โWahreโ Putin-Versteher…? Jawohl. Es gibt von ihnen zwei Kategorien: Jene Zeitgenossen, die von Liberalen und Linken stets als Naivlinge denunziert werden, weil sie Ruรland und seinem Prรคsidenten gesprรคchsbereit begegnen, sowie jene, die fรผr sich in Anspruch nehmen, Putin lรคngst als skrupellosen Kriegstreiber entlarvt zu haben. Der CDU-Politiker Roderich Kiesewetter ist einer der aggressivsten Vertreter dieser Mainstream-Gruppe. In einer der letzten Maischberger-Sendungen wurde er mit einem seiner Zitate konfrontiert: โDer Krieg muร nach Ruรland getragen werden.โ Ministerien, Kommandoposten, Gefechtsstรคnde โ alles mรผsse angegriffen werden. Ob er das heute noch immer so sagen wรผrde, will Sandra Maischberger wissen. Antwort: โJa, sicher stehยด ich dazu. Es geht eben darum, daร man nicht nur auf die Pfeile schieรt, sondern daร man dahin geht, wo die Pfeile abgeschossen werden.โ Das werde mittlerweile gemacht, betonte Kiesewetter unter Hinweis auf die Ukraine โ โaber zu wenig.โ Das Problem sei, daร Deutschland Kiew viel zu wenig Waffen geliefert habe.
Heute fragt niemand mehr, wie in den neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts die Probleme der politisch, kulturell und sprachlich zweigeteilten Ukraine zu bรผrgerkriegsรคhnlichen Zustรคnden eskalieren konnten, die letztlich am 24. Februar 2022 zu Putins vรถlkerrechtswidrigem รberfall fรผhrten. Niemand fragt mehr, wieviel Schuld nicht nur Moskau, sondern auch die NATO und die Europรคer tragen. Im Westen hat die Diplomatie lรคngst ausgespielt; nicht Rรผckbesinnung auf Dialog und Verstรคndigung steht auf der Tagesordnung, sondern ein gefรคhrlicher Konfrontationskurs gegen Ruรland.
Anfang November warnte Verteidigungsminister Boris Pistorius mit Blick auf den russischen Angriff gegen die Ukraine erneut vor angeblich weitergehenden Absichten Moskaus. Der SPD-Politiker verwies auf der Bundeswehrtagung in Berlin auf Cyberangriffe und Desinformations-Kampagnen: โDas sind Vorboten. Es geht nicht mehr um abstrakte Szenarien. Ruรland rรผstet sich fรผr einen weiteren Krieg.โ Es sei kein Alarmismus, wenn er sage, โunsere Art zu leben ist in Gefahrโ. Angesichts vermehrter Drohnenflรผge รผber Belgien vermutete Pistorius einen Zusammenhang mit der auf EU-Ebene gefรผhrten Debatte รผber die mรถgliche Freigabe eingefrorener russischer Vermรถgenswerte von 140 Milliarden Euro. Aus diesen Geldern kรถnnten Hilfen fรผr die Ukraine finanziert werden, weil die Mitgliedsstaaten mittlerweile an ihre Grenzen stoรen. Pistorius erklรคrte hinsichtlich der Drohnen: โDas ist eine Maรnahme, die der Verunsicherung dienen soll, der Angstmacherei in Belgien: Wagt es bloร nicht, an die Assets zu gehen. Das kann man gar nicht anders interpretieren.โ ( Belgien, wo das Geld liegt, weigert sich bis heute aus rechtlichen Grรผnden, die mehr als fragwรผrdige Transaktion zu genehmigen.)
Generalinspekteur Carsten Breuer betonte in einem Interview mit dem „Redaktionsnetzwerk Deutschland“ (RND), daร man in der NATO auf Luftraumverletzungen โjederzeit reagierenโ kรถnne und fรผgte hinzu: โRuรland begreift Krieg als Kontinuum und denkt nicht in den Kategorien von Frieden, Krise und Krieg, wie wir dies machen. Diese hybriden Angriffe sind Teil dieses Kontinuums. Die Frontlinien verlaufen nicht mehr nur entlang von Staatsgrenzen.โ Belgiens Regierungschef Bart De Wever muรte indes bald einrรคumen, daร weder Polizei noch Geheimdienste direkte Beweise dafรผr gefunden hรคtten, daร Moskau fรผr die Drohnenflรผge verantwortlich sei, aber โsehr wahrscheinlichโ stecke ein staatlicher Akteur dahinter. Auch hier stellt sich die Frage: Da es Ruรland bis heute, also im bereits vierten Kriegsjahr, nicht gelungen ist, die Ukraine zu besiegen โ warum sollte Putin planen, demnรคchst einen der baltischen Staaten oder gar Polen anzugreifen und Krieg mit der NATO zu riskieren? Eine รผberzeugende Antwort sind die โwahrenโ Putin-Versteher bis heute schuldig geblieben.
Die westlichen Staaten, nicht zuletzt Deutschland, sollten statt dessen รผberlegen, ob es nicht allmรคhlich an der Zeit ist, sich um die inneren Angelegenheiten der Ukraine zu kรผmmern. Im Korruptionswahrnehmungs-Index von โTransparency Internationalโ belegte Kiew 2024 den 105. Platz unter 180 Staaten, wobei das Land auf dem ersten Platz als jenes mit dem ehrlichsten รถffentlichen Sektor gilt. Der Leiter einer Ukraine-Mission des Internationalen Wรคhrungsfonds (IWF) erklรคrte, die Bekรคmpfung der Korruption sei ein entscheidender Test fรผr die weitere internationale Unterstรผtzung. Diesen Test hat Kiew nicht bestanden. Gerade ist der grรถรte Korruptionsskandal unter dem seit 2019 amtierenden Prรคsidenten Wolodymyr Selenskyj aufgedeckt worden.
Mindestens acht offiziell Beschuldigte sollen beim staatlichen Atomenergiekonzern โEnergoatomโ bei sรคmtlichen Geschรคften bis zu 15 Prozent Bestechungsgeld erhalten und so mindestens 100 Millionen Dollar (86 Millionen Euro) eingenommen haben. Unter den Beschuldigten befinden sich der langjรคhrige Energieminister Herman Haluschenko, Ex-Vizeregierungschef Oleksi Tschernyschow und der enge Selenskyj-Freund Timur Minditsch. Tschernyschow setzte sich rechtzeitig vor der Verhaftung zu seiner Familie nach Mรผnchen ab. Auch Minditsch floh Stunden vor der Durchsuchung ins Ausland. Wohl nie wird der deutsche Steuerzahler erfahren, wie viele seiner bislang an Kiew รผberwiesenen mehr als 70 Milliarden Euro im Korruptionssumpf der Ukraine verschwunden sind.


Hinzu kommt noch eine (kleine?) Fraktion der Putin-Verehrer, deren Motto lautet: Der Feind meines Feindes ist mein Freund. Einige produzieren Denkschriften und Gedenkmรผnzen fรผr ihr Idol. Andere erhoffen sich von Putin „nochmal die Befreiung vom Faschismus“ (O-Ton auf einer Berliner Demo).
Insgesamt ist die sachliche Analyse der Lage und der Interessen aller Beteiligten weggeschwemmt worden durch einen rรผden Emotionalismus, wie er mittlerweile die groรen Politikfelder dominiert. Das Freund-Feind-Denken hat fast alle Lager kontaminiert. Hinter dem allgemeinen Herumgeschnauze lassen sich dann unbemerkt ganz andere Interessen bedienen, die nicht so offensichtlich werden wollen. Erinnert irgendwie an Corona, Klima oder Migration.
Um Dinge im Inneren durchzusetzen die unter normalen Umstรคnden nie mรถglich wรคren braucht es einen groรen Feind von auรen. Unter der damit provozierten Einigkeit kann man dann unbemerkt seine eigene Agenda vorantreiben.
Auf die Frage „Sind Sie Putin-Versteher?!?“ gibt es im Grunde nur eine richtige Antwort: „Nein, aber ich wรคre gern einer.“
Denn nur wer versteht kann angemessen einordnen und handeln, aber dazu mรผรte man wissen was hinter verschlossenen Tรผren vor sich gegangen ist. Der Fall Prigoschin wird nur eine Spitze vom Eisberg sein.
Sehr guter Artikel und Kommentar darunter. Danke. Es ist immer besser, und auch wirklich ermรคchtigend, eigene Rollen an Krisen und Kriegen (auch privat) zu beleuchten und dort รnderungen vorzunehmen. Dazu gehรถrt auch die westliche Auรenpolitik seit 1990, und die verfehlte deutsche Sicherheits- und Energiepolitik seit 2010. Mit keinem Land haben wir unsere Beziehungen verbessern kรถnnen. Und die EU haben wir auch nicht reformiert. Das muss man mal wahrnehmen. Und eben รคndern – und nicht unter angeblichem Kriegsdruck verschwinden lassen.