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Deswegen verstehen die Europäer Donald Trump nicht

3. Juli 2024

Von. A. M. Berger

Während in den USA die gesellschaftliche Präferenz gegenüber Trump weitgehend ausgewogen ist, existiert im europäischen Mainstream, medial sowie gesellschaftlich, eine hochgradige, fast universelle Ablehnung ihm gegenüber, sowohl als Person, wie auch als Politiker. Es offenbart einen kulturellen Unterschied, welcher nur ansatzweise durch die pragmatischen Unterschiede zwischen der Wahrnehmung von Einheimischen und der von Außenseitern erklärt werden kann. Aufgrund der Position als faktischer Hegemon der westlichen Welt ist die Figur des US-Präsidenten auch außerhalb der Vereinigten Staaten von großer Prominenz, und entsprechend lautstark ist auch der Meinungsdiskurs dazu. Die Betrachtung ist allerdings markant unterschiedlich: Während für den Europäer die außenpolitische Agenda logischerweise höchste Relevanz hat, schauen die Amerikaner selber vor allem auf die Innenpolitik und legen die Außenpolitik, je nach dem wie sehr sie selber davon betroffen sind, vergleichsweise wenig wert.

So existiert beispielsweise im derzeitigen europäischen Diskurs kaum Kenntnis darüber, welches Ausmaß die Inflation und damit verbundene Teuerung über die letzten Jahre auf den Alltag vieler Amerikaner gehabt hat; während hingegen der Ukraine-Konflikt dort viel weniger aufgeheizt angegangen wird als in Europa, wo dieser in unmittelbarer Nähe stattfindet und seine überwiegend wirtschaftlichen Auswirkungen viel spürbarer sind. Trotzdem löst Trump in Europa eine emotionale, hysterische Überreaktion aus, welche nicht durch solche Unterschiede in der Wahrnehmung zu erklären sind. Nicht einmal Bush Junior rief einen solchen ungehemmten Jähzorn hervor.

Beidseitig des Atlantiks gibt es wenig Bewusstsein darüber, wie unterschiedlich das Wesen des Anderen tatsächlich ist. Es herrscht oftmals der Trugschluss, Amerikaner würden sich mit ihren kulturellen Vettern am ehesten verstehen – also US-Amerikaner und Kanadier mit Engländern, Lateinamerikaner mit Spaniern oder Portugiesen. Tatsächlich ist ungeachtet der unterschiedlichen kulturellen Wurzeln das Wesen der Amerikaner untereinander ähnlicher, als im Gesamten zur jeweiligen europäischen Kultur. Im alltäglichen Denken und von der Sprache abgesehen verstünde sich ein Amerikaner besser mit einem Mexikaner, als mit einem Engländer.

Der Grund dafür ist in der Entwicklung des amerikanischen Kontinents zu finden: Erst vor 500 Jahren begann die eigentliche, nachhaltig prägende Kolonisierung. Noch im 19. Jahrhundert erschlossen Siedler im Angesicht enormer Widrigkeiten erst die letzten, von Europäern unberührten Landstriche. Bei diesem Unterfangen waren die Kolonisten weitgehend auf sich alleine gestellt. Es gab außerhalb der wichtigsten Siedlungen der Kolonien kein vorbestehendes System gesellschaftlicher Ordnung, außer dem, was man selber mit sich führte. Ebensowenig gab es eine zuverlässige Versorgung – das Wesentlichste musste man stets selbst erzeugen. Diesen Herausforderungen nicht gewachsen zu sein, bedeutete meistens, dass man nicht überleben würde. Das daraus folgende Verständnis über gesellschaftliche Ordnung spiegelt sich in den amerikanischen Gesellschaften wieder: Ein kaum oder schlecht ausgebauter Sozialstaat, dezentrale und autonome (zum Teil eigenständige) Sicherheit, Souveränität des Privatgrundstücks, weniger Regulierungen,…

Aber eben auch das Wesen, jenseits dieser Ordnung, ist durch die Geschichte geformt: Eigenständigkeit hat einen hohen Stellenwert und die Kapazität, sich Strömungen zu widersetzen, ist größer. Wird in Europa die Bevölkerung oftmals wie eine Herde Schafe von den Massenmedien vor sich her getrieben, so tendieren Amerikaner eher dazu, ihrem Bauchgefühl zu folgen. Ein antrainierter Reflex aus Zeiten, wo Informationen rar und unzuverlässig waren, und das selber Erlernte große Bedeutung hatte. Man muss nur betrachten, wie weit verbreitet alle möglichen esoterischen und spirituellen Ideen (z.B. „Gesetz der Anziehung“) sind, welche in Europa bloß belächelt würden.

Europäische Populisten widersetzen sich zwar vielen gängigen Auffassungen, doch sie tun dies grundsätzlich innerhalb und mit Achtung des politischen Systems. Manche pochen gerade darauf, dieses System, das sie beschädigt sehen, stärken zu wollen. Es ist nachvollziehbar: Europa, dicht besiedelt und vergleichsweise arm an Ressourcen, könnte sich kaum die Art von individueller Eigenständigkeit leisten, die für das amerikanische Wesen so prägend ist. Trump, als in dem Sinne waschechter Amerikaner, stellt zumal das System an sich in Frage. Nicht aus einer Position einer Anarchie, sondern eines zivilisatorischen Ikonoklasmus, welcher das Alte und Morsche gerne abreissen will, um etwas neues aufzubauen. Er löst hierdurch eine Aufbruchsstimmung aus, welche an die frühen Siedler erinnert. Für den Europäer aber gleicht die Vorstellung, das System auf solche Art an den Wurzeln zu packen, einem zivilisatorischen Kollaps.

Auch das überzogene, zumal vulgäre Auftreten Trumps ist für viele Europäer schockierend. Erneut wirkt die koloniale Geschichte: Lautstarke und protzige Durchsetzungskraft werden in den USA mehr geschätzt als Destinguiertheit. Selbst in unserer globalisierten Welt, oder vielleicht gerade deswegen, haben die Allermeisten wenig Verständnis für diese tiefgreifenden kulturellen Unterschieden. Eher als man Verständnis dafür zeigen würde, beharrt man mehr und mehr darauf, dass die eigene Vorstellung die einzig Richtige ist. Man will meinen, dass die weitreichende Vernetzung diese Unterschiede wettmache, doch dem ist nicht so. Stattdessen ist ein Bewusstsein darüber oftmals ein wichtiges Werkzeug, um das Weltgeschehen ein wenig besser verstehen zu können.

2 Comments

  1. „zivilisatorischen Ikonoklasmus, welcher das Alte und Morsche gerne abreissen will, um etwas neues aufzubauen. […] Für den Europäer aber gleicht die Vorstellung, das System auf solche Art an den Wurzeln zu packen, einem zivilisatorischen Kollaps.“

    Komisch, aber warum hat dann insbesondere in Westeuropa der rotzgrüne Sturm gegen alles Bestehende so einen starken Rückhalt?

    „Lautstarke und protzige Durchsetzungskraft werden in den USA mehr geschätzt als Destinguiertheit.“

    Auch hier: Wenn man sich mal die peinlich ausfallenden Auftritte gewisser SchwatzRotzGilbGrüner Gestalten ansieht dann wirkt Trump im Vergleich dazu schon fast wie ein gesetzter altenglischer Gentlemen.

    Daß das Auf-eigenen-Füßen-stehen außerhalb der Küstenmoloche in Amerika einen viel größeren Stellenwert hat als hierzulande im Vollkaskomentalitätserwartungsland daran ist aber schon was dran.

  2. „Die Europäer können das Phänomen Trump nicht verstehen.“ Was für eine Pauschalisierung! Ich kann das Phänomen Trump sehr gut verstehen.

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