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(K)ein Staatsakt für Rita Süssmuth

26. Februar 2026
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Vor über drei Wochen, am 1. Februar 2026, starb die CDU-Politikerin Rita Süssmuth im Alter von 88 Jahren. Unter Helmut Kohl war sie drei Jahre lang, von 1985 bis 1988, Familienministerin, und anschließend ab 1988 für knapp zehn Jahre Präsidentin des Bundestages. Nun wurde sie an diesem Dienstag, dem 24. Februar, mit einem Staatsakt im Plenarsaal des Bundestages geehrt. Ich muss gestehen, für mich, der gerade mal Mitte zwanzig ist, war diese Frau völlig unbekannt, ich hatte bis zu ihrem Ableben nichts von ihr gewusst. Und nun, da die Politelite der Bundesrepublik ihr die letzte Ehre erweist, ist die Gelegenheit, ihr Leben und Lebenswerk einmal näher zu beleuchten. Zumal die AfD-Fraktion des Bundestages ihrer Trauerfeier zum Großteil fernblieb: Von den 150 Abgeordneten der AfD waren etwa 30 während des Traueraktes anwesend, darunter auch Tino Chrupalla und Alice Weidel. Vielleicht taten sie recht daran?

Als Rita Kickuth kam sie am 17. Februar 1937 in Wuppertal-Barmen zur Welt, verbrachte aber ihre Kindheit aufgrund neuer Berufsmöglichkeiten ihres Vaters, eines Schulrates und Lehrers, im Münsterland. Nach ihrem Abitur studierte sie Philologie und promovierte 1964 an der Universität Münster. Danach war sie als Lehrbeauftragte und Dozentin an verschiedenen Universitäten Westdeutschlands, ehe sie 1981 der CDU beitrat und ihre Parteikarriere begann. Bereits zwei Jahre später wurde sie die Vorsitzende des Bundesfachausschusses für Familienpolitik der CDU, ehe sie von Helmut Kohl am 26. September 1985 als „Bundesministerin für Jugend, Familie und Gesundheit“ in sein Kabinett berufen wurde. Schnell war klar, dass der größte Widerstand gegen ihre Politik nicht in der Opposition lag, sondern vor allem in der eigenen Partei.

Als in der zweiten Hälfte der 80er-Jahre das Thema Aids auch in der BRD heiß diskutiert wurde, setzte sie sich entgegen der Mehrheit ihrer Partei gegen die „Ausgrenzung [Homosexueller ein] und legte die Grundlagen für die erfolgreiche deutsche HIV-Prävention“. Auf Wikipedia heißt es weiterhin: „Daneben propagierte sie gegen Widerstände in ihrer Partei die Verwendung von Kondomen zur Prävention.“

Doch auch in anderen Fragen kämpfte sie gegen ihre Parteigenossen: So trug sie maßgeblich zur Liberalisierung von Abtreibungsgesetzen bei. Auch nach ihrer Wahl zur Bundestagspräsidentin – wohl eine parteiinterne Maßnahme, sie aus dem Ministerium „wegzuloben“ – hörte sie nicht auf, die alten Herren der CDU vor den Kopf zu stoßen; so warb sie für die berühmte Verhüllung des Reichstagsgebäudes durch das Künstlerpaar Christo und Jeanne-Claude, deren Vorhaben nicht zuletzt durch Süssmuths Einfluss bei der Abstimmung im Bundestag in die Wege geleitet wurde und im Sommer 1995 in die Tat umgesetzt wurde – sie setzte sich damit gegen die CDU-Parteigranden ihrer Zeit wie Wolfgang Schäuble und natürlich Helmut Kohl selbst durch.

Und auch nach ihrer Amtszeit als Bundestagspräsidentin fuhr sie einen Konfrontationskurs mit ihrer Partei. Heribert Prantl sagt es in seiner Rede, veröffentlicht im „Tagesspiegel“, so:

„Besonders bemerkenswert war das zuletzt bei der Zuwanderung; fast die ganze Union zürnte ihr, als sie die Leitung der 21-köpfigen Zuwanderungskommission der rot-grünen Regierung von Kanzler Schröder übernahm; zusammen mit den Fachleuten arbeitete sie ein kluges Konzept aus, das ‚Zuwanderung gestalten, Integration fördern‘ hieß.“

Wie gut „Zuwanderung gestaltet“ wurde, lässt sich ja in fast jeder deutschen Innenstadt bewundern. Und natürlich teilte sie auch gegen die AfD aus, wie vor einiger Zeit die „Bild“ stolz berichtete: „AfD macht nicht nur dumm. Sondern auch arm.“ Nun, warum also der dieser Frau gewidmeten Trauerfeier nicht fernbleiben?

Kein Wunder also, dass der politisch-mediale Komplex Rita Süssmuth in höchsten Tönen lobt und feiert. Als „politische Feministin“ und „Möglichmacherin“. Friedrich Merz, der noch vor einem Jahr verkündete, dass „links nun vorbei“ sei, würdigte sie ob ihres kämpferischen Mutes, mit dem sie „patriarchale Machtstrukturen und rückwärtsgewandtes Denken herausgefordert“ und „unser Land zum Besseren gefordert“ habe. Rita Süssmuth also, eine Frau, die nicht nur maßgeblich zur Liberalisierung der CDU beigetragen hat, sondern auch ein aktives Rädchen in jenem Getriebe war, das uns die Probleme beschert hat, mit deren Abwicklung wir nun zu kämpfen haben – ist diese Frau eines solchen Gedenkens würdig? Eine Frage, die jeder für sich selbst beantworten mag – aber diejenigen Angehörigen der AfD-Fraktion, die der gestrigen Trauerstunde fernblieben, haben meines Erachtens die beste Antwort bereits gegeben.

1 Comment Schreibe einen Kommentar

  1. 100%ig getroffen! Als Zeitzeuge meine Anerkennung für diese Punktlandung eines „Mittzwanzigers“!

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