Die etwas andere Fitnessberatung 

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Wussten Sie, dass die Entscheidung darüber, ob man jemanden sympathisch findet oder nicht, innerhalb der ersten zehn Sekunden fällt, in denen man dieser Person zum ersten mal begegnet? Viel sagen kann man in dieser kurzen Zeit nicht, also scheint am Ende doch der optische Eindruck von nicht zu unterschätzender Bedeutung zu sein. Man kann es drehen und wenden, wie man will: Schönheit und Jugend finden wir anziehend. Dumm nur, dass sich diese Attribute nicht auf Dauer konservieren lassen. Vor allem das weibliche Geschlecht scheint darunter zu leiden, und da dieses immerhin rund 50% der Bevölkerung ausmacht, möchte ich mich dem Thema Älterwerden und trotzdem fit und zufrieden bleiben heute widmen.

Ich bin noch nicht alt. Aber jung bin ich auch nicht mehr. Dieses Schicksal ereilt uns alle, denn irgendwann im Leben kommt jeder an den Punkt, über das eigene Älterwerden nachzudenken. Der eine erlebt dabei den dreißigsten Geburtstag bereits als Schock, der andere stellt mit siebzig fest, dass das Ein-und Aussteigen aus dem Auto nicht mehr so gut klappt – und steht vor der Frage: Wie geht man am besten damit um? So unterschiedlich die Menschen sind, so vielfältig fallen die Antworten auf diese Frage aus.

Dabei wird eine Frau fast immer anders reagieren als ein Mann. Schließlich haben Frauen es diesbezüglich mit anderen Problemen zu tun als Männer. Der befürchtete Verlust der Attraktivität, die vielleicht bereits einsetzenden Wechseljahre und andere Themen scheinen Frauen stärker oder auf andere Art zu betreffen. Nehmen wir das mal so hin und lassen die Tatsache beiseite, dass ein Mann durchaus auch einen Hormonwechsel durchlebt und das Ausfallen der Haare auch bei diesem Geschlecht zu psychischen Problemen führen kann, denn seien wir ehrlich: Irgendwie fällt es ihnen leichter, diese Veränderungen zu verarbeiten – sei es im Hobbykeller beim Zusammenkleben irgendwelcher Modellflugzeuge oder beim Stammtisch im Gespräch mit ebenfalls Betroffenen. Oder: beim Sport. 

Ja, der Sport. Mittlerweile ist dieses Thema keine reine Männerdomäne mehr, jedenfalls nicht mehr im Bereich der sogenannten Massenphänomene. Die Mädels verabreden sich zu Laufgruppen, Fitnessstudios bieten Pilates-Kurse an, und für alle, die lieber im stillen Kämmerlein trainieren, gibt es unzählige Apps, die tägliche Trainingsprogramme für jeden Geschmack anbieten und speziell auf die Wünsche des weiblichen Geschlechts abgestimmt sind. Um es vorweg zu sagen: Ich finde das super! Aber, seien wir ehrlich, irgendwie funktioniert das alles nicht richtig, kostet oft viel Geld, und jeder Vorsatz, dauerhaft am Ball zu bleiben, schläft früher oder später wieder ein, vor allem, wenn man eben nicht mehr zu den ohnehin schon perfekt aussehenden Mitte Zwanzigern zählt. 

Glauben Sie mir, ich spreche aus eigener Erfahrung. Und um Sie dort abzuholen und aus dieser Spirale des körperlichen Verfalls zu befreien, darf ich meine persönliche Geschichte kurz schildern: Ich wuchs in einem fanatischen Haus auf. Vater und Mutter waren begeisterte Rennradfahrer. Im zarten Alter von zwölf Jahren besaß ich bereits meine erste Rennmaschine und düste jeden Abend mit den Eltern durch das heimatliche Oberbayern. Später kamen andere Sportarten hinzu: Badminton, Squash, Jogging, Schwimmen. Bis ich knapp dreißig wurde, verging praktisch kein Tag ohne Sport. Dann kam die große Krise. Ich merkte, dass ich nicht mehr mithalten konnte mit den Jüngeren.

Ich gewann keine lokalen Turniere mehr, die Motivation sank in den Keller. Stück für Stück nahm meine Begeisterung ab. Zirka fünf Jahre später war ich zur Couch Kartoffel degeneriert. Bestenfalls verfolgte ich noch die Tour de France vor dem Fernseher und ärgerte mich, dass ich den Mont Ventoux nie selbst erklommen hatte. Schließlich verkaufte ich das Rennrad, der Badeanzug, der mir sowieso nicht mehr passte, wanderte in den Müll, die Squashschläger wurden beim nächsten Umzug einfach im Keller vergessen… Ich hatte aufgegeben. 

So dümpelte ich die nächste Dekade durchs Leben, wurde immer träger, redete mir alles schön („naja, so ist es halt“, „es gibt wichtigere Dinge im Leben“…), und wurde – nicht jünger. Irgendwann kam dann ein neuer Lebensabschnitt: Ich hatte vollkommen naiv ein sehr altes Haus gekauft und war vollkommen pleite (Alter schützt tatsächlich nicht vor Torheit). Der Kaufvertrag war unterschrieben, ich hatte die Schlüssel erhalten und stand vor meiner Ruine, nicht einen Cent übrig für Handwerker. Nachdem ich den Schock überwunden und die Vorstellung, am offenen Kamin im gemütlichen Sessel zu sitzen und mich in die Welt der Bücher zu versenken, um einige Jahre in die Zukunft verschoben hatte, krempelte ich die Ärmel hoch und legte los.

Am zweiten Tag meldeten sich meine müden alten Knochen zu Wort: „Du spinnst wohl, glaubst du ernsthaft, dass wir heute nochmal mitmachen, wenn du stundenlang Schubkarren voller Schutt hin und her schiebst? Vergiss es!“. Ich hielt durch (schließlich bin ich der Herr im Haus, nicht meine Knochen), erinnerte mich an meinen enormen Willen als Jugendliche, an die Schmerzen, wenn man die eigenen Grenzen austestet. Viele Monate später war es soweit: Das Haus war bezugsfertig. Und siehe da, ich hatte tatsächlich so etwas wie körperliche Fitness zurückgewonnen. Aber es kam noch ein anderes Moment hinzu: Ich war stolz, so unendlich stolz auf das, was ich geschafft hatte, wie ich es nie zuvor in meinem Leben war. Keine Medaille der Welt wollte ich dafür eintauschen und kein Lebensjahr dafür geben. Ich hatte etwas geschafft, was nur möglich war aufgrund meines Alters, meiner Erfahrungen und meines Mutes. 

Mittlerweile sind weitere Jahre vergangen. Am Haus gibt es immer noch viel zu tun, Wände streichen, Gartenarbeit, Dachrinnen reinigen, Holzbretter erneuern. Ich habe einen guten Rhythmus gefunden, nichts aufzuschieben und immer beschäftigt zu bleiben. Ich treibe keinen Sport mehr. Ich lebe, und körperliche Arbeit ist fester Bestandteil meines Alltags geworden. Der Unterschied zu meiner von Sport dominierten Jugend besteht nun jedoch darin, dass ich eine Zufriedenheit fand, die mir damals verborgen blieb. Es ist nämlich ein Unterschied, ob man sich kurzfristig darüber freut, zwanzig Kilometer weiter geradelt zu sein als am Tag zuvor, oder das eigene Heim zu pflegen. 

Meine Damen (und vielleicht auch mancher Herr), Sie fragen sich nun vielleicht, was diese persönliche Geschichte mit dem Thema des Artikels zu tun hat. Vermutlich erwarteten Sie eine weitere Fitnessberatung, wie sie zuhauf zu finden sind. Damit kann und möchte ich nicht dienen. Ich kann Ihnen auch keine Hinweise geben, wie Sie sich selbst motivieren können. Aber ich kann Ihnen einen Rat mitgeben: Leben Sie Ihr Leben, bewegen Sie sich. Sie möchten vielleicht kein Haus kaufen, aber wenn Sie bis jetzt gelesen haben, nehme ich an, dass Sie etwas in Ihrem Alltag verändern und das Älterwerden positiver erleben möchten. Für manche Menschen funktioniert das gut über die eingangs genannten herkömmlichen Wege.

Wer diesbezüglich jedoch schon manchen Versuch gestartet hat und immer wieder aufgab, für den gibt es Alternativen. Eine davon wollte ich hier aufzeigen. In diesem Sinne: Legen Sie los und lassen sich überraschen. Denn Älterwerden ist wunderbar! (P.S.: Falls Sie zur Mehrheit der Krautzone-Leser gehören, die sich noch mitten im Saft ihrer körperlichen Kräfte befindet, darf ich Sie bitten, mir den Ausflug in Ihre Zukunft nachzusehen und wünsche Ihnen noch viele energiegeladene Jahre.)

1 Comment

  1. Schön geschrieben. Mit drei Kindern, Halbtagstelle, Haus, Garten und sechs Hobbies meiner Kinder, zähle ich jede Arbeit im Haushalt und Garten zu meiner Fitness dazu. Zum Glück können sie jetzt alle schwimmen und Fahrrad fahren. Somit kommt jetzt auch noch ein bisschen mehr Schwung in das ganze Spiel.
    Liebe Grüße

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