Dass sich die geopolitische Tektonik verschiebt, ist seit Jahren sichtbar – doch Europa reagiert darauf noch immer zu zögerlich. Die strategische Neuausrichtung der Vereinigten Staaten hin zum Indopazifik hat längst begonnen. Washington betrachtet den aufstrebenden asiatisch-pazifischen Raum als künftiges Zentrum globaler Machtpolitik. Für Europa bedeutet das: Wir können uns nicht mehr darauf verlassen, dass amerikanische Truppen im Ernstfall automatisch und unbegrenzt zu unserer Verteidigung zur Verfügung stehen. Und falls gerade ein „Dealmaker“ wie Trump Präsident sein sollte, wenn es Spitz auf Knopf steht, wird Europa eine etwaige Hilfeleistung wohl teuer zu bezahlen haben. Wer in Frieden und Freiheit leben möchte, darf sich nicht blind auf einen so unsicheren Kantonisten verlassen, wie es die USA mittlerweile geworden sind. Europa muss selbst abwehrbereit werden. Schwatzen können wir schon. Jetzt ist es Zeit, dass wir laufen lernen. Wir müssen von nun an ohne den großen Bruder in Übersee auskommen.
Zudem ist die NATO ein Verteidigungsbündnis, das auf Einstimmigkeit und nationale Entscheidungen angewiesen ist. Das bedeutet im Ernstfall Zeitverlust. Und Zeit ist im Angriffsfall häufig die entscheidende Währung! Zudem verpflichtet der Artikel 5 des Nordatlantikvertrags die NATO-Mitgliedsstaaten keineswegs dazu, militärisch „all in“ zu gehen, wenn ein NATO-Land angegriffen wird. Er schreibt lediglich vor, dass jeder Mitgliedsstaat „die Maßnahmen ergreift, die er für notwendig hält“. Theoretisch könnte es also darauf hinauslaufen, dass die Bundesrepublik Deutschland im Kriegsfall 5000 Helme ins Baltikum schickt. Eine vertragliche Garantie automatischer, nennenswerter militärischer Unterstützung existiert also nicht.
Genau deshalb braucht die Europäische Union ein eigenes, zweites Verteidigungsbündnis – eines, dem ausschließlich EU-Mitgliedsstaaten angehören und das unabhängig, aber komplementär zur NATO agiert. Und dieses Bündnis braucht ein militärisches Rückgrat: eine europäische Armee, die sofort handlungsfähig wäre, sobald ein Mitgliedsstaat angegriffen würde.
Die Idee ist so einfach wie naheliegend: Während nationale Parlamente im Fall eines Angriffs auf einen – möglicherweise eher „unbedeutenden“ – EU-Mitgliedsstaat erst debattieren würden, ob und welche Truppen entsandt werden sollen, wäre eine europäische Armee bereits im Einsatz, um den Angriff gemeinsam mit den Streitkräften des angegriffenen Landes abzuwehren. Sie wäre das schnelle Erstreaktionsinstrument Europas – eine Art Feuerwehr zur sofortigen Brandbekämpfung. Eine europäische Armee wäre kein Ersatz für nationale Armeen, sondern deren notwendige Ergänzung – eine schnelle Eingreiftruppe, deren Mitglieder sich alle freiwillig gemeldet und feierlich gelobt hätten, dass sie dazu bereit seien, jeden Mitgliedsstaat der EU zu verteidigen, sollte dieser angegriffen werden.
Entscheidend ist, dass diese Armee nicht auf Zwang beruhen dürfte. Kein Staat sollte verpflichtet sein, Personen zu rekrutieren, die gegen ihren Willen in einer solchen multinationalen Streitkraft dienen. Zudem müsste sichergestellt sein, dass die europäische Armee ausschließlich zur Verteidigung der einzelnen EU-Mitgliedsstaaten, nicht aber für Peace-Keeping-Missionen und Regime-Change-Kriege herangezogen werden dürfte. Auch wäre eine vertraglich vereinbarte Obergrenze der Sollstärke denkbar. Das Englische als einzige Befehlssprache würde Reibungsverluste minimieren. Ein nachgewiesenes Sprachniveau von C1 für Offiziere und Unteroffiziere sowie B1 für einfache Soldaten wäre das absolute Minimum, um im Gefecht klare Kommunikation sicherzustellen.
Natürlich würde eine europäische Armee mit den Armeen der europäischen Nationalstaaten um Freiwillige konkurrieren, aber an einer Wiedereinsetzung der Wehrpflicht führt mittelfristig ohnehin kein Weg vorbei, da ein Aufwuchs der Truppe anders nicht möglich sein wird, wenn man nicht damit beginnen möchte, wie Russland oder die Ukraine in Gefängnissen zu rekrutieren.
Kaum ein Ort macht deutlicher, wie verletzlich Europa tatsächlich ist, als die Suwałki-Lücke im Dreiländereck Litauen-Polen-Belarus. Dieser nur rund 65 Kilometer breite Korridor zwischen Polen und Litauen trennt das russische Gebiet Kaliningrad von Weißrussland. Strategen bezeichnen ihn seit Jahren als Achillesferse der NATO. Sollte ein Angreifer diesen Landstreifen rasch besetzen, wären die baltischen Staaten vom Rest Europas abgeschnitten. Eine schnelle Reaktion wäre dann entscheidend – und genau hier zeigt sich die strukturelle Schwäche des heutigen Systems.
Die Verteidigung der Suwałki-Lücke ist ein Wettlauf gegen die Zeit. Nationale Entscheidungswege, Konsultationen im Bündnisrat und politische Hürden könnten im Ernstfall wertvolle Stunden, möglicherweise sogar Tage oder gar Wochen kosten, bis eine Entscheidung gefällt wird. Eine europäische Armee dagegen könnte ohne langwierige Mandatsfragen sofort eingreifen. Boots on the ground. Sie könnte blitzschnell verlegen, wenn Teile der europäischen Armee nicht ohnehin schon im Baltikum stünden. Eine eigenständige europäische Verteidigung würde die Europäische Union zugleich zu einem ernstzunehmenden Akteur auf dem internationalen Parkett machen – und zu einem Partner, der auf Augenhöhe mit den USA verhandeln und zugleich Verantwortung übernehmen könnte, anstatt sie nur dauernd einzufordern.
Die Vorstellung, dass Kriege in Europa der Vergangenheit angehören, ist spätestens seit 2014 obsolet. Die Frage ist nicht mehr, ob wir abwehrbereit werden müssen, sondern wie wir es werden wollen. Eine europäische Armee wäre der logischste und konsequenteste Schritt: politisch legitimiert, militärisch effizient und strategisch notwendig. Die kommenden Jahre werden zeigen, ob die Mehrzahl der Europäer bereit sein werden, diesen Schritt zu gehen – weg von der Illusion der Sicherheit, hin zu ihrer tatsächlichen Gewährleistung. Die Zeiten ändern sich. Europa muss sich mitverändern. Denn wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.


Ich bin zuversichtlich, dass sich Frau von der Leyen und ihre EU-Kollegen auch dieses Themas in bewährter Weise annehmen werden.
Zuerst einmal braucht es ein Europa aus souveränen Länder die konstruktiv zusammenarbeiten. Die heutige Brüsselokratur die nur noch ein Moloch des Wetteiferns um maximale Selbstbereicherung ist stellt hingegen das genaue Gegenteil dar.
Die Einschränkungen wurden genannt. Keine „regime changes“ u.ä. Wie realistisch ist das unter der derzeitigen und absehbaren Führung der EU? Eben! Und wie viele Männer, die wirklich kämpfen wollen und können, würden für diese Struktur EU wirklich den Kopf hinhalten? Dafür dass sie beschimpft werden? Dass sie an allem Schuld sein sollen, dafür dass sie in 15 Minuten Städten unter irrsinnigen CO2 Steuern vor sich hinvegetieren sollen? Mal ganz ehrlich: Wäre es unter Putin so viel schlechter? Oder sogar besser? (klar, wenn man die Klappe zu weit aufmacht ist man weg – aber wird das in der EU in Zukunft so viel anders laufen? Immerhin günstige Energie und kein Genderquatsch gäbe es unter P.). Also, da müsste sich extrem viel verändern, dass ich bereit wäre einen Finger für die EU zu rühren
Ich habe selten ein so wenig durchdachten Beitrag in der Krautzone gelesen. Zunächst gehört zu einer einvernehmlichen Verteidigungspolitik, zu der ja wohl eine effiziente Armee gehört, zunächst eine einheitliche Außenpolitik. Von einer solchen kann ja wohl zwischen den europäischen Staaten keine Rede sein – und damit meine ich nicht nur das kleine Ungarn ! Da es solche gemeinsame Interessen der maßgeblichen Staaten schon aufgrund ihrer unterschiedlichen Vergangenheiten nicht gibt – wer bitte schön soll denn diese zusätzliche europäische Armee managen und ihren schnellen (!) Einsatz befehlen ? Wer entscheidet ob ein wirklicher unprovozierter Angriff vorliegt – vielleicht demnächst KI ? Selbst nach Jahrzehnten – wenn nicht Jahrhunderten – streitet man sich noch über Schuldige für einen Krieg(-sbeginn). Man erinnere sich dazu bitte an die sehr richtige Äußerung des damaligen israelischen Bonner Botschafte Asher-Ben-Nathan zum Sechstagekrieg der Israelis gegen seine arabischen Feinde: „Es kommt nicht darauf an wer den ersten Schuß abgibt sondern was diesem vorangegangen ist !“ Und da soll es einen Automatismus für ein militärischen Einsatz geben ? Besonders naiv ist darüberhinaus noch die Vorstellung, daß die europäischen Staaten – allen voran Deutschland – mit ihren idiotitischen Wirtschaftspolitiken sich zusätzlich zu ihren nationalen Armeen noch eine zusätzliche europäische leisten könnten. Das ist schon fast Kabarett-reif. Damit widerspreche ich ausdrücklich nicht der Sicht auf eine neuerlich multipolare Geopolitik. Aber dieser „Verteidigungs“-Vorschlag des Autors dazu ist leider ziemlich unausgegoren…
Der Artikel ist schon durch das provokative Zeigen der EU-Flagge sofort als Feindpropaganda erkennbar, erst recht durch die Überschrift und natürlich durch den Inhalt! Wer ausländische Truppen – und das sind EU-Truppen nun einmal – in Deutschland stationieren will, steht nicht auf unserer Seite, sondern auf Seiten des Gegners! In Mitteldeutschland dürfte eine solche Stationierung zudem noch gegen den 2+4-Vertrag verstoßen. Außerdem, wie soll irgend eine Armee ein Gebiet „verteidigen“, dessen Grenzen seit Jahrzehnten sperrangelweit offenstehen und deren Mehrheitsbevölkerrung ausweislich ihres Wahlverhaltens und ihres mehrheitlich ausgeübten Medienkonsums immer wieder bekundet, kollektiven Selbstmord begehen zu wollen?!
Das ich nicht lach, ja genau, die Eu soll’s richten, funktioniert jetzt schon super;) Von einem selbst bezeichneten *Libertären* aus den usa hätt ich mir mehr a la 2nd Amendment und Milizheer erwartet.
Aber he vielleicht ist es einfach nur der Wunsch nach einem Platz an der Sonne..
Eine Milizarmee auf nationaler Ebene widerspricht doch dem hier geäußerten Vorschlag der Aufstellung einer ausschließlich aus Freiwilligen bestehenden schnellen Eingreiftruppe in keinster Weise. Und natürlich bin ich für eine Liberalisierung des Waffenrechts nach Schweizer und US-Vorbild.