die zur falschen Zeit am falschen Ort waren. Als Jugendlicher konnte man auf der einen StraรŸenseite von Neonazis Prรผgel kassieren und auf der anderen von den Russlanddeutschen.

In der zweiten Hรคlfte der 90er-Jahre kamen zunรคchst sogenannte โ€žRusslanddeutscheโ€œ in diese Gebiete. Diese waren nicht nur zahlreich, sondern hatten auch ein ganz anderes Verhรคltnis zu Gewalt. Der Berliner Professor Jรถrg Baberowski stellte mal die gut unterlegte These auf, dass es unterschiedliche โ€žRรคume der Gewaltโ€œ gรคbe. Nun, die zu uns kommenden Menschen mit deutschen Vorfahren, die Jahrzehnte, teilweise Jahrhunderte lang in einem anderen โ€žGewaltraumโ€œ sozialisiert wurden, belegten dies eindrucksvoll. Menschen wurden anlasslos geprรผgelt, mit Schreckschusswaffen wurden Jugendklubs von den Neonazis erobert und auf den StraรŸen tobten Kรคmpfe. Eine moderne Form von Revierkรคmpfen etablierte sich, bestimmte StraรŸen bildeten die Grenzen zwischen Gebieten der Neonazis und Migranten aus dem Osten.

In einem Sommer Ende der 90er-Jahre kulminierte die Spannung den konkurrierenden Gewaltgruppen. Die Glatzen waren in groรŸer Zahl angerรผckt, um auf der gegnerischen Seite der StraรŸe ihre โ€žArgumenteโ€œ schlagkrรคftig einzusetzen. Die Zuwanderer versteckten sich in Gebรผschen oder hinter Autos vor der Gewalt. Und die Anwohner, die damals oft genug selbst Opfer von migrantischer Gewalt geworden waren, riefen aus den erhรถhten Sichtpunkten der Fenster der Plattenbauten den Neonazis zu, wo sich die Russlanddeutschen versteckten.

Mit dem Aufkommen des zivilgesellschaftlichen Engagements um das Jahr 2000 herum, war das Ende der Zustรคnde in Ostberlin eingeleitet. Bereits 2010 gab es in den Bezirken praktisch keine eindeutig erkennbaren Neonazis mehr auf den StraรŸen. Zum einen hatte die Neonazi- und Skinhead-Subkultur stark an Attraktivitรคt verloren, zum anderen verรคnderte sich die Bundeshauptstadt und damit auch ihre „Problemviertel“ durch den demographischen Wandel und stetigen Zuzug rapide.ย 

Bis heute hat sich in weiten Teilen der Bundesrepublik โ€“ vor allem natรผrlich in den alten Bundeslรคndern โ€“ die Geschichte von den Neonazis in Ostdeutschland und vor allem in den genannten Berliner Bezirken erhalten. Es ist eine Urban Myth, deren Verbreitung den tatsรคchlichen Umstรคnden in diesen Bezirken bei weitem nicht mehr gerecht wird. Wenn man heute durch die Plattenbauten streift, bietet sich ein ganz anderes Bild. Gerade in den Bezirken, deren Einkommensverhรคltnisse eher zu Fertigpizza und River-Cola passen als zu Biosupermarkt und Hafermilch, wurden ab 2015 besonders viele Notunterkรผnfte und Asylbewerberheime aus dem Boden gestampft. Heute gibt es in Lichtenberg zwรถlf und in Marzahn-Hellersdorf zehn offiziell vom LAF Berlin gelistete Heime. Zum Vergleich: im gutbรผrgerlichen Bezirk Steglitz-Zehlendorf, welcher fast die doppelte Flรคche von Lichtenberg und die 1,6-fache von Marzahn-Hellersdorf umfasst, stehen ganze sieben Unterkรผnfte. Der sozial marginalisierte Osten der Stadt wurde auch bei der Verteilung der Migranten nochmal ins Visier genommen.

Das Ergebnis ist, dass das Bild der โ€žBaseballschlรคgerjahreโ€œ mit dem heutigen Stadtbild kaum noch etwas zu tun hat. Fรคhrt man mit den รถffentlichen Verkehrsmitteln durch diese Bezirke, ist man gerne mal der einzige deutsche Muttersprachler im gesamten Zug. Der Anteil der Einwohner mit Migrationshintergrund lag 2023 laut dem Amt fรผr Statistik Berlin-Brandenburg in Berlin im Schnitt bei 39,7 Prozent. Die Spitze bildet dabei Berlin-Mitte, wo mit 57,5 Prozent mehr als die Hรคlfte der Einwohner Migrationshintergrund hat. In Marzahn-Hellersdorf sind es 28,9 Prozent, in Lichtenberg 34,6. Den niedrigsten Wert hat รผbrigen Treptow-Kรถpenick mit 24,1 Prozent โ€“ also immerhin auch jedem Vierten!

Marzahn-Hellersdorf und Lichtenberg haben sich in wenigen Jahrzehnten von Bezirken, die massiv unter Neonazis litten, zu echten โ€žbuntenโ€œ Bezirken entwickelt. Dabei wird das Stadtbild wirklich von Angehรถrigen aller Herrenlรคnder geprรคgt. Man sieht die Vietnamesen, die schon immer da waren, Russen, Araber, Schwarzafrikaner. Und auch die Tschetschenen, bei denen man sich immer fragt, ob bestimmte Bevรถlkerungsgruppen vielleicht zurecht einen schlechten Ruf genieรŸen, sind leider inzwischen massiv in den ehemaligen Neonazi-Bezirken vertreten. Die Transformation der Berliner Bevรถlkerung schreitet fort. In der Innenstadt klatscht man wahrscheinlich vor Freude in die Hรคnde, dass die Ostbezirke nun zumindest nicht mehr von vermeintlichen Hetzjagden, rasierten Kรถpfen und weiรŸen Schnรผrsenkeln in schwarzen Stahlkappenstiefeln dominiert werden. Aber ob Kopftรผcher und dieย arabisch beschriftete Ladenfensterย wirklich ein schรถneres Stadtbild ergeben, muss jeder fรผr sich entscheiden. Fรผr die Menschen, die schon lรคnger dort wohnen, verliert (Ost-)Berlin jedenfalls seine Identitรคt.

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