Jürgen Habermas hat zwar nie als Soldat gekämpft – davor konnte er sich im letzten Kriegsjahr verstecken – oder eine Flugabwehrkanone bedient, dennoch teilt er das Schicksal vieler Deutscher, die die Spätphase des Krieges in ihrer Jugend durchleben mussten: die nationalsozialistische Prägung in der Kindheit durch Jungvolk und Hitlerjugend, zu jung, um an den erfolgreichen Feldzügen der Jahre 1939/40 teilzunehmen, dann aber alt genug, um ab 1943 zur Pflicht gerufen zu werden. Der Autor Johannes Poensgen hat mich auf diese Schicksalsgeneration aufmerksam gemacht: Repräsentativ für sie sind die „Flakhelfer“, also diejenigen, die die Flugabwehrkanonen im Abwehrkampf gegen die alliierten Bomber bedienten, weshalb die Jahrgänge 1926 bis 1928 auch als „Flakhelfergeneration“ zusammengefasst werden.
Habermas war zwar etwas jünger und auch kein Flakhelfer, hat aber dennoch eine ähnliche Prägung: Aufgewachsen in einem bürgerlich-evangelischen Elternhaus im bergischen Gummersbach östlich von Köln, wurde er mit zehn Jahren wie fast alle deutschen Kinder im Nationalsozialismus Teil des Jungvolkes. Der Vater, der Unternehmer Ernst Habermas, wurde 1933 Mitglied der NSDAP, war später Ortskommandant von Brest an der französischen Atlantikküste und kehrte 1946 aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft zurück.
Da er als Jungvolkführer eingestuft wurde, musste Jürgen Habermas nie in die Hitlerjugend eintreten; der Einziehung zum Wehrmachtssoldaten im Frühjahr 1945 entzog er sich. Die Kriegsniederlage erlebte die Generation von Habermas noch als Jugendliche, höchstens als junge Erwachsene, also noch in einem Alter, da sie noch kein geschlossenes Weltbild ausgeprägt hatte. Somit war es für sie kein Problem, die Ideologie der Kriegsgewinner zu übernehmen, weshalb diese Generation sich später beim politischen Aufbau der modernen Bundesrepublik beteiligte, obwohl – oder eher: gerade weil – sie der Adenauer-Republik wenig Gutes andichten konnte: Zu jung, um der „Tätergeneration“ anzugehören, aber zu alt, um sich den Revoluzzern der 68er-Studentenbewegung anzuschließen, fand sie einen „gemäßigten“, sozialdemokratisierten Weg – und kaum einer untermauert diesen Weg philosophisch wie Jürgen Habermas.
Nach seinem Abitur 1949 studierte er an verschiedenen Universitäten und beschäftigte sich unter anderem mit Philosophie, Geschichte und Ökonomie. Erstes Aufsehen erregte er 1953, noch als Student, mit einem polemischen Artikel in der „FAZ“ über Martin Heidegger, dem er eine Abkehr vom Nationalsozialismus absprach. Drei Jahre später, nach seiner Promotion, ging er an das Institut für Sozialforschung der Frankfurter Universität, also an genau jenes Institut, an dem die Säulenheiligen der Frankfurter Schule, Theodor W. Adorno und Max Horkheimer lehrten. Obwohl sowohl Adorno als auch Horkheimer seine Habilitierung ablehnten und er deswegen nach Marburg gehen musste, wurde Habermas zu einem bedeutenden Vertreter der Frankfurter Schule. Als in den 60er-Jahren die Stimmung an den Universitäten weiter nach links kippte und sich die Studentenrevolte abzeichnete, suchte Habermas den Diskurs. Bei einer Diskussion mit 68er-Revoluzzern nach der Beerdigung Benno Ohnesorgs, dessen Erschießung 1967 einen studentischen Protest nie gesehenen Ausmaßes an den westdeutschen Unis hervorrief, befürchtete er den Aufstieg eines „linken Faschismus“ – eine Äußerung, die er später bedauerte.
Habermas’ Ideal des vernunftbasierenden Diskurses in der postmodernen Gesellschaft sollte sein Schaffen bis an sein Lebensende prägen und wurde in seinem Hauptwerk „Theorie des kommunikativen Handelns“ (1981) postuliert. Die Idee dahinter fasste der „Welt“-Autor Thomas Schmid in seiner Lobhudelei folgendermaßen zusammen:
„Darin versucht er, ein fundamentales aufklärerisches, aus der Tiefe des europäischen Denkens stammendes Postulat zur Leitidee zu machen: In der guten Republik dürfen die politischen Entscheidungen nicht von oben kommen, sondern müssen aus dem freien Austausch der Bürger und Parteien erwachsen.“
Wie sehr Habermas sein eigenes Ideal ernst nahm, durfte der liberale Historiker Ernst Nolte im Zuge des Historikerstreits spüren. Kurz gesagt: In einem 1986 in der „FAZ“ erschienenen Artikel brachte Nolte die deutschen Konzentrations- und Vernichtungslager mit dem Gulag-System der Sowjets in Verbindung, ohne dabei je die historische Singularität des Holocausts bestritten zu haben – was ihm Kritik von rechts einbrachte. Habermas warf ihm und zwei anderen Historikern jedoch Revisionismus vor und die Absicht, mit dem Vergleich mit dem Gulag-System eben jene Singularität zugunsten einer Erneuerung eines deutschen Nationalismus zu verneinen.
Mathias Brodkorb äußerte sich im „Cicero“ dazu:
„Als ich vor mehr als fünfzehn Jahren Habermas fragte, ob er für ein Buch zu einem einmaligen Streitgespräch mit Nolte bereit sei, lehnte er ab. Die sinngemäße Begründung: Er habe dazu keinerlei Veranlassung. Er habe seinerzeit ja gegen Nolte politisch gewonnen.“
Es ging offenbar nie um einen ehrlichen Diskurs, sondern um politische Dominanz.
Seine Ideen wie sein Handeln sind so symptomatisch für das spätbundesrepublikanische Siechertum, dass Habermas nicht nur als inoffizieller „Staatsphilosoph“ aufgefasst wird, sondern so gut wie jeder Vertreter desselben an seinen Lobgesängen für den Verstorbenen zu ersticken scheint. Vom Bundeskanzler bis hin zur Journaille, egal ob linksliberal oder pseudokonservativ: Sie alle singen brav ihr Requiem.
Nun, dass Rechte nicht gut auf ihn zu sprechen sein dürften, liegt auf der Hand, aber allzu viel Hohn soll ja auch nicht über die Frischverstorbenen vergossen werden. So mag Herr Habermas in Frieden ruhen – auf dass seine Ideen es ihm bald gleichtun.

Ein schöner Schluss-Satz!