Kennen Sie die Situation: Ein Krieg bricht aus, und Sie bekommen es nicht mit? Das passierte mir im Zusammenhang mit den jรผngsten Entwicklungen im Nahen Osten. Erst der Anstieg der ohnehin hohen Spritpreise brachte mich dazu, die digitale Tagespresse hierzu zu befragen; vier Tage nach dem eigentlichen Geschehen. Doch was hat sich durch meine Kenntnisnahme geรคndert? Im Iran gewiss nichts. Und, wenn ich ehrlich bin, ist mein Alltag ebenfalls der gleiche wie zuvor.
Eine gewissermaรen erzwungene und zugleich selbstverordnete Schreibpause hat den Rahmen dafรผr geschaffen, Abstand vom Tagesgeschehen zu nehmen und die dadurch entstandene Ruhe und Ordnung fรผr einen weiteren Blick zu nutzen. Einen, der auch gerne mal den Beginn eines Krieges รผbersieht, aber dafรผr an anderer Stelle tiefer zu blicken vermag. Denn erst das Stummschalten des tagesaktuellen Rauschens ermรถglicht es, den leiseren Tรถnen des Geschehens zu lauschen. Oder, um es volkstรผmlicher auszudrรผcken: Manchmal sieht man den Wald vor lauter Bรคumen nicht.
Wer dem jetzt entgegenhรคlt, der tรคgliche Besuch von โBildโ, โWeltโ, โNIUSโ oder anderen digitalen Nachrichtenseiten sei essenziell, um als informierter Bรผrger am politischen Geschehen teilzuhaben und informiert zu sein, dem sei folgender Selbstversuch empfohlen: Gehen Sie die Nachrichtenseite Ihrer Wahl durch und lesen Sie alle Artikel, die Ihnen als interessant entgegenspringen. Versuchen Sie anschlieรend, aus dem Gedรคchtnis alle Themen und Aussagen zu reproduzieren, die Sie gerade konsumiert haben. Bonusfrage, sollten Sie sich alle Themen gemerkt haben: Welche Auswirkungen hat die aufgenommene Information fรผr das eigene Leben?
Aus eigener Erfahrung fรคllt es bereits schwer, alle Informationen, die man wie im Rausch des Moments konsumiert hat, wiederzugeben. Spรคtestens jedoch bei der รberlegung, welche Auswirkungen nun das Wissen รผber den Skandal am schwedischen Kรถnigshaus fรผr das eigene Leben hat, beginnt das Stocken. So mag der tรคgliche Nachrichtenkonsum Klarheit und Durchblick versprechen. Tatsรคchlich wirkt er aber eher wie ein Schleier, der sich รผber die eigene Aufnahmefรคhigkeit und Wahrnehmung legt. Um den Schleier zu lรผften, braucht es keinen kompletten Verzicht auf Nachrichtenkonsum, wรผrde dies doch einem Verschlieรen der Augen gleichen, was ebenfalls keinen klareren Blick verspricht. Stattdessen empfiehlt sich der ausgewรคhlte, kultivierte Konsum von Periodika โ wie der KRAUTZONE โ oder eben dieser Kolumne (so viel Eigenwerbung sei erlaubt).
Die tรคgliche Nachrichtenflut zwingt uns in die stรคndige Einzelfallabwรคgung und lรคsst kaum Raum fรผr den Blick auf รผbergeordnete Prinzipien. Nicht die Frage, ob die neuesten falschen Versprechungen des Bundeskanzlers diesmal gerechtfertigt seien, verspricht eine Lรถsung des Problems, sondern der grundsรคtzliche Blick, ob die Lรผge eines Bundeskanzlers รผberhaupt gerechtfertigt sein kann. Bei diesen vom konkreten Einzelfall losgelรถsten Fragen befinden wir uns im Bereich der Dogmatik.
โEin Dogma ist ein feststehendes รผbergeordnetes Prinzip, welches โ explizit aufgestellt oder einem Ordnungssystem entnommen โ die Grundlage fรผr nachgeordnete Prinzipien schafft und ihnen durch seine eigene Autoritรคt Geltungsanspruch verleiht.โ
Solche Dogmen finden sich im theologischen, wissenschaftlichen wie gesellschaftlichen Bereich. Hierzu zรคhlen beispielhaft die Jungfrรคulichkeit Mariens (katholisch), die Verhรคltnismรครigkeit des Grundrechtseingriffs (rechtlich) und das Anstellen in einer bestehenden Schlange (gesellschaftlich). Damit bildet das Dogma die unerschรผtterliche Ausgangslage fรผr weitere รberlegungen, Bewertungen, Handlungen. Durch ihre Unumstรถรlichkeit geben Dogmen Orientierung und Stabilitรคt. Zunehmend scheinen sie jedoch vom Schleier der tagesaktuellen Berichterstattung verhรผllt oder direkt infrage gestellt zu werden. Der daraus folgende Anstieg des Gefรผhls des Verlorenseins in der heutigen Gesellschaft dรผrfte vor diesem Hintergrund nicht mehr verwundern.
Gleichzeitig lรคsst sich durch diese Entwicklung unter anderem die steigende Attraktivitรคt der traditionellen lateinischen Messe gerade fรผr junge Leute erklรคren, wรคhrend die Kirche generell mit weiter sinkenden Glรคubigenzahlen zu kรคmpfen hat. In Zeiten, in denen alles infrage gestellt wird, schaffen die klaren Dogmen rund um die Tradition einen Orientierungspunkt. Ein weiteres Beispiel fรผr die Bedeutung von Dogmen bildet der Begriff der Ehe (Artikel 6 Grundgesetz). Je weiter moderne lebenspartnerschaftliche Patchworkmodelle den traditionellen Bund von Mann und Frau zur Begrรผndung einer Familie infrage stellen, desto drรคngender wird die Antwort auf die Frage, was eine Ehe eigentlich ist.
Wer in diesen Wirrungen versuchen wรผrde, zunรคchst alle neu aufgeworfenen Fragen einzeln zu beantworten, wรผrde in die aufgestellte Falle tappen. Vielmehr ist angeraten, zunรคchst den Kern der Dinge โ das Dogma โ zu ergrรผnden. Einmal gefunden, ergeben sich hieraus die Antworten auf alle weiteren Fragen von selbst. Doch hierfรผr braucht es Abstand und Abstraktion; ebenjenes Lauschen auf die leisen, tiefgrรผndigeren Tรถne, welche sonst durch das Rauschen der Tagespolitik รผbertรถnt werden.
Die Fastenzeit ist der kirchliche Weg der geistlichen Besinnung. Die bewusste Entbehrung (weltlicher) Genรผsse soll den Geist fรผr das schรคrfen, was wirklich wichtig ist. Wie passend erscheint in dieser Zeit der Ratschlag, sich von dem Rauschen des tagespolitischen Alltagsgeschehens zu entfernen.
Hierzu freut es mich, ankรผndigen zu kรถnnen, dass an dieser Stelle wieder wรถchentlich meine Kolumne erscheinen wird. Ja, auch mit Bezug auf tagesaktuelle Geschehnisse oder Urteile, doch immer mit dem Blick auf das grรถรere Gesamtbild, um den tiefgrรผndigeren Tรถnen Gehรถr zu verschaffen. Das mag weniger reiรerisch sein als ein โBildโ-Artikel. Und gerade deshalb nachhaltiger.


Vielen Dank. Und ich freue mich auf die wรถchentliche Kolumne; Artikel mit Abstand & Abstraktion!
Falls Ihr es nicht mitbekommen habt, wir haben Dogmen in Deutschland, in meinen Augen leider die falschen. Und die Mehrheit kann von diesen Dogmen auch nicht ablassen. Deshalb haben wir ja die Probleme, die wir haben.