Von C. A. Hoffmann
Haben Sie schon mal vom โKleinen Knabenkrautโ gehรถrt? Vermutlich nicht, wenn Sie nicht als passionierter Hobbybiologe Ihre kostbare Freizeit mit dem Studium von seltenen Orchideenarten verbringen. Die kleine, circa 10 bis 50 Zentimeter groรe Pflanze taugt zwar nicht zum Anbau im Wintergarten, strahlt aber mit ihren spitzen lila Blรคttern durchaus eine schlichte Eleganz aus. Sofern Sie allerdings beruflich an der Planung und Umsetzung von Infrastrukturprojekten beteiligt sind, ist jede Begegnung mit Anacamptis morio ein absoluter Albtraum. Denn wer bei der Konzeption einer neuen Straรe, Bahn- oder Wasserstraรe auf eines der 4.500 FFH-Schutzgebiete (โFauna-Flora-Habitat-Gebieteโ, immerhin 9,3 Prozent der Landflรคche) oder direkt auf Kammmolch, Haselmaus oder Ziegenmelker trifft, kann sich sicher sein, dass er die Fertigstellung seines Projekts vor dem Renteneintritt nicht mehr erleben wird โ und zwar auch dann nicht, wenn die Politik den Boomern notgedrungen irgendwann die Rente mit 63 wieder streicht.
An notwendigen Projekten mangelt es im marodesten Deutschland aller Zeiten, in dem Brรผcken kollabieren und die Bahnverspรคtung Kultstatus genieรt, natรผrlich nicht. Schlieรlich reichen die Investitionen des Bundes trotz Rekordschulden aktuell gerade so aus, um den Verfall des Anlagevermรถgens zu stoppen. Dass das โSondervermรถgen Infrastrukturโ ein gigantischer Verschiebebahnhof ist, mit dem Milliarden Euro aus dem Kernhaushalt abgezwackt und in Schuldentรถpfe verschoben werden, damit Mรผtterrente, Agrardiesel und Bรผrgergeld weiter flieรen kรถnnen, haben versierte Kenner des politischen Betriebs natรผrlich erwartet.
Die Unverfrorenheit, mit der die Regierung die Autobahngesellschaft zunรคchst mit kรผmmerlichen 500 Millionen Euro abspeisen wollte und bei der Wasserstraรen- und Schifffahrtsverwaltung sogar den Rotstift ansetzte, schockierte selbst erfahrene Branchenveteranen dann doch. Erst ein branchenweiter Aufschrei sorgte fรผr Korrekturen im Haushaltsentwurf, und ein paar mรผde Mark hat die Koalition dann doch noch irgendwie in einer Schatulle gefunden. Aber was wรผrde ein solches โSondervermรถgenโ Infrastruktur bringen, selbst wenn man es denn wirklich zusรคtzlich aufwenden wรผrde? Die Antwortet lautet: nichts. Und zwar aus politischen wie auch aus รถkonomischen Grรผnden.
Kehren wir zurรผck zum Kleinen Knabenkraut. Ein auf zwรถlf Jahre angesetztes Sondervermรถgen bringt kein neues Projekt ins Laufen, wenn die Planungsdauer von Infrastrukturprojekten in Jahrzehnten gemessen wird. Beispiel gefรคllig? Fรผr die Elbquerung der geplanten A20-Verlรคngerung sind vier Planfeststellungsabschnitte (jeweils zweimal Tunnel und zweimal Zubringerstrecke) vonnรถten. Zwar hat der Tunnel die nรถtigen Hรผrden genommen, aber die Zubringer fehlen weiterhin. Und weil der Planfeststellungsbeschluss fรผr den Tunnel auf niedersรคchsischer Seite schon 2016 erlassen wurde, droht dieser absehbar schon wieder zu verfallen โ denn die Gรผltigkeit ist inklusive Verlรคngerung nach 15 Jahren spรคtestens abgelaufen. Begonnen wurde mit dem Raumordnungsverfahren รผbrigens 2007.
Wer jetzt glaubt, dass in der grรผn-versifften BRD nur klimaschรคdliche Autobahnprojekte ausgebremst werden, der irrt. Bahnprojekte wie der Brennernordzulauf oder Wasserstraรenprojekte wie das VDE Nr. 17 (steht รผbrigens fรผr โVerkehrsprojekte Deutsche Einheitโ und ist demnach vor knackigen 35 Jahren konzipiert worden) sind genauso betroffen. Nur bei Brรผcken (zwei bis drei Jahre) und Schleusen von รถkologisch weitestgehend unbedeutenden Kanรคlen (fรผnf bis acht Jahre) bewegt man sich in noch einigermaรen รผberschaubaren Zeitrรคumen.
Weil die รถffentlichen Bauverwaltungen und insbesondere die Deutsche Bahn mit der Vorbereitung, Planung und Genehmigung von Infrastrukturprojekten immer hรคufiger รผberfordert sind, werden die Bauunternehmen zunehmend genรถtigt, schon in der Planungsphase in die Projekte einzusteigen, damit ab und zu รผberhaupt noch ein grรถรerer Auftrag ausgelรถst werden kann.
Wer sich zwecks Vorbereitung einen รberblick รผber die Regulierung verschaffen will, blickt in ein vรถllig verknotetes Korsett aus vรถlkerrechtlichen Vertrรคgen wie der Aarhus-Konvention, EU-Naturschutzrichtlinien (Vogelschutzrichtlinie, FFH-Richtlinie, Wasserschutzrichtlinie), detailversessener Bundesgesetzgebung und hรถchstrichterlicher Rechtsprechung, die bei Gelegenheit gerne auch noch mal eine Schippe drauflegt. Sind die Unterlagen endlich aufbereitet, ist die zustรคndige Sachbearbeiterin in der Landesgenehmigungsbehรถrde leider seit drei Jahren krankgeschrieben. รndert der Gesetzgeber jetzt das Recht, dรผrfen Sie gerne unter der Berรผcksichtigung des neuen Regulierungsrahmens wieder von vorne anfangen.
Wenn Sie an dieser Stelle ein Dรฉjร -vu haben und sich an die Diskussionen รผber Dublin III, Grundgesetz, Genfer Flรผchtlingskonvention oder EMRK-Rechtsprechung im Kontext von Migration denken, liegen Sie รผbrigens goldrichtig. Dass die BRD heute in Mehltau und Reformunfรคhigkeit erstickt, liegt nicht nur an der kleinbรผrgerlichen Spieรigkeit ihres Funktionรคrsapparats, sondern ist auch Ergebnis eines jahrzehntelangen Prozesses, in dem man zunรคchst Gesetzgebungskompetenz auf internationale Ebene verlagert hat (โeuropรคische Harmonisierungโ), die dort entstandenen Richtlinien mit deutscher Penibilitรคt umgesetzt (โGold-Platingโ) und anschlieรend NGOs finanziert und mit umfangreichen Klagerechten ausgestattet hat (โZivilgesellschaftโ). Wenn Sie sich mit sechs Freunden zusammentun und einen Umweltverein grรผnden, kรถnnen Sie theoretisch gegen jedes Infrastrukturprojekt in Deutschland klagen โ und das ganz ohne persรถnliche Betroffenheit. Praktisch, oder?
Von den 500 Milliarden Euro, die in Wahrheit nur 300 Milliarden sind, weil Klimagedรถns und Kai Wegners Weltoffenheit ebenfalls mitfinanziert werden wollen, bleiben real noch viel weniger รผbrig, denn nach einem Jahr Raumordnung, zwei Jahren Variantenvergleich und Vorentwurf, zwei Jahren Entwurfsplanung, drei Jahren Genehmigung und einem weiteren Jahr fรผr Ausfรผhrungsplanung und Vergabe sind 75 Prozent der Laufzeit des Sondervermรถgens bereits abgelaufen und die Kohle mutmaรlich mit vollen Hรคnden fรผr andere Dinge zum Fenster herausgeworfen, bevor dann endlich die ersten Bagger anrollen, um die neue Brรผcke zu errichten, die dann pรผnktlich zum Ablauf des Sondervermรถgens eingeweiht werden kann.
Hinzu kommt: Wer in einen Markt ohne Kapazitรคten auf einen Schlag Milliarden reingieรt, heizt lediglich die Inflation an. Besonders eindrucksvoll lรคsst sich dies im Bahnbereich feststellen, wo nach jahrzehntelangem Sparkurs in vielen Schlรผsselgewerken kaum noch Wettbewerb herrscht. Personal wurde abgebaut, und Kapazitรคten fรผr Groรprojekte sind nur noch spรคrlich vorhanden. Wer beispielsweise im Gewerk Leit- und Sicherungstechnik Ausschreibungen vornimmt, hat noch die รผppige Auswahl zwischen zwei Anbietern. Neue Gleisbauzรผge mรผssen regulierungsbedingt jahrelange Zertifizierungsverfahren durchlaufen. Die unter dem Schlagwort โKorridorsanierungenโ bekannten Groรprojekte verteuern sich deshalb in astronomischen Ausmaรen gegenรผber den politisch kommunizierten Kostenschรคtzungen.
So explodierten beispielsweise die Kosten fรผr die Sanierung der Riedbahn zwischen Mannheim und Frankfurt von 500 Millionen auf fast 1,5 Milliarden Euro. Nicht weiter vertieft werden kann an dieser Stelle das katastrophale Projektmanagement der Bahn, die in Sachen Baustellenvorbereitung ungefรคhr genauso unprofessionell und unzuverlรคssig ist wie in der Organisation des Personenverkehrs.
Egal ob wir รผber die DB, die Bundeswehr oder das Justizwesen sprechen: Ein strukturell dysfunktionales System lรคsst sich nicht dadurch reparieren, dass man es mit Steuergeld flutet. Und: Wer wirklich substanzielle Verรคnderungen will, muss den manageriellen Staat und den dysfunktionalen Parteieninkrementalismus zerschlagen. Fรผnf Planungsbeschleunigungsgesetze wurden seit 2010 erlassen โ ohne jeden Effekt in der Praxis.
So kรถnnen Nachtschwรคrmer, Moorfrosch und Zauneidechse erst mal aufatmen. Es fรคhrt vorerst kein Zug nach Nirgendwo โ egal ob auf Rรคdern oder auf Magneten. Eines nimmt aber ungebremst zu. Der unaufhaltsame Niedergang einer einst stolzen Technik- und Industrienation setzt sich auch auf dem Gebiet der Transport- und Mobilitรคtswirtschaft nahtlos fort.
Der Autor steuert Verkehrsinfrastrukturprojekte bei einem groรen deutschen Bauunternehmen. Ausschlaggebend fรผr den Entschluss, diese Zeilen zu verfassen, war neben dem alltรคglichen Wahnsinn im Projektgeschรคft ein Besuch in der Transrapidversuchsanlage Emsland. Der schรคndliche Umgang der Bundesrepublik mit diesem Industriedenkmal lรถste einen weiteren inneren Radikalisierungsschub aus, den er vor seinen Kollegen nur noch pro forma kaschiert.


mehr davon! Interessant zu lesen.
Genial und schรถn mal etwas zu anderen Themen zu lesen.
Gebt dem Mann eine Kolumne.
Super Artikel!
Schlieรe mich den Kommentaren an.
Mehr davon !
Sehr interessant.
Danke.
Ps: schade nur , dass es “ uns“ auf unserer Seite nur weiter bestรคtigt, wรคrend “ die anderen“ , keine Kapazitรคten frei haben um sich mit all den Plagen so vernรผnftig und tiefgrรผndig auseinandersetzen zu kรถnnen.
Ganz abgesehen von denjenigen welche ideologisch gefรคrbt schon gar nicht in der Lage sind das Drama zu erkennen.
Ich habe 2 liebe Freunde . Beide Vรคter von 2 Kindern inklusive intakter Familie, gesunden Werten usw..
Die haben keine Kraft mehr sich generell mit all diesen Plagen zu beschรคftigen.
Ihr versteht nicht dass die Kostenverursachung der Zweck dieser Projekte ist. Das ist einer der wenigen „Trickle down“ Effekten, die es noch ermรถglichen, dass Kapitalstrรถme in die Gesellschaft geleitet werden. Konjunkturspritzen fรผr Projekte, die mรถglichst lange als solche fungieren sollen. Fรผr diesen Zweck ist Schiebung, organisierte Kriminalitรคt und Bestechung bei Groรbauprojekten einkalkuliert und hinnehmbar. Ihr wollt den manageriellen Staat zerschlagen, aber motzt doch nur wie Boomer am Stammtisch รผber Steuergelder? Wieso kippt ihr nicht selbst Pestizide in die Landschaft? Ich habe null Interesse an einer kompetenten BRD Regierung und ihren Organen.