Wie wir wissen, ist unser Staatsoberhaupt und Bundesprรคsident Frank-Walter Steinmeier einer der krudesten Auswรผchse der spรคtbundesrepublikanischen Dekadenz. Ich war noch zu jung, um ihn als Kanzlerkandidat gegen die bรถse Frau aus der Uckermark scheitern zu sehen (das war 2009…), aber ein Ausspruch von ihm hat sich wie kein anderer auf meine zerebrale Festplatte gebrannt: โWir leben heute in dem besten Deutschland, das es jemals gegeben hatโ, sagte er im Zuge seiner Rede zum 30. Jahrestag der deutschen Wiedervereinigung am 3. Oktober 2020 (auch das ist mittlerweile fรผnf… wir werden alt).
Abgewandelt als โdas beste Deutschland aller Zeitenโ ist es innerhalb der dissidenten Rechten zum geflรผgelten Wort geworden, angesichts der Frechheit, der Perfidie, mit der diese Worte ausgesprochen wurden. Vergessen wir nicht, dass an diesem Tag vor fรผnf Jahren das Land im Zuge der Corona-Pandemie von einer medialen Massenpsychose gegeiรelt wurde. Vergessen wir nicht, dass zu diesem Zeitpunkt die migrantische Invasion schon fรผnf Jahre zurรผcklag, dass Anschlรคge wie die von Magdeburg, Aschaffenburg oder Solingen noch lange nicht stattgefunden hatten, der Bogen aber schon lรคngst รผberspannt war. Und vergessen wir nicht, dass zu diesem Zeitpunkt den wirtschaftlichen Grundlagen fรผr den Wohlstand der Bundesrepublik โ das einzige massenbindende Versprechen, welches dieser Staat je aussprechen konnte und wollte und auch eingehalten hatte โ schon seit Jahren von der Politik, die auch ein Steinmeier stets mitgetragen hatte, nach und nach das Fundament entrissen wurde. Das โbeste Deutschland, das es jemals gegeben hatโ gibt es nicht mehr. Wann es genau war, ist streitbar: Ob 1871, 1550 oder 962, vollkommen egal, jede dieser Antworten ist besser als โ2020โ oder jeder andere Zeitpunkt, an dem Deutschland die Demรผtigung eines Steinmeier-Oberhauptes erdulden musste.
Und dieser Steinmeier provozierte nun am Sonntag, dem 9. November, in einer Rede zu ebenjenem Datum, welches auch als โSchicksalstag der Deutschenโ โ zumindest, was die jรผngere Geschichte betrifft โ bezeichnet wird. Die Hinrichtung des Revoluzzers Robert Blum 1848, die Ausrufung der Republik 1918, der Hitlerputsch 1923, der Scheitelpunkt der nationalsozialistischen Judenpogrome 1938 und der Fall der Berliner Mauer 1989: All diese Ereignisse fallen auf den 9. November.
Diesen Anlass nutzte Steinmeier in seiner Rolle als รผberforderter Bundesprรคsident, um an den Mainstream der Republik Folgendes zu appellieren:
โUnd aktuell bedroht durch rechtsextreme Krรคfte, die unsere Demokratie angreifen und an Zustimmung in der Bevรถlkerung gewinnen. Einfach abzuwarten, dass der Sturm vorbeizieht, und so lange in sichere Deckung zu gehen, das reicht nach meiner รberzeugung nicht. Zeit zu verlieren haben wir nicht. Wir mรผssen handeln. Wir kรถnnen handeln!โ
Wer beziehungsweise welche politische Organisation mit diesen Worten gemeint ist, ist allen klar. Es muss nicht ausgesprochen werden. Offensichtlich meint er die AfD, stellt sie angesichts des Kontextes in eine Reihe mit Ereignissen des 9. November, die weder etwas mit Mauerfall noch mit der Ausrufung einer Republik zu tun haben. Bernd Baumann, der Erste Parlamentarische Geschรคftsfรผhrer der AfD-Bundestagsfraktion, sagte dazu dem โHandelsblattโ: โNie hat ein Bundesprรคsident sein Amt so missbraucht.โ Man werde โin eine Reihe mit den Nazimรถrdernโ gestellt. Die Empรถrung ist berechtigt angesichts all dessen, wofรผr der Bundesprรคsident direkt und indirekt mitverantwortlich ist.
Generell ist der Ton des Staatsoberhauptes ungewรถhnlich ruppig, wie etwa auch die โWeltโ feststellte: โIn ungewรถhnlich scharfen Worten verurteilte Steinmeier in einer Rede das Erstarken rechtsextremer Krรคfte in Deutschland.โ Normalerweise ist Steinmeier, รคhnlich wie jene Frau, gegen die er damals verlor, ein Vielredner und Nichtssager, eben ein wahrer Kรผnstler, wenn es darum geht, mit vielen Wรถrtern wenige Worte zu gebrauchen. Das ist hier nicht der Fall, in dieser Rede braucht er keine Namen zu nennen, die nicht genannt werden mรผssen. Indirekt, aber deutlich, spricht er sich weiterhin fรผr ein Zusammenarbeitsverbot mit der teilweise stรคrksten Kraft in Umfragen sowie fรผr ein mรถgliches Parteienverbot derselben aus. Fรผr eine Figur, die politisch neutral zu sein hat in ihrem Amt, eine radikale Schรคrfe.
Schlieรlich stehen wir vor einem Scheidepunkt, der in dieser Rede so deutlich hervortritt, dass keine โUnsere-Demokratieโ-Scharlatanerie ihn mehr kitten kann. Der Bundesprรคsident ist verpflichtet, sich neutral zu verhalten, es sei denn, er kritisiert eine Partei, von der er glaubt, sie verlasse das demokratische Spektrum. Mit der unterstรผtzerschwachen NPD damals war das vielleicht machbar, aber dumm nur, dass die AfD mittlerweile ein Viertel der Bevรถlkerung hinter sich vereinen kann. Und ist das โ die Wahl durch den Souverรคn, der da das Volk ist โ, nicht das, was Partei und Demokratie erst zu legitimieren gedenkt? Wenn dem Souverรคn der Wille verwehrt wird, inwiefern ist er dann noch der Souverรคn? Und wie legitim ist dann das Amt noch, welches sich letzten Endes diesem Souverรคn unterzuordnen hat? Delegitimiert sich das Amt nicht irgendwann selbst? Leute wie Steinmeier stehen nun vor der Frage: Gestehen wir dem Souverรคn diesen Willen zu oder delegitimieren wir uns selbst โ und damit auch Amt und Staat? Quo vaditis, ihr, die ihr die krudesten Auswรผchse der spรคtbundesrepublikanischen Dekadenz seid?

Die „unterstรผtzerschwache NPD“ war wie man lรคngst weiร vor allem eines: Massiv vom Verfassungsschutz unterwandert und durchsetzt. Weshalb das gesamte Vorgehen gegen diese am Ende so grotesk zusammenkrachte wie das Celler Loch.
Nicht 2005, sondern 2009!