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Ein Beitrag der „Tagesschau“ – und was er mit mir macht

2. Juli 2024

Fragt mich nicht, warum, aber ich beziehe meine Nachrichten gerne von der „Tagesschau“. Meistens läuft das dann so, dass ich die spannendsten Artikel anklicke, lese und mich über die Art der Berichterstattung aufrege – und so läuft das seit ein paar Jahren. Was mich dazu anregt? Keine Ahnung. Vielleicht, dass sich die 18,36 Euro irgendwie lohnen. Wie dieser Prozess abläuft, möchte ich Euch hier einmal am Beispiel „EM als Ventil für rassistische Desinformation“ zeigen.

Wie immer streift mein Blick zuerst das Bild des Autors. Hier spricht der „ARD-faktenfinder“, und obwohl eine Frau Julia Kuttner für den Text verantwortlich ist, heißt es bei der „Tagesschau“ auch 2024 noch nicht „ARD-faktenfinder*XInnen“ oder so ähnlich. Ein Pluspunkt! Negativ fällt mir noch vor der Lektüre des Artikels auf, dass Frau Kuttner auf ihrem Bild den Tränen nahe scheint – dabei sollten Emotionen als Faktenfinder eher keine Rolle spielen. Aber weg von den Äußerlichkeiten, hin zum Artikel! Die Überschrift lautet: „Ein Gebetsraum für Muslime beim Fanfest, eine Nationalmannschaft, die nicht ‚deutsch genug‘ ist – rund um die EM kursieren rassistische Fakes und antimuslimische Hetze. Das ist Teil der Strategie, die vom rechten Rand betrieben wird.“

Schon bei der Überschrift denke ich mir: Was ist an einem potenziellen Gebetsraum für Muslime beim Fanfest oder dem Vorwurf, dass die Nationalmannschaft nicht „deutsch genug“ sei, ein rassistischer Fake oder antimuslimische Hetze? Ich überlege etwas, komme aber nicht darauf, was davon antimuslimische Hetze oder ein rassistischer Fake sein soll. Wenig später werde ich aufgeklärt, dass die Kommentare unter solchen Beiträgen den „Hass“ beinhalten, aber die Fakes ihn auslösen. Ein kleiner Spoiler: Warum sowohl der Gebetsraum als auch die „bunte“, diverse Nationalmannschaft zu „Hass“ führen, oder überhaupt Argumente des „rechten Rands“, wird man im Artikel nicht entdecken.

Im ersten Absatz lese ich, dass Videos existieren, die einen Raum mit Gebetsteppich auf der Fanzone Berlin zeigen, der ausschließlich für Muslime eingerichtet worden sei. Dank Frau Kuttners sagenhaftem Text kann ich diesen Fake-Artikel, der zu antimuslimischer Hetze führt, sofort enttarnen. Denn: Es gibt jetzt zwar einen Gebetsraum für Fans, aber nur weil da ein Teppich drin ist, heißt das nicht, dass er nicht allen Religionen offenstünde. Neben zahlreichen anderen „Rückzugsräumen“ können also auch gläubige Christen mal eben schnell ein paar Gebete vom Zaun brechen. Zwischen den Zeilen lese ich hier, dass der Rückzugsraum doch irgendwie für Muslime eingerichtet wurde, weil ich noch nie einen Christen während eines Fußballspiels in einen Gebetsraum habe flüchten sehen. Aber ich werde eines Besseren belehrt: Der Teppich befindet sich lediglich im Raum, weil Menschen mit muslimischem Glauben mit einem Teppich nicht durch die Eingangskontrolle kommen würden (an dieser Stelle lache ich kurz). Schachmatt, rechter Rand!

Die zweite rassistische Desinformation, von der ich lese und der sich Frau Julia Kuttner mutig entgegenstellt, ist die, dass Flaggen auf der Fanmeile verboten sind. Beweise sollen dafür Videos von der Fanmeile sein, auf denen man keine Flaggen sieht. Die Videos seien zwar echt, aber wenn ein Tor falle, dann würden schon Fahnen geschwenkt werden. Außerdem dürfen „Flaggen und Fahnen keine Stangen haben, weil sie als Waffe verwendet werden können“. Der Nachhaltigkeitsmanager von Kulturprojekte Berlin, des Veranstalters der Berliner Fanzone, ordnet das Ganze deshalb als „eine ganz klassische Falschmeldung“ ein. Denn: Flaggen sind nicht verboten, sie sind aber ein Sicherheitsrisiko (seit wann eigentlich?) und versperren außerdem anderen die Sicht. Warum es früher mehr Flaggen gab, erfährt man im Artikel nicht.

Als Nächstes kommt der Sozialwissenschaftler Robert Claus zu Wort. Er sagt: „Nun aber unterstützen große Teile der Gesellschaft ein sehr vielfältiges Team in einem immer diverser werdenden Fußball […] Rechtsextreme hätten Probleme, sich mit der aktuellen Nationalmannschaft zu identifizieren.“ An dieser Stelle bin ich leicht verwirrt: eine Nationalmannschaft, die „nicht deutsch genug ist“, war doch eben noch ein rassistischer Fake? Jetzt liest sich das Ganze, als ob das Team sehr wohl immer „vielfältiger“ (was anderes als die Ethnie könnte dieses „vielfältig“ meinen?) wird.

Ich überfliege den Mittelteil und scrolle zum Ende des Artikels. Dort steht: „Hass gegen Rüdiger im Netz“. Gemeint ist natürlich der immer diverser werdende deutsche Fußballspieler, der als gläubiger Muslim mit doppeldeutigen, vom IS gebrauchten Gesten posiert und nach dem Dänemarkspiel sagte: „Was wir kritisieren können, ist, dass wir sie (Anmerkung: die Dänen) nicht schon vorher getötet haben.“ Hier werde ich stutzig, doch Frau Kuttner klärt auf: Die Phrase mag irritierend sein, ist aber im Fußball eine bekannte Formulierung. Obwohl ich oft und gerne Fußball schaue, habe ich eine solche Formulierung noch nie gehört. Gott sei Dank gibt es den „Faktenfinder“! Frau Kuttner sollte Fußballmoderatorin werden, beim ÖRR wird man das dank der Frauenquote ja recht schnell.

Wie immer endet die Lektüre des „Tagesschau“-Artikels mit einem Seufzer meinerseits, ich schließe den Tab und bin ein klein wenig hoffnungsloser und verzweifelter und fühle mich vom „Faktenfinder“ ein klein wenig mehr an den rechten Rand gedrängt.

3 Comments

  1. Und wieder mal dank Querverweis auf die dauerleiernde Propagandaseite einige hundert Klicks mehr aus denen der ÖR-Schundfunk seine Lizenz zur Schutzgelderpressung durch hohe Reichweite und Beliebtheit herbeirabulisiert.

  2. Ich finde, der DFB sollte seine stets und ständig propagierte Vielfalt und Bundheit endlich mal durch Taten untermauern, und einen Transmann und einen Schwulen für die Männernationalmannschaft nominieren.

  3. Wenn wir an der Macht sind, kannst du ja dann einen Faktenfinder schreiben, der dann jedem auf den Kosten der Steuerzahler in die Fresse drückt, dass irrsinnige Internetkommentare von Linken aufzeigen, dass eine existenzielle Gefahr von ihnen ausgeht und sie paradoxerweise gleichzeitig kleine, erbärmliche Würstchen sind, dass sie antideutschen Hass verbreiten und wie gefährlich das für unsere demokratische Grundordnung ist und wie das mit der linksextremen Verschwörungstheorie der großen Weißmanntyrannei zusammenhängt.

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Autor

PhrasenDrescher

Der Phrasendrescher - wie könnte es anders sein - promoviert derzeit interdisziplinär in der Philosophie und der Politikwissenschaft. Als glühender Verehrer von Friedrich Nietzsche weiß er, dass man auch Untergänge akzeptieren muss und arbeitet bereits an der Heraufkunft neuer, stärkerer Werte.


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