Am Anfang erschuf Gott die Welt. Aber was war eigentlich davor? Mรผsste es nicht eigentlich heiรen: Am Anfang existierte nur Gott, bis er sich irgendwann dazu entschloss, die Welt zu erschaffen? Und wie wurde dann Gott erschaffen? Heutzutage glaubt auรer einigen wenigen Fundamentalisten keiner mehr an eine vor ungefรคhr 6.000 Jahren von Gott erschaffene (konstruierte) Erde. Diejenigen, die es tun, glauben allen Ernstes daran, fossile Skelette seien eine Tรคuschung des Teufels, um den Glauben an Gott auf die Probe zu stellen.
Dabei bewies bereits lange vor dem Christentum der altgriechische Philosoph Archytas von Tarent, dass โ wenn man Kausalitรคt voraussetzen darf โ Zeit und Raum unendlich sind und nicht auf einmal erschaffen worden sein kรถnnen. Nehmen wir das Beispiel Raum: Wenn dieser nicht unendlich wรคre (oder sich stetig ausbreiten wรผrde), dann hรคtte er eine Grenze. Archytas meinte, wenn er an diese Grenze ginge und seinen Arm ausstreckte, dann wรผrde sich dieser Arm in einem anderen ausgedehnten Raum befinden. Denn auรerhalb des Raums muss sich auch Raum befinden, sonst kรถnnte es nun mal keine Grenze geben. Der Raum muss folglich unendlich sein und schon immer da gewesen sein, denn ohne Raum kann auch kein Raum erschaffen werden.
รber lange Zeit galten viele Dinge, die fรผr den Menschen schlichtweg nicht erklรคrbar sind, als ein Werk Gottes. Kausalitรคt und Logik mussten dabei oft auรer Acht gelassen werden, aber immerhin hatte man eine Letztbegrรผndung fรผr Entitรคten wie die Zeit, den Raum, das Bewusstsein, das Gewissen und die Moral. Kant, Fichte und andere Philosophen des Deutschen Idealismus bedienten sich genau dieses Narrativs, indem sie Unerklรคrbares als Konstrukte Gottes bezeichneten, um ihre Philosophie zu untermauern.
Und dann kam Friedrich Nietzsche. Fรผr ihn war Gott als Letztbegrรผndung der Trick einer Sklavenmoral fรผr alle, die mit der Unerklรคrlichkeit des Seins nicht zurechtkommen. Um zu zeigen, dass alle unsere Annahmen รผber das Gute und das Wahre auf letztlich austauschbaren und รผber lange Zeit gewachsenen Voraussetzungen fuรen, wandte er die Mittel der Stammbaumforschung an, um eine โGenealogie der Moralโ zu erschaffen. Indem er die Moral als ein menschliches Konstrukt und nicht als ein gรถttliches entlarvte, verlor die Moral ihre metaphysische Allgemeingรผltigkeit.
Dabei war Nietzsche nicht im Geringsten der Meinung, dass die Moral ein schlichtweg soziales Konstrukt ist, sondern machte die Physiologie von starken und schwachen Naturen dafรผr verantwortlich, dass sie starke und schwache Werte lebten und predigten. Nietzsches Dekonstruktion wollte also den metaphysischen Charakter der Dinge entzaubern und die tatsรคchlichen, natรผrlichen Verhรคltnisse aufzeigen.
Aus diesem Denken heraus entwickelte sich im Frankreich der 70er-Jahre der Poststrukturalismus. Denker wie Pierre Klossowski, Jacques Derrida, Michel Foucault, Fรฉlix Guattari und Gilles Deleuze sorgten dafรผr, dass Nietzsches Methode der Dekonstruktion nun auf alle Diskurse und sozialen Verhรคltnisse รผbertragen wurde, wรคhrend diese bei jenen als die absoluten Voraussetzungen fรผr alle mรถgliche Erkenntnis galten (alles ist ein Konstrukt). Foucault beispielsweise war davon รผberzeugt (er unterzeichnete 1977 sogar eine Petition an das franzรถsische Parlament), dass man auch das System der Volljรคhrigkeit dekonstruieren solle. Nach dem Soziologen kรถnnen Minderjรคhrige zu sexuellen Handlungen durchaus ihr Einverstรคndnis abgeben.
Nun dรผrfte jedem klar sein, dass die Volljรคhrigkeit tatsรคchlich ein soziales Konstrukt ist. Warum diese dekonstruiert werden sollte, steht dennoch auf einem anderen Blatt. Focault jedenfalls sieht im Diskurs alle Formen von Konventionen begrรผndet. Macht im Diskurs erzeugt also Wissen und schafft ein Bezugssystem. Obwohl die Methodik und einige Ansรคtze unweigerlich von Nietzsche stammen, ist von Natur oder Physiologie, Krankheit oder Gesundheit, Gutem oder Schlechtem bei den Poststrukturalisten nie die Rede.
Die Franzosen sorgten aber dafรผr, dass sich entsprechende Theorien in anderen Themenbereichen durchsetzen und hegemonial werden konnten. In der Nationalismusforschung ist es der Modernismus, der die Nation als Konstrukt betrachtet, bei Geschlechtern die Gender-Theorie, die Geschlechterrollen auflรถsen will, und in der Wissenschaftsgeschichte der Sozialkonstruktivismus, der all jene Forschungen miteinander vereint.
Heute stehen wir an dem Punkt, an dem versucht wird, alles Bestehende zu โdekonstruierenโ oder als soziales Konstrukt zu entlarven. Als Konservativer wird man schnell feststellen, wie alles Natรผrliche und รผber lange Zeiten Gewachsene so theoretisch delegitimiert und praktisch zerstรถrt wird.
Wir, lieber Leser, werden uns davon nicht beirren lassen. Indem wir jetzt รผber die Genealogie des Poststrukturalismus Bescheid wissen, haben wir ihn mit seinen eigenen Mitteln geschlagen, nรคmlich dekonstruiert und ihn dadurch entmachtet. Wir haben ein noch tieferes Verstรคndnis von den Strukturen unserer Kultur erhalten, die wir lieber noch weiter konstruieren wollen, als Stรผck fรผr Stรผck davon abzutragen.
Denn noch bevor irgendwelche Konstruktionen erschaffen und wieder dekonstruiert wurden, waren die Nationen, die Kulturen, Mรคnner, Frauen und alles, wofรผr man als Konservativer mittlerweile kรคmpfen muss, lebendig. Jeder, der das anders sieht, muss argumentieren, dass diese Tatsache eine Tรคuschung des Teufels ist.
