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Kai Gniffke – Der Genießer, der keiner sein darf

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Das Medienmagazin „Zapp“ im NDR hat kürzlich einmal mehr bewiesen, warum es zu meinen absoluten Lieblingssendungen im öffentlich-rechtlichen Fernsehen zählt. Gnadenlosen Investigativjournalismus boten mal wieder diverse Figuren, deren Namen ich vergessen habe, rund um Tilo Jung, der den Chef der Rundfunkanstalten und SWR-Intendanten Kai Gniffke mal so richtig in die Mangel nahm – macht ja sonst niemand! Dass Gniffke brutto 30.000 im Monat verdient, brachte ihm unangenehme Nachfragen ein.

Zugegeben, dieser Tilo Jung brachte Gniffke ganz schön ins Stottern: Der verwies, nachdem er erst auf Nebensächlichkeiten abzulenken versuchte, sinngemäß darauf, dass er da ja der falsche Ansprechpartner sei, Sparkassenheinis mindestens genauso viel verdienen und er ja überhaupt für jeden da sei, ja „für den Laden mein letztes Hemd zerreiße“.

Eben dieses Hemd zerriss sich sexy Gniffke bereits vor einem größeren Publikum im Jahr 2018, als er zusammen mit dem damaligen ZDF-Chefredakteur Peter Frey an einer Podiumsdiskussion mit den Schwefelbuben teilnahm, zu der der Kreisverband der Dresdner AfD geladen hatte. Immerhin erschienen beide vor Ort und trafen als Diskutanten auf den AfD-Politiker Nicolaus Fest und den parteinahen Literaten Michael Klonovsky.

Kai Gniffke fiel auf besondere Weise dadurch auf, dass er für einen der prominentesten ideologischen Agitatoren der Öffentlich-Rechtlichen, Georg Restle, unter den folgenden Worten das letzte Hemd hinhielt:

„Ich will jetzt hier gar nicht zu viel Konsenssauce drüberkippen, aber an der Stelle sind wir komplett einig: […], dass Meinung und Bericht getrennt gehören. Und wer das bei uns nicht beherrscht, der fliegt raus. […] Und der Kollege, von dem Sie die ganze Zeit sprechen, der macht eine herausragend gute Arbeit, weil er genau das beherrscht, […], sein Handwerk.“

Ebenjener Michael Klonovsky, der bei genanntem Anlass natürlich genüsslich Öl ins Feuer goss, hat bekanntermaßen den Physiognomismus in unseren Reihen populär gemacht. Wandeln wir im Fall Gniffke, beim Typ Gniffke, doch ein Stückchen auf seinen Spuren; das bringt mehr Freude, als nun die große ÖRR-Perfidie zu wittern und über diesen und den kürzlichen Fall Schlesinger die üblichen Moralkeulen zu schwingen, die ins Leere treffen und die Stimmung vermiesen. Schon der Name ist dem ARD-Häuptling offenbar Schicksal – oder umgekehrt? Gniffkes Gesichtsausdruck haftet etwas Verstohlenes, Lauerndes, Unterdrücktes, eben Verkniffenes an. Sein Anblick erweckt kaum den Anschein, dass er nach Redaktionsschluss noch Muße für etwas mehr als das Feierabendradler in der SWR-Kantine aufbringen könnte: Konzertbesuch, Lektüre, jede Art von entschleunigter produktiver Freizeit flüchtet wohl vor Herrn Gniffkes in andere Heime. Auch einen bodenständigen Malocher-Feierabend am Skattisch oder Gasgrill traut man ihm nicht zu.


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Kai Gniffke wirkt zerrissen, ganz so, wie es beim „Zapp“-Interview zum Ausdruck kam. Einerseits in den gefälligen Fängen eines hochbürokratischen Versorgungsapparats, für dessen finanzielle Abwürfe sich der normalsterbliche Boomer einfügt und sich mit seiner ganzen Selbsteinredungskunst vielleicht unbewusst das Gefühl gibt, doch auf der richtigen Seite zu stehen.

Auf der anderen Seite doch „eigentlich immer links“ gewesen, was man vielleicht schon vergessen hätte, wenn es einem nicht „die eigenen Kiddies“, Medienvertreter oder Franzl und Boppi, mit denen man in den Achtzigern noch hart unterwegs war, ständig ins Gewissen riefen. Man ist ja „doch irgendwie angekommen“, vielleicht auch auf dem Geschmack, die eigenen Kids auf eine Privatschule zu schicken, aber den restlichen Gebühr:innenzahlenden muss ich ja trotzdem nach dem Maul reden.

Was dabei herauskommt? Na, der wendige Schmuseonkel mit kaputten Bandscheiben, der „immer für alle da ist“ – daher auch höheres Gehalt als Friseure, Herr Jung! Aber hin und wieder, immerhin nicht ganz ohne Nachdruck, fühlt er sich verpflichtet, „mal freundlich anzuregen“, hier müsse doch ab und zu auch ein bisschen was mit rechten Dingen zugehen. Hoppala, natürlich nicht mit „rechten“, hehe, Sie wissen schon, wie es früher bei uns auch war, so ganz Old School. Hat man ja bei „Zapp“ auch versucht, ging aber in der Aufregung irgendwie daneben. – Auf Anhieb fallen mir einige Leute ähnlichen Alters ein, die in ähnliche Widersprüche verstrickt sein müssen. Ich bekenne es: Die Gniffkes dieser Welt tun mir ein bisschen leid.

Wirklich interessant ist auch etwas anderes. In dieser scheinbar unbedeutenden Angelegenheit zeigt sich symptomatisch die Anfälligkeit der linken Intelligenz, nämlich in der Unvereinbarkeit ihrer eigenen theoretischen Ansprüche und der Inneneinrichtung ihrer ganz eigenen Ställchen. Dass nun ausgerechnet Tilo Jung sich darin gefällt, die Staatsnähe der Öffentlich-Rechtlichen zu kritisieren, zeigt, wie schnell die Linke bei streng materialistischer Auslegung völlig sorglos in die Falle geht und plötzlich unversehens „das Narrativ der Rechten bedient“.

Dem einmal in Klassenkampflaune geratenen Jung – denn auch er finanziert den ganzen Bums mit seiner harten freien Basismedienarbeit! – fällt es dann gar nicht mehr auf, dass er ausgerechnet den sein Milieu wie einen Kokon beschützenden Öffentlich-Rechtlichen anprangert, der da den Chefs so viel bezahlt, damit diese wie Gött:innen in Frankreich leben können. Unerhört! Statt an dieser Stelle die obligatorische Binse von der Revolution und den Kindern abzuspulen, sage ich: Danke, Tilo! Zwar soll es Leute geben, bei denen das Problem mit den Öffentlich-Rechtlichen schon viel länger auf dem Schirm ist. Aber was die wohl mit uns vorhaben, eieiei…

3 Comments

  1. Gniffke tönte vor rund einem Jahr:
    „Wann immer wir den Eindruck haben, dass Menschen sich übersehen fühlen, dann ist es unsere Aufgabe, diesen Menschen Gesicht und Stimme zu geben“.
    Es zähle zum Kern des öffentlich-rechtlichen Auftrags, der Vielfalt in Deutschland Gehör zu verschaffen. „Das gilt in besonderem Maße für die Regionen in Ostdeutschland.“

    Und was davon hat er bis heute in dafür mittlerweile prädestinierter Position umgesetzt? Oder ist zwischenzeitlich wenigstens nicht noch schlimmer geworden?

  2. „eigentlich immer links“ bin ich auch mal gewesen, in den Achtzigern. Das ist lange vorbei, da “die Linken/Grünen” inzwischen sowas von irre geworden sind… und ich normal geblieben bin.

  3. In Sachsen-Anhalt bekommen die Schundfunkfreunde langsam Muffensausen:

    “Mit Blick auf die Debatte um Reformen beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk warnte Haseloff vor einem Boykott von Bürgern beim Rundfunkbeitrag. “Wenn ein Großteil der Bevölkerung aussteigen würde, dann kriegen Sie das nicht mehr eingetrieben”, sagte der Politiker. “Da dürfen wir nie hinkommen.”

    Das sehe ich anders – Zahlungsboykott jetzt!

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