Die späte Rache des Vorzeige-Boomers Thomas G.

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Von Johannes Endres

„Wetten, dass“ ist Geschichte. Die letzte Folge wurde gesendet, Thomas Gottschalk hat sich verabschiedet. Meine Kindheit war von „Wetten, dass“ geprägt. Die samstäglichen Abende auf dem Familiensofa, das Mitfiebern mit den Saal- und Stadtwetten. Allerlei Berühmtheiten, die neben „unserem Thomas“ Platz nahmen. Gottschalk war eine Institution. Er war lustig, und gleichzeitig geschmackvoll, überdrehte nicht, überspannte den Bogen nie, war nicht albern, unfassbar schlagfertig und die Bandbreite seiner Witze war genau so weit, dass alle Generationen an Fernsehzuschauern gleichermaßen auf ihre Kosten kamen. Man durfte länger aufbleiben und es gab auch keine Werbeunterbrechungen. Toll, diese Öffentlich-Rechtlichen. Später erfuhr man, dass das ZDF jahrelang versteckte Produktplatzierungen ins Programm einbaute und dafür ordentlich kassierte. Aber das ist eine andere Geschichte.

Über „Wetten, dass“ soll es an dieser Stelle auch gar nicht gehen, sondern lediglich um Thomas Gottschalks „letzte Worte“. Im Verlauf der finalen Sendung brachte er etliche politische oder halbpolitische Aussagen. „Bergab geht’s sogar in der Schweiz von allein. Wir in Deutschland brauchen die Politik dazu, dass es bergab geht.“ Zur aufgetakelten „Influencerin“ Shirin sagte er, dass sie ja gar nicht aussehe, wie eine Feministin. Und ganz am Ende richtete er sich direkt an die Zuschauer und begründete seinen Abgang: „Und der zweite Grund ist natürlich der, dass ich immer im Fernsehen das gesagt habe, was ich zu Hause auch gesagt habe. Inzwischen rede ich zu Hause anders als im Fernsehen. Und das ist auch keine dolle Entwicklung. Bevor hier ein verzweifelter Aufnahmeleiter hin- und herrennt und sagt: ‚Du hast wieder einen Shitstorm hergelabert‘, da sage ich lieber gar nichts mehr.“

Bumms. Aus. Ein Frontalangriff gegen den politischen Mainstream. Unser TV-Urgestein teilt so richtig aus. Dafür wurde und wird er von Konservativen gefeiert. Während der linke Mainstream zumindest mit Samthandschuhen auf Gottschalk einkloppt, ist Thomas über Nacht zum Star der Regierungskritiker geworden. Einer von uns. Ja, die letzten Worte Gottschalks, die hatten es doch in sich! Ein letzter schneidiger Angriff gegen die Machthaber, die Deutschland an die Wand gefahren haben.

So kann man es sehen. Man kann es aber auch anders sehen. Gottschalk ist der personifizierte Boomer-König der Bundesrepublik. Er hat die „fetten Jahre“ voll miterlebt und war sich nie zu Schade, zwischen Öffentlich-Rechtlichen und privaten Hin- und Herzuwechseln. Im Gegensatz zu Günther Jauch, der gelegentlich scharfe Kritik gegenüber den Öffentlich-Rechtlichen äußert, stellt sich Gottschalk hinter den Rundfunk. Zumindest ist er dabei fast schon sympathisch ehrlich und sagt gegenüber der „Morgenpost“: „Um das aber gleich klarzustellen: Ich bin ein großer Fan dieses Systems. Gerade weil ich die Alternativen kenne. Ich bin auch ein Geschöpf dieses Systems, dem ich meine Karriere verdanke. Es wäre auch dämlich, an dem Ast, auf dem ich immer noch sitze, mutwillig zu sägen.“

Thomas, der Rebell seiner späten Tage, war und ist der größte Nutznießer des teuersten Rundfunks der Welt gewesen, dass seit Jahrzehnten die Regierung stützt, die Opposition kleinhält, die Menschen beeinflusst und mitunter sogar offen belügt. Und das mit dem Geld, dass Menschen unter Haftandrohung abgeknöpft wird. Doch dabei bleibt es nicht. Wie die meisten erfolgreichen Stars wanderte Gottschalk irgendwann aus und verbringt nun sein Leben lieber im Ausland. Natürlich mit dem Geld, dass er hierzulande „erwirtschaftet“ hat. Soll er machen, kann er machen. Aber dann soll er sich bitte nicht als jemand hinstellen, der große Sorge um die Entwicklung in diesem Land hat, der Entwicklung in seiner „Heimat“. Diese Tendenz beobachtet man immer mal wieder, gerade bei den „Bürgerlichen“. Hier etwa im Cicero, wo ein schockierter Autor seine Entfremdung von Deutschland beschreibt. Blanker Hohn denen gegenüber, die mit der vollen Breitseite der deutschen Politik konfrontiert werden, und nicht auswandern können oder wollen. https://www.cicero.de/kultur/identitaetspolitik-energiewende-migration

Natürlich hat die Boomer-Generation ihr Leben lang geackert. Aber sie hat auch gezehrt. Vor allem politisch. Sie hinterlässt ein politisches Trümmerfeld und besitzt die Dreistigkeit sich hinzustellen, und die Schuld in die Schuhe der „Jungen“ zu stecken, diesen grünen Traumtänzern und faulen Dauerstudenten. Als ob irgendjemand unter 30, ja unter 40, dieses zerstörerische System irgendwie erschaffen hätte! Das haben die Alten ganz alleine geschafft. Nur waren sie so mit sich selbst beschäftigt, mir ihrem ungesunden Individualismus und der krankhaften Ich-Bezogenheit, dass sie jahrzehntelang überhaupt nicht gemerkt haben, was in diesem Land falsch läuft. Sie haben sich der alten Werte entledigt, haben ihr Vaterland „abgestreift wie einen alten Rock“ (Otto Bismarck) und das zeitverzögerte Resultat – ja, das wollen sie nicht mehr wahrhaben.



So auch Gottschalk. Wo war er die letzten Jahre? Wo waren seine öffentlichen Stellungnahmen? Seine politisch konträren Meinungen? Während er, der ja offensichtlich etwas konservativer sein mag als andere, schwieg und seinen Lebensabend genoss, der ihm durch die Milliarden an deutschen Rundfunkgebühren ermöglicht wurde, haben linke Medienmacher im Stakkato auf die politische Meinungsbildung in Deutschland eingewirkt. Kachelmann, Böhmermann, Lanz, Maischberger, Illner, hunderte Fußballprofis und Musikstars, Künstler und Funktionäre, – all sie beziehen Stellung für ein krankes System und schieben das Land damit Tag für Tag weiter an den Abgrund. Alle anderen sind still. Aus Angst vor Ächtung und finanziellem Schaden. Das ist keine neue Entwicklung. Das Jahr 2023 ist nicht vom Himmel gefallen, sondern hat eine lange Vorgeschichte. Entweder, man war zu dumm, diese Entwicklung wahrzunehmen, oder man hat aus anderen Gründen geschwiegen. Gottschalk ist intelligent genug, dass er seit Jahren oder gar Jahrzehnten genau weiß, wie sich die politische Korrektheit – die ja nur ein anderes Wort für Meinungsunterdrückung ist – entwickelt hat. Doch von ihm kam nichts.

Nun kann man sagen, dass er sich als „Gentleman alter Schule“ eben nicht politisch stark exponieren will – man kann aber auch sagen, dass er einfach zu feige war, irgendwie seine Meinung in einem repressiver werdenden Show-Business zu sagen. Dass diese Feigheit allerdings nicht charakterlicher, sondern karrieristischer Natur ist – das hat er bei seinem letzten Auftritt gezeigt. Denn dann, wenn die Schäfchen im Trockenen sind, wenn der letzte Abgesang ansteht, dann entdeckt er – und viele andere Boomer – ihren inneren Regierungsgegner. Und dann wird er beklatscht. Er wird beklatscht von den greisgewordenen Systemlingen, die es sich in der BRD bequem gemacht haben. Die ihre Augen und Ohren verschlossen haben vor Themen, die seit mindestens 10 Jahren deutlich zu erkennen sind. Und dann, am letzten Arbeitstag, dann geigen sie „denen da oben“ Mal so richtig ihre Meinung. Nehmt das, ihr grünen Faschisten. „Wow, der Gottschalk, der traut sich was.“ Applaus, Applaus!

Ein Schlag ins Gesicht einer jungen Generation, die sich Jahren mit der real existierenden BRD auseinandersetzen muss. Aber dann, dann kommt Thomas und beschwert sich, dass er nicht mehr „Zigeunersauce“ sagen darf, wie in einer Talkshow von 2021, oder eben final, dass er vor der Kamera etwas anderes sagt, als zu Hause. Der arme Kerl. Die einfache Lösung liegt auf der Hand: Sag eben vor der Kamera, was du zu Hause sagst, und scheiß auf den Aufnahmeleiter.

Der letzte Arbeitstag geht vorüber, man wird auch nicht jünger. Gottschalk wird sich in eines seiner Anwesen zurückziehen, wird vielleicht an seine kaputte Ehe denken oder sich von seiner neuen Freundin darüber hinwegtrösten lassen. Er wird auf einer gemütlichen Couch sitzen, so wie wir alle damals, und den guten alten Fernseher anschmeißen. Doch es kommt kein „Wetten, dass“ mehr. Es kommt politische Dauerindoktrination, gepaart mit ideologischem Durchfall. Dann wird er den Kopf schütteln und denken, dass alle verrückt geworden sind. Unternehmen wird er natürlich nichts. Schließlich hat er schon so viel für dieses Land getan. Danke, Thomas.