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Aber warum?

29. Januar 2026
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โ€žDoch einer von ihnen fiel uns besonders ins Auge, der in der Mitte. Er wollte weder zu den Futterplรคtzen am Rande des Eises gehen noch zur Kolonie zurรผckkehren. Kurz darauf sahen wir ihn direkt auf die etwa 70 Kilometer entfernten Berge zulaufen. Dr. Ainslie erklรคrte, dass er, selbst nachdem er ihn einfinge und zur Kolonie zurรผckbrรคchte, sich sofort wieder in Richtung der Berge aufmachen wรผrde. Aber warum?โ€œ

Mit diesen Worten kommentierte der Regisseur Werner Herzog โ€“ hier frei aus dem originalen Englisch รผbersetzt โ€“ das sonderbare Verhalten eines vermutlich desorientierten oder gestรถrten Pinguins, den Herzog im Rahmen der Filmarbeiten fรผr seine Dokumentation โ€žBegegnungen am Ende der Weltโ€œ (โ€žEncounters at the End of the Worldโ€œ) aus dem Jahre 2007 aufnahm.

Im Januar 2026, knapp 20 Jahre spรคter, wurde diese Szene, unterlegt mit einer Orgelversion des Songs โ€žLโ€™amour toujoursโ€œ von Gigi Dโ€™Agostino, als โ€žNihilist Penguinโ€œ (โ€žNihilistischer Pinguinโ€œ) zu einem weitverbreiteten Internetphรคnomen und Meme โ€“ vor allem im rechten Feed auf Twitter und Instagram.

Mir persรถnlich ist dieser Pinguin in diesem Rahmen begegnet, ich wurde, wie viele andere auch, tagelang โ€“ vermutlich jetzt immer noch โ€“ damit bombardiert. Das Meme wurde sogar so bekannt, dass selbst die Mainstreampresse nicht um es herumkam und darรผber berichten musste. Und auch Linke mussten sich mit dem Pinguin und der rechten Begeisterung fรผr den Polarvogel auseinandersetzen, ohne zu verstehen, welche Gefรผhle und Emotionen er beim politischen Gegner auslรถst, sodass auch sie nur mit der Frage zurรผckblieben, die sich Werner Herzog im Originalfilm schon gestellt hatte: โ€žBut why?โ€œ

Das Warum ist in der Tat eine gute Frage. Im Verhalten des Pinguins drรผcken sich Gefรผhle und Bedรผrfnisse aus, die die politische Rechte schon seit Jahren in sich trรคgt und die mit jedem Tag stรคrker werden: Die Ermรผdung durch die Stagnation, das ewige โ€žNothing ever happensโ€œ und das daraus resultierende Bedรผrfnis, dieser Ermรผdung zu entkommen.

Dem erdrรผckenden SchoรŸe des Kurzhaar-Feministinnen-Matriarchats in Form von Managerwirtschaft und Sozialstaat, Erhobener-Zeigefinger-Pรคdagogik und politischer Korrektheit, das einen zwar wรคrmen mag, dessen Wรคrme aber die wahre Bestimmung des jungen Mannes verkรผmmern lรคsst, zu entfleuchen und stattdessen in die Berge, das groรŸe Unbekannte zu ziehen und damit das alte, bekannte und sichere, aber morsche Gebilde โ€“ die Fischgrรผnde am Rande des Eises und die Kolonie โ€“ hinter sich zu lassen, und wenn es den Tod bedeuten sollte: Dafรผr steht dieser Pinguin. Eine uralte Wanderlust wird da in einem geweckt, wie sie sich unter anderem in der Romantik in Form von Gedichten und Gemรคlden ausdrรผckte, aber auch im Zuge der Raumfahrt, der Entdeckerreisen der Frรผhen Neuzeit oder der Kreuzzรผge auslebte. Man kรถnnte darin also auch etwas spezifisch Faustisches erblicken.

Das Schรถne an rechten Memes ist, dass sie eigentlich nicht erlรคutert werden mรผssen: Diejenigen, die sie nicht verstehen und damit auch nicht verstehen sollen, betrachten sie rat- und ahnungslos, diejenigen, die sie verstehen, verstehen sie ohne Erklรคrung sofort. Beim Pinguin war es genauso: Als ich ihn das erste Mal sah, wusste โ€“ fรผhlte โ€“ ich sofort, was es damit auf sich hat. Meine Erklรคrung des Memes im vorherigen Absatz hat daher einen unschรถnen entmystifizierenden Effekt, der die Wirkkraft dieses Memes schwรคcht. Daher trug auch der Umstand, dass rechte Parteien und Organisationen dieses Video aufgegriffen hatten, zur Entzauberung desselben bei.

So schrieb der Account der AfD im EU-Parlament:

Und auch das WeiรŸe Haus unter Donald Trump verรถffentlichte einen Post in Bezug auf die aktuelle Grรถnlandpolitik der Vereinigten Staaten:

Es ist schon ein positives Zeichen, wenn die vermeintlichen Vertreter der Rechten in Politik und Regierung Dinge aufgreifen, die in der rechten Blase einen hohen Bekanntheitsgrad erlangen, und doch trรคgt es dazu bei, dass das Pinguin-Meme die ursprรผngliche avantgardistische Wirkung wieder verliert โ€“ gerade weil es dann auch noch fรผr so eine banale Sache wie die Grรถnlandkrise als Aushรคngeschild dienen muss.

Umso amรผsanter jedoch ist das vรถllige Unverstรคndnis der Linken fรผr dieses Meme. Auf Reddit etwa, einem fรผr seine linken Nutzer bekannten Forum, erklรคren sich die Leute den Pinguin mit dessen geistiger Verwirrung oder einer flachen, linken Konsumkritik.

In den Mainstreammedien wiederum machte man sich รผber den bereits erwรคhnten Post des WeiรŸen Hauses lustig, denn: Pinguine leben ja gar nicht in Grรถnland, sondern eben am Sรผdpol! Ach so, wusste natรผrlich niemand. Dass es eben nicht um den Lebensraum des Pinguins geht, sondern um das, was sein Streben Richtung der Berge symbolisiert, hat man โ€“ bewusst oder unbewusst โ€“ nicht verstanden. Auch hat man beim โ€žMerkurโ€œ (im รœbrigen ein CSU-nahes Medium) auch das โ€žEmbrace the penguinโ€œ falsch รผbersetzt: Der Pinguin soll nicht โ€žumarmtโ€œ werden, wie im Artikel behauptet wird, sondern ihm soll gehuldigt werden. So lรคsst sich auf das โ€žBut why?โ€œ der Linken eben nur eines antworten: โ€žYou wouldnโ€™t get itโ€œ โ€“ โ€žIhr wรผrdet es nicht verstehen…โ€œ

4 Comments Schreibe einen Kommentar

  1. Schรถn und gut. Ich denke, dass auch Sie der Szene die Hรคrte und die Kรคlte nehmen. Fรผr mich bedeutet die Szene nicht Wanderlust oder Entdeckerreise, auch Faustisch greift zu kurz, denn der Tod ist hier nicht nur mรถglich, sondern gewiss. Und dennoch: Er geht den Weg, auf dass er lebe, an des reinen รœberlebens statt. Bedingungslose Suche nach Erkenntnis macht immer einsam.

  2. Ich verstehe das Meme sofort. Dennoch ist der nihilistische Drang ja nichts, woran man sich wirklich freuen kann. Denn auch dem einzelnen Mann wird es mal einsam in der Wildnis. Seine Fรคhigkeiten sind ja zum Dienen da, dem Schรผtzen und Fรผhren von Schwรคcheren. Natรผrlich ist das heutzutage sehr schwierig geworden, weil die Schwรคcheren selber fรผhren und die Stรคrkeren nur ausnutzen wollen. Das ist alles klar. Doch wir brauchen eben ein neues Miteinander – jenseits von matriarchaler Stagnation und Behรผtet-Sein, aber diesseits von einem jeder-fรผr-sich-alleine. Ein gegenseitiges Dienen, so wie Gott es gewollt hat. Christus und Maria sind die Prototypen dieser Mรคnner und Frauen.

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